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Goldman-Chefvolkswirt Hatzius : „Das größte Risiko für Europa geht von Italien aus“

  • Aktualisiert am

Jan Hatzius, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs Bild: Wonge Bergmann

Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, fürchtet die politische Unzuverlässigkeit der Südeuropäer und empfiehlt den Deutschen mehr Inflation.

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          Herr Hatzius, was erwartet uns 2014?

          Ich bin recht optimistisch, viel optimistischer, als ich es in früheren Jahren gewesen bin. Und wissen Sie, woran das liegt? Die wichtigste Kraft der Weltwirtschaft, die Vereinigten Staaten, kommt endlich wieder in Gang: Wir erwarten, dass die amerikanische Wirtschaftsleistung 2014 um 3,3 Prozent zulegen wird – der stärkste Zuwachs seit der Finanzkrise. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Amerikaner wieder mehr konsumieren. Im vergangenen Jahr stiegen die Steuern um zwei Prozent des verfügbaren Einkommens, solche Erhöhungen drohen 2014 nicht. Und auch Europa kommt langsam wieder auf die Beine: Hier rechnen wir mit einem Plus von 1,1 Prozent – die Zeiten der Rezession im Euroraum sind damit vorbei.

          Ihre Zuversicht in Ehren: Aber die Notenbanken halten die Zinsen weiter auf niedrigstem Niveau, obwohl es der Wirtschaft Ihren Worten zufolge bessergeht. Ist das nicht ein Widerspruch?

          Nein, das sehe ich anders. Das Wirtschaftswachstum in Amerika verbessert sich zwar, aber die Zahl der Beschäftigten ist noch nicht hoch genug. Außerdem liegt die Inflation klar unter der Zielmarke von zwei Prozent, die die amerikanische Notenbank Fed eigentlich anstrebt. Daher ist eine lockere Geldpolitik weiter gerechtfertigt.

          In Europa gibt es Stimmen, die sagen, Fed-Präsident Ben Bernanke habe mit dieser Geldpolitik die Saat für die nächste Krise gelegt.

          Da bin ich anderer Meinung. Zugegeben, vor Ausbruch der Finanzkrise hat die Fed die Ungleichgewichte an den Immobilienmärkten unterschätzt. Mit den Herausforderungen der Krise ist Bernanke dann aber auf erstklassige Weise umgegangen: Er hat die Zinsen auf einen Wert nahe null Prozent gesenkt, er hat mit dem „Quantitative Easing“ begonnen – also der Politik des Aufkaufs von Staats- und Hypothekenanleihen durch die Notenbank. Das alles war richtig. Ich hätte mir nur eines gewünscht: Dass er die Anleihekäufe noch entschlossener angegangen wäre, also mit höheren Summen auch schon in den Jahren 2010 und 2011. Ich weiß, dass dies in Europa viele anders sehen, aber ich bin überzeugt: Dann wäre der Aufschwung in Amerika stärker ausgefallen, mehr Menschen hätten Arbeit gefunden und der Ausstieg aus dem Kaufprogramm wäre jetzt einfacher. Abgesehen davon, bleibe ich dabei: Seine Bilanz ist positiv.

          Löst Janet Yellen genauso viel Begeisterung bei Ihnen aus? Sie übernimmt im Februar Bernankes Posten.

          Ich denke, sie wird sehr ähnlich agieren, die beiden kommen aus der gleichen ökonomischen Schule: Beide sind überzeugt davon, dass Geld- und Fiskalpolitik eine wichtige Rolle spielen, um Konjunkturschwankungen auszugleichen. Allerdings wissen sie auch, dass Notenbanken die Inflation mittelfristig auf einem niedrigen und stabilen Wert halten müssen. Vermutlich wird Yellen noch etwas stärker auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt achten als Bernanke.

          Was heißt das konkret?

          Ich erwarte, dass sie die Anleihekäufe wie bisher unter Bernanke monatlich um zehn Milliarden Dollar reduzieren wird. Gleichzeitig erwarte ich aber auch, dass die erste Zinserhöhung erst Anfang 2016 erfolgt. So lange wird es vermutlich dauern, bis Amerika sich der Vollbeschäftigung annähert und die Inflation wieder in der Nähe von zwei Prozent liegt.

          Aber diese Niedrigzinspolitik erzeugt doch irgendwann Blasen an den Finanzmärkten, oder nicht?

