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Goldman-Chefvolkswirt Hatzius : „Das größte Risiko für Europa geht von Italien aus“

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Sorglose Zeiten also. Ist das auch Ihre Botschaft für Europa?

Moment, ich habe nie von Sorglosigkeit gesprochen, sondern von Zuversicht. Das ist ein Unterschied. In der Tat befinden sich die meisten Euro-Krisenländer inmitten eines schmerzhaften Anpassungsprozesses: Es gibt Fortschritte, allerdings nur langsame. Spanien ist deutlich wettbewerbsfähiger als noch vor ein paar Jahren, die Lohnstückkosten sind erheblich gesunken. Allerdings geht dies einher mit hohen sozialen Kosten, die Arbeitslosigkeit liegt immer noch bei mehr als 26 Prozent. Dennoch ist Spanien auf einem guten Weg, auch in Griechenland sehe ich Fortschritte. Die größten Risiken für den Euroraum gehen dagegen meines Erachtens von einem anderen Land aus: Italien.

Wieso das?

Italien hat zwar seine Haushaltslage verbessert, ist aber noch immer nicht ausreichend wettbewerbsfähig. Zumal Italien eine besondere politische Historie hat und Sie nie wissen, wie sich die dortigen Regierungskonstellationen verändern. Aus all diesem kann sich ein solcher Rückschlag bei der Bekämpfung der Krise ergeben, dass wir uns wieder um die Zukunft des Euro Sorgen machen müssten. Wie gesagt: Meine Erwartung ist dies nicht – nur völlig ausschließen lässt sich eine solche Entwicklung leider auch nicht.

Die Inflation jedenfalls ist derzeit niedrig: Die Teuerung im Euroraum liegt bei 0,7 Prozent, in Deutschland bei 1,5 Prozent. Ein starker Anstieg droht nicht?

Die Inflation im Euroraum liegt in der Tat deutlich unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von etwas weniger als zwei Prozent. Insbesondere in Deutschland wäre derzeit etwas mehr Inflation wünschenswert – ein Wert von drei Prozent ist aus meiner Sicht durchaus vertretbar.

Vorsicht, das hören die Deutschen nicht gerne.

Dessen bin ich mir bewusst. Aber das Entscheidende für den Euroraum ist: Es muss eine Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Deutschland und den Krisenländern geben. Dafür ist in den Krisenstaaten eine etwas niedrigere Inflation als im europäischen Durchschnitt nötig, in Deutschland aber eine etwas höhere.

Auf Kosten unserer Kaufkraft!

So wird oft argumentiert. Tatsächlich ist es doch so: Höhere Preise bedeuten ja nicht automatisch eine Verschlechterung des Lebensstandards, sondern gehen in der Regel auch mit höheren Löhnen einher. Das stärkt die Nachfrage und hilft auch den Krisenländern, weil die Deutschen dann vermehrt deren Produkte kaufen. Dies alles trägt dazu bei, die Ungleichgewichte im Euroraum zu verringern.

Stärker als um Europa sorgen sich viele Anleger derzeit um die Schwellenländer. Ist deren Aufstieg vorbei?

Langfristig sehen wir dort noch eine Menge Wachstumspotential. Aber derzeit ist die Situation schwieriger: Viele Schwellenländer haben viel konsumiert und viele Kredite aufgenommen, weil das globale Zinsniveau so niedrig war. Brasilien und Indien sind dafür Beispiele. Darum ist eine Normalisierung dieses realen weltweiten Zinsniveaus für viele Schwellenländer ziemlich schmerzhaft.

Wenn sich Anleger stattdessen auf Europa und Amerika konzentrieren, können sie also nichts falsch machen?

Das will ich so nicht sagen. Wenn unsere Prognosen zutreffen, dürfte das wirtschaftliche Umfeld den Anlegern gefallen: ein höheres Wachstum bei dennoch verhaltener Inflation und relativ lockerer Geldpolitik. Eine Garantie für eine Fortsetzung der Aktienrally ist dies jedoch nicht. Denn bekanntlich ziehen die Märkte oft ihre ganz eigene Schlussfolgerungen.

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