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Institut für Wirtschaftsforschung Halle : Deutschland bleibt bis 2014 Defizit-Sünder

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Viele Wirtschaftsforschungsinstitute glauben, dass es mit der Konjunktur nur langsam voran geht Bild: picture alliance / dpa

Deutschland kann nach einer Prognose des Instituts IWH frühestens 2014 wieder die Verschuldungsgrenzen des EU-Stabilitätspakts einhalten. Die Konjunktur kommt laut IWH erst Ende 2010 wieder in Fahrt. Auch andere Institute blicken mit Sorge ins neue Jahr.

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          Deutschland wird nach Einschätzung des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erst 2014 wieder das europäische Defizit-Kriterium erfüllen. Erst in fünf Jahren werde die Neuverschuldung mit rund zweieinhalb Prozent unter der Maastricht-Hürde von drei Prozent liegen, teilte das IWH am Dienstag in einer Mittelfristprognose mit. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) plant hingegen, bereits 2013 den Stabilitäts- und Wachstumspakt wieder einzuhalten.

          Die Hallenser Experten legen ihrem Rechenmodell die Annahme zugrunde, dass die deutsche Wirtschaft von 2012 bis 2014 jährlich um zwei Prozent wächst. Wenn die Finanzpolitik die Schuldenbremse ernst nehme, ergebe sich ein notwendiges Einsparvolumen von knapp 60 Milliarden Euro, teilte das IWH mit: „Wird im Jahr 2011 mit der Konsolidierung begonnen und soll die strukturelle Defizitquote im Jahr 2016 bis auf 0,35 Prozent des nominalen Bruttoinlandsproduktes zurückgeführt worden sein, müssten durchschnittlich elf Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden.“ Dies sei ambitioniert, aber nicht aussichtslos. Bei weiteren Steuerentlastungen oder Mehrausgaben müsse der Spielraum hierfür zusätzlich erwirtschaftet werden.

          Die Konjunktur in Deutschland kommt nach Ansicht des IWH erst Ende 2010 wieder in Fahrt. In den Jahren 2011 bis 2014 werde die Wirtschaft dann wieder stärker wachsen. Die Konjunktur werde sich bis dahin nach dem drastischen Einbruch in diesem Jahr nur zögerlich erholen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird nach der mittelfistigen Prognose des IWH in den Jahren 2012 bis 2014 pro Jahr um durchschnittlich zwei Prozent zunehmen. Für 2010 geht das Institut von einem Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent, für 2011 von 1,8 Prozent aus.

          DIW: Konjunktur verliert zum Jahresende an Fahrt

          Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) wird die Konjunktur in Deutschland zum Ende des laufenden Jahres zunächst etwas an Fahrt verlieren. Von Oktober bis Dezember dürfte die Wirtschaft um 0,6 Prozent zum Vorquartal wachsen, erklärte das DIW am Dienstag. Die Berliner Forscher sehen den Aufwärtstrend weiter intakt, äußerten sich aber etwas weniger optimistisch als zuletzt. Bisher hatten sie für das Jahresende ein Wachstum von 0,8 Prozent vorausgesagt.

          „Grund hierfür ist die Entwicklung in den Industriesektoren, deren Wachstumsdynamik mit 1,6 Prozent weniger kräftig ausfällt als noch im November veranschlagt wurde“, hieß es zur Erklärung. Im Sommerquartal hatte die deutsche Wirtschaft um 0,7 Prozent zugelegt und sich damit endgültig aus der Rezession gelöst. Für das nächste Jahr erwarten die meisten Experten zwar ein Wirtschaftswachstum von bis zu zwei Prozent, sehen aber vorerst noch keinen stabilen und selbsttragenden Aufschwung. Das DIW veröffentlicht seine neue Konjunkturprognose am 7. Januar.

          Sorge hinsichtlich der Investitionstätigkeit und des Konsums

          Auch das Münchener Ifo Institut trifft eine eher pessimistische Aussage für die Investitionstätigkeit im kommenden Jahr. Nach einem dramatischen Einbruch im laufenden Jahr werden die Investitionen in der westdeutschen Industrie 2010 dem Institut zufolge nur sehr langsam anziehen: Erwartet wird ein Anstieg von 2 Prozent. Für dieses Jahr ergab eine Umfrage unter 1800 Unternehmen einen Rückgang der Investitionen um 22 Prozent auf 36,5 Milliarden Euro.

          Das Minus sei deutlich stärker ausgefallen, als Anfang des Jahres erwartet, erklärten die Wirtschaftsforscher. Insbesondere große Unternehmen hätten ihre Budgets im Laufe des Jahres deutlich reduziert. Die mit 25 Prozent größten Einbrüche ergaben sich laut Ifo bei jenen Unternehmen, die selbst Investitionsgüter produzieren. Im kommenden Jahr werde sich die konjunkturelle Lage zwar erholen, Nachfrage und Kapazitätsauslastung seien aber nach wie vor schwach und bremsten die Investitionen, erklärten die Wirtschaftsforscher. Steigende Ausgaben planten vor allem große Unternehmen, kleinere hätten dagegen weitere Kürzungen vor. Sollte die Konjunktur stärker anziehen, könnten gerade die flexiblen kleineren Betriebe allerdings noch nachlegen.

          Schlechte Nachrichten hatte an diesem Dienstag außerdem die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg zu vermelden: Die Verbraucherstimmung kühlt sich demnach zum Jahresende weiter ab. Vor allem steigende Energiepreise belasteten das Konsumklima, teilte die GfK mit. Hinzu komme, dass die Bürger aus Angst vor schlechteren Zeiten auf dem Arbeitsmarkt ihr Geld verstärkt auf die hohe Kante legten, anstatt es auszugeben. Für Januar hat die GfK einen Konsumklima-Wert von 3,3 Punkten errechnet, das sind 0,3 Punkte weniger im Dezember. Damit verschlechtert sich das Konsumklima bereits zum dritten Mal
          in Folge.

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