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IWF-Chefvolkswirt Blanchard : „Ich verstehe die Logik der Deutschen nicht“

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Wenn wir null im Süden haben, brauchen wir 4 im Norden, um die 2 Prozent in der Eurozone zu erreichen. Deutschland hat zudem einen großen Überschuss in der Leistungsbilanz. Es gibt aber keinen guten Grund dafür, warum die Deutschen einen solchen Leistungsbilanzüberschuss auf Dauer haben wollen. Leistungsbilanzüberschüsse sind nicht unbedingt ein Zeichen von Stärke, speziell dann nicht, wenn sie auf Zurückhaltung bei Löhnen und Investitionen basieren. Aus meiner Sicht wäre es die richtige Politik für Deutschland, die heimischen Investitionen zu beleben und damit zunächst den Überschuss in der Leistungsbilanz zu verringern. Das würde helfen, den Euro zu festigen und die Löhne zu erhöhen - und damit die Kaufkraft der Deutschen. Ich würde dabei auch nicht von Inflation sprechen, eher von einer Anpassung der relativen Preise. Wenn ich alles mit diesem Begriff erklärt hätte und nicht mit dem Wort Inflation, wäre es vielleicht leichter.

Sie glauben, es ist nur ein semantisches Problem?

Sobald Sie Inflation sagen, glauben die deutsche Öffentlichkeit und viele politische Entscheidungsträger aufgrund der historischen Erfahrungen, dass Inflation nur der erste Schritt zur Hyperinflation ist. Wir müssen sehr vorsichtig sein, aber ich sehe nicht das geringste Risiko für so etwas wie eine Hyperinflation, solange die EZB dem 2-Prozent-Ziel verpflichtet ist und ihre Unabhängigkeit unangetastet bleibt. Das ist sehr wichtig. In Deutschland wird die Inflation aber für eine Reihe von Jahren höher als 2 Prozent sein müssen, wenn der Lohndruck in der Peripherie weiter abnimmt. Das erhöht nicht nur die Kaufkraft der Deutschen, sondern trägt auch dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit der anderen Euroländer zu stärken.

Die Bundesbank würde Ihnen entgegnen, dass Überschüsse in der Handelsbilanz nicht planbar sind. Das sind unabhängige Entscheidungen von Käufern und Anbietern.

Man kann Investitionen mit guter Politik beeinflussen.

Haben Sie keine Sorge, dass die Zentralbanken in der Krise zu stark von der Politik unter Druck gesetzt werden?

Druck hat es immer gegeben. Ich bin aber nicht besorgt, dass die EZB zum Beispiel Anweisungen von Finanzministern entgegennimmt. EZB-Präsident Mario Draghi ist keine Inflationstaube und wird von keinem Minister Weisungen entgegennehmen.

Gefährden die Notenbanken ihre Unabhängigkeit, wenn sie in großem Stil Staatsanleihen kaufen?

Nein, das beunruhigt mich gar nicht. Früher hat man das als Offenmarktpolitik bezeichnet, und es war weit verbreitet. Wenn sich ein potentieller Inflationsdruck aufbauen sollte, bin ich sicher, dass die Notenbanken die Liquidität zurückführen werden und die Zinsen erhöhen, um sicherzustellen, dass die Inflation nicht ausufert. In der gegenwärtigen Lage müssen sie wegen der Notwendigkeit der Konsolidierung der Staatsfinanzen und der Zinsen nahe an null alle Wege nutzen, die sie haben, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Die fiskalpolitischen Multiplikatoren waren nach IWF-Analyse in jüngster Zeit stärker als erwartet. Sollte statt der Geldpolitik die Fiskalpolitik stärker zur Bewältigung der Krise herangezogen werden?

Es ist nicht offensichtlich, dass starke fiskalpolitische Multiplikatoren darauf verweisen, man müsse mehr oder weniger Konsolidierung haben. Wir müssen über das Tempo der Konsolidierung der Staatsfinanzen entscheiden. Es ist jetzt aber nicht die Zeit für finanzpolitische Stimuli. Wir haben ein solches Niveau der Verschuldung, dass wir mit dem Feuer spielen würden.

Es gibt also keinen Raum für finanzpolitische Stimuli im Euroraum?

Nein.

Und in den Vereinigten Staaten?

Auch nicht.

In anderen Ländern?

In einigen Schwellenländern ist es möglich, so zu reagieren, wenn ihre Exporte schwächer werden. China ist so ein Land, das handeln kann.

Sie empfehlen zur Rettung der Währungsunion eine Bankenunion und eine Vergemeinschaftung von Haushaltsrisiken. Wäre der Druck des Marktes nicht der bessere Weg, die Krise zu lösen?

Nein, wir wissen, dass das nicht funktioniert. Der Druck des Marktes hat absolut nichts getan, bis es zu spät war. Und dann ist der Markt paranoid geworden und hat nach verrückt hohen Zinsen verlangt.

Und Eurobonds?

Eurobonds ohne Finanzregierung gehen nicht. Das ist wie bei einem IWF-Programm: Auf der einen Seite machen sie eine Finanzierung verfügbar, auf der anderen Seite gibt es Bedingungen.

In extrem unsicheren Zeiten wie diesen, wie fühlen Sie sich da eigentlich, wenn Sie Wachstumsprognosen abgeben?

Wir tun unser Bestes. Es ist ja nicht so, dass wir das alles verstehen. Aber wir wissen, dass wir nicht in normalen Zeiten agieren, und das berücksichtigen wir in unseren Berechnungen.

Die Fragen stellten Carsten Germis und Patrick Welter.

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