          Die Notenbanken sollten diese Gefahr zwar nie aus den Augen verlieren, aber derzeit sehe ich sie nicht als sehr groß an. Zugegeben: Die Aktienkurse sind seit der Krise stark gestiegen, und wichtige Bewertungskennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis notieren mittlerweile leicht über ihrem langjährigen Durchschnitt. Aber ein besorgniserregendes Niveau ist das noch nicht. Auch die Bewertungen von Firmenanleihen und Hypothekenpapieren bewegen sich in einem akzeptablen Bereich. Mindestens genauso wichtig ist: Haushalte und Unternehmen nehmen noch immer in recht verhaltenem Maße neue Kredite auf. Auch das ist ein beruhigendes Signal.

          Sorglose Zeiten also. Ist das auch Ihre Botschaft für Europa?

          Moment, ich habe nie von Sorglosigkeit gesprochen, sondern von Zuversicht. Das ist ein Unterschied. In der Tat befinden sich die meisten Euro-Krisenländer inmitten eines schmerzhaften Anpassungsprozesses: Es gibt Fortschritte, allerdings nur langsame. Spanien ist deutlich wettbewerbsfähiger als noch vor ein paar Jahren, die Lohnstückkosten sind erheblich gesunken. Allerdings geht dies einher mit hohen sozialen Kosten, die Arbeitslosigkeit liegt immer noch bei mehr als 26 Prozent. Dennoch ist Spanien auf einem guten Weg, auch in Griechenland sehe ich Fortschritte. Die größten Risiken für den Euroraum gehen dagegen meines Erachtens von einem anderen Land aus: Italien.

          Wieso das?

          Italien hat zwar seine Haushaltslage verbessert, ist aber noch immer nicht ausreichend wettbewerbsfähig. Zumal Italien eine besondere politische Historie hat und Sie nie wissen, wie sich die dortigen Regierungskonstellationen verändern. Aus all diesem kann sich ein solcher Rückschlag bei der Bekämpfung der Krise ergeben, dass wir uns wieder um die Zukunft des Euro Sorgen machen müssten. Wie gesagt: Meine Erwartung ist dies nicht – nur völlig ausschließen lässt sich eine solche Entwicklung leider auch nicht.

          Die Inflation jedenfalls ist derzeit niedrig: Die Teuerung im Euroraum liegt bei 0,7 Prozent, in Deutschland bei 1,5 Prozent. Ein starker Anstieg droht nicht?

          Die Inflation im Euroraum liegt in der Tat deutlich unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von etwas weniger als zwei Prozent. Insbesondere in Deutschland wäre derzeit etwas mehr Inflation wünschenswert – ein Wert von drei Prozent ist aus meiner Sicht durchaus vertretbar.

          Vorsicht, das hören die Deutschen nicht gerne.

          Dessen bin ich mir bewusst. Aber das Entscheidende für den Euroraum ist: Es muss eine Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Deutschland und den Krisenländern geben. Dafür ist in den Krisenstaaten eine etwas niedrigere Inflation als im europäischen Durchschnitt nötig, in Deutschland aber eine etwas höhere.

          Auf Kosten unserer Kaufkraft!

          So wird oft argumentiert. Tatsächlich ist es doch so: Höhere Preise bedeuten ja nicht automatisch eine Verschlechterung des Lebensstandards, sondern gehen in der Regel auch mit höheren Löhnen einher. Das stärkt die Nachfrage und hilft auch den Krisenländern, weil die Deutschen dann vermehrt deren Produkte kaufen. Dies alles trägt dazu bei, die Ungleichgewichte im Euroraum zu verringern.

          Stärker als um Europa sorgen sich viele Anleger derzeit um die Schwellenländer. Ist deren Aufstieg vorbei?

          Langfristig sehen wir dort noch eine Menge Wachstumspotential. Aber derzeit ist die Situation schwieriger: Viele Schwellenländer haben viel konsumiert und viele Kredite aufgenommen, weil das globale Zinsniveau so niedrig war. Brasilien und Indien sind dafür Beispiele. Darum ist eine Normalisierung dieses realen weltweiten Zinsniveaus für viele Schwellenländer ziemlich schmerzhaft.

          Wenn sich Anleger stattdessen auf Europa und Amerika konzentrieren, können sie also nichts falsch machen?

          Das will ich so nicht sagen. Wenn unsere Prognosen zutreffen, dürfte das wirtschaftliche Umfeld den Anlegern gefallen: ein höheres Wachstum bei dennoch verhaltener Inflation und relativ lockerer Geldpolitik. Eine Garantie für eine Fortsetzung der Aktienrally ist dies jedoch nicht. Denn bekanntlich ziehen die Märkte oft ihre ganz eigene Schlussfolgerungen.

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