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IWF-Chefvolkswirt Blanchard : „Ich verstehe die Logik der Deutschen nicht“

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Zwei ist nicht genug: Olivier Blanchards Inflationsrechnung Bild: © 2012 Patrick Welter

Nach Ansicht von Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, sollte die Preissteigerung in Deutschland mehr als 2 Prozent betragen. Die Angst der Deutschen vor Inflation hält er für übertrieben.

          5 Min.

          Herr Blanchard, können Sie uns in einem Satz die Lage der Weltwirtschaft beschreiben?

          Die Erholung der Weltwirtschaft dauert an, aber sie hat sich abgeschwächt. Wir sind nicht in einer Rezession, aber das Wachstum ist deutlich zu schwach. Es reicht nicht aus, die Arbeitslosigkeit in den Industrienationen zu senken.

          Droht Europa wegen der Euro-Krise ein verlorenes Jahrzehnt, wie Japan es erlebt?

          Es gibt Grund zur Sorge, und man muss vorsichtig sein. Wir wissen, dass Finanzkrisen im Gegensatz zu einer normalen Rezession sehr lang andauernde Effekte haben. Sie scheinen mit ungewöhnlich schweren Schäden verbunden zu sein, die repariert werden müssen, und das braucht seine Zeit. Keine Frage, nach dieser Krise muss uns das japanische Beispiel beunruhigen.

          Wiederholen wir die japanischen Fehler?

          Sicher hat Japan nach dem Platzen seiner Finanz- und Immobilienblase Fehler gemacht. Mit den Banken haben sie nicht in angemessener Geschwindigkeit gehandelt. Die anfängliche hohe Abhängigkeit von staatlichen Wachstumsprogrammen war möglicherweise unklug, und die Geldpolitik nicht expansiv genug. Aber das sind Fehler, die sich im Nachhinein herausgestellt haben. Für die Eurozone bin ich optimistischer.

          Warum?

          Die geldpolitische Reaktion war viel stärker und viel schneller, viel transparenter und schlüssiger. Wir haben in Europa und in Amerika die Falle der Deflation vermieden. Mit den Signalen, die die Zentralbanken ausgesandt haben, haben wir es besser gemacht, denke ich. Auch für die Banken sieht es anders aus, obwohl es da noch viel zu tun gibt, besonders in Europa. Japanische Banken haben nach dem Platzen der Blase weiter Geld an Zombie-Unternehmen verliehen. Es hat lange Zeit gedauert, dieses Problem zu lösen, während die Leute, die einen Kredit benötigten, ihn nicht bekommen haben. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen ist in Europa und den Vereinigten Staaten eingeleitet. Aus allen diesen Gründen bin ich optimistisch, dass die Dinge besser werden.

          Aber das Potentialwachstum Europas und Amerikas liegt deutlich unter dem von vor der Finanzkrise.

          Das scheint in vielen, wenn auch nicht in allen Finanzkrisen so zu sein. Es gibt eine große Unsicherheit darüber, wie stark der Schaden dieser Finanzkrise ist. Wenn Unsicherheit einer der Gründe für die gegenwärtige Abschwächung ist, was ich glaube, und wenn die beschlossenen Maßnahmen diese Unsicherheiten beseitigen, dann kann sich das Wachstum besser entwickeln als in unseren Prognosen.

          In Deutschland gibt es Sorgen, dass mit der geldpolitischen Lockerung eher die Inflation als das Wachstum angeheizt wird. Teilen Sie diese Sorgen?

          Damit mehr Geld zu mehr Inflation führt, braucht es mehr Lohnerhöhungen. Davon ist zurzeit wenig zu sehen. Auf absehbare Zukunft wird die hohe Arbeitslosigkeit dies in den meisten Ländern wohl kaum zulassen. In Deutschland ist das anders. Da wird die niedrigere Arbeitslosigkeit früher zu höherem Lohnwachstum führen. Aber das ist richtig so. Ganz ehrlich, ich verstehe die Logik der deutschen Position nicht. Deutschland bekennt sich zum Ziel der EZB, eine Inflation von 2Prozent zu erreichen. Das ist der erste Punkt. Und Deutschland glaubt zweitens, dass die Peripherieländer der Eurozone wettbewerbsfähiger werden müssen. So weit stimme ich mit beiden deutschen Positionen überein. In vielen Ländern wäre es besser, wenn ihre Inflation unter 2 Prozent läge, damit sie wettbewerbsfähiger würden. Und in den Peripherieländern läuft es auch darauf hinaus. Dann müssen die anderen Länder bei 2 Prozent Inflation in der Eurozone aber höhere Inflationsraten haben. Das ist einfach eine Sache der Arithmetik. Wenn wir null Prozent oder sogar weniger in den südlichen Eurostaaten haben, müssen Deutschland, Frankreich und andere mehr als 2Prozent haben.

          Wie viel Inflation wünschen Sie sich für Deutschland?

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