https://www.faz.net/-gqe-13ec7

Inflation : Ökonomen erwarten keine gefährliche Deflation

Bild: dpa

Die Lebenshaltungskosten in Deutschland sind zum ersten Mal deutlich geringer als vor einem Jahr. Eine Abwärtsspirale der Preise sehen Ökonomen aber nicht. Anleger erhalten derzeit nur geringe Zinsen.

          3 Min.

          Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren sind die Verbraucherpreise auf Jahressicht deutlich gefallen. Die Inflationsrate betrug im Juli minus 0,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Zuvor hatten die Statistiker sogar eine Rate von minus 0,6 Prozent geschätzt. Trotz der Inflationsraten unter der Nulllinie sehen Ökonomen keinen breiten Preisverfall, der für die Volkswirtschaft gefährlich werden könnte. „Die leicht negative Inflationsrate spiegelt in erster Linie den zeitlichen Vergleich mit den extrem hohen Erdölpreisen vor einem Jahr wider“, sagte Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats, dieser Zeitung. „Von einer Deflation kann keine Rede sein.“ Schon in den nächsten Monaten werde die Inflation wieder steigen, sagte Franz.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach Berechnung der Statistiker haben sich Energieprodukte gegenüber Juli 2008 um 11,5 Prozent verbilligt, Benzin und Diesel sogar um mehr als ein Viertel. Der Rohölpreis hatte vor gut einem Jahr seinen bisherigen Höchststand erklettert und war danach steil gefallen. Auch viele Nahrungsmittel, zum Beispiel Milchprodukte und Gemüse, sind heute deutlich günstiger als vor einem Jahr. Ohne Berücksichtigung der Preise für Energie und Nahrungsmittel liegt die Inflationsrate bei 1,4 Prozent. Ökonomen bezeichnen dies als Kernrate der Inflation.

          Negativ und positiv

          „Die Inflation ist wegen der gefallenen Energiepreise negativ, das ist für die deutsche Wirtschaft positiv, weil sie von Kosten entlastet wird“, erklärt der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer. Wegen der Rezession werde die Kernrate der Inflation zwar unter 1 Prozent fallen, aber nicht negativ werden. Nach Ansicht vieler Volkswirte hilft die niedrige Teuerung der Konjunktur, weil sie die Kaufkraft der Verbraucher stärkt. Während sich die Lebenshaltung derzeit auf Jahressicht nicht verteuert hat, sind die Tariflöhne in Deutschland nach Angaben der Statistiker seit April 2008 um 2,7 Prozent gestiegen. Daraus ergibt sich ein kräftiger Reallohnanstieg. Der Konsum ist deshalb auch in der Rezession noch recht stabil. „Überspitzt formuliert, könnte man von ,guter Deflation‘ sprechen“, sagte Krämer. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben die Deutschen durch den Fall der Ölpreise eine Entlastung, die höher ist als das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung mit 50 Milliarden Euro.

          Was heißt hier Inflation?

          Eine Deflation könnte entstehen, wenn die Unternehmen wegen mangelnder Nachfrage ihre Produkte nur noch zu Schleuderpreisen verkaufen können. Norbert Walter, der Chefökonom der Deutschen Bank, erklärt es so: „Wenn die Mehrheit der Bürger erwartet, dass die Preise fallen werden, und wenn deshalb Käufe verschoben werden, dann gibt es Deflation.“ Doch viele Bürger hätten ganz andere Sorgen. Sie erwarteten nicht fallende Preise, sondern befürchteten eine galoppierende Inflation, sagt Walter, „weil die Geldbasis so stark ausgeweitet wurde und es so riesige Staatsdefizite gibt“. Diese Sorge werde sich aber als unbegründet erweisen, meinte Walter. Die Europäische Zentralbank (EZB) sei unabhängig. Sie werde bei steigenden Inflationserwartungen rechtzeitig aus der expansiven Geldpolitik aussteigen.

          Festgeldzinsen stark gesunken

          Derzeit befindet sich der EZB-Leitzins auf einem historisch niedrigen Niveau. Die Zentralbank hat den Leitzins seit Herbst von 4,25 auf 1 Prozent gesenkt. Das beeinflusse vor allem das kurze Ende der Zinskurve, also die Renditen von festverzinslichen Wertpapieren mit kurzer Laufzeit, sagt Birgit Figge, Analystin der DZ Bank. So rentieren einjährige Bundesanleihen derzeit mit 0,74 Prozent, während zehnjährige Titel 3,48 Prozent abwerfen. Die langfristigen Zinsen sind stärker von den Inflationserwartungen und der Aussicht auf eine Erholung der Konjunktur bestimmt. Privatleute, die ihr Erspartes als zwölfmonatiges Festgeld anlegen, erhalten nach Angaben der Finanzