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Italien : Gebt uns ein normales Land!

EZB-Chef Draghi warnte in Rom

An einem anderen Brennpunkt, in der nordöstlichen Region Friaul, drohte der schwedische Konzern Electrolux damit, eine Fertigung zu schließen. Trotz solcher Fälle sind die Gewerkschaften (noch) nicht bereit, über die Rücknahme von einheitlichen Lohnerhöhungen auf nationaler Ebene zu verhandeln.

Auf diese Wirtschaftsstrukturen und Verhaltensweisen bezog sich der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, als er vor einigen Monaten in Rom sagte, der Erfolg der Währungsunion habe jahrelang die wachsenden Risiken für viele Länder verdeckt. „Die Mitgliedsländer, mit Ausnahme Deutschlands und weniger anderer, verzögerten strukturelle Reformen, mit denen die Wettbewerbsfähigkeit von obsoleten Wirtschaftsstrukturen wieder hergestellt hätte werden können“. Für eine sich bessernden Wettbewerbsfähigkeit, Firmengründungen wie in den siebziger Jahren oder viele neue Arbeitsplätzen gibt es derzeit keine Anzeichen.

Die einzige spürbare Veränderung für die Italiener in den vergangenen Jahren war die kräftig gestiegene Abgabenquote von 42,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2011 auf mindestens 44,3 Prozent im Jahr 2013. In italienischen Medien wird im Zusammenhang damit herausgestellt, dass das Land damit nur noch knapp unterhalb von Schweden liegt - ohne jedoch vergleichbare Sozialleistungen oder eine funktionierende Staatsorganisation zu bieten.

Die Flucht der hellen Köpfe

Für die jungen Italiener ergibt sich daraus eine ziemlich hoffnungslose Perspektive: Wer arbeiten will, muss schon für schlecht bezahlte Zeitverträge dankbar sein und hat wenig Hoffnung auf eine Festanstellung. Rund zwei Millionen junge Italiener im Alter zwischen 15 und 29 Jahren sind nach Angaben des Statistikamtes weder in Arbeit noch in einer Ausbildung.

In dieses Bild passt auch, dass 3,5 Millionen junge Italiener im Alter bis 35 Jahre noch bei den Eltern leben. Eine seriöse Meinungsumfrage ergab zudem, dass 28 Prozent der Italiener im Alter zwischen 35 und 40 Jahren noch immer auf „Taschengeld“ von den Eltern angewiesen sind.

Kein Wunder, dass immer mehr die Rede ist von der „Flucht der hellen Köpfe“. Die letzten Daten aus dem Jahr 2013 berichten von 140.000 Auswanderern, darunter Zehntausende junge, gut ausgebildete Italiener im Alter von bis zu 40 Jahren. Der Sender „Radio24“ aus dem Wirtschaftsverlag Il Sole 24 Ore stellt seit vier Jahren die Lebensläufe der jungen Auswanderer vor. Zum Beispiel Ingenieur Marco Vismara, 28 Jahre alt, der in Berlin ein eigenes Unternehmen eröffnete und sagt: „Italiens Führungspersönlichkeiten sind in den achtziger Jahren stehengeblieben und reden nur, statt etwas zu tun.“ Oder Luana Ricca, eine 36 Jahre alte Chirurgin, die in Paris selbständig Lebertransplantationen ausführt, in Italien aber mangels Beziehungen nirgends eingestellt werde.

Die jungen Italiener im Ausland wünschen sich für Italien all das, was sie bisher in ihrer Heimat nicht gefunden haben: Einstellungen, die nach Leistung und nicht nach Beziehungen entschieden werden, Verantwortung und selbständiges Arbeiten auch für junge Mitarbeiter. Und nicht zuletzt auch attraktive Gehälter.

Abgehoben wirkt dagegen die italienische Politik. 950 Parlamentarier in zwei Kammern kosteten im Jahr 2013 insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro. Deren vollmundig angekündigte Reformpakete wirken so gut wie gar nicht - denn für ihre konkrete Anwendung fehlen noch beinahe 500 Ausführungsbestimmungen. In dieser Situation protestieren die Unternehmer nun auch vor dem Parlament: „Gebt uns ein normales Land“, sagt Unternehmerpräsident Squinzi: „Und wir zeigen, was wir können.“

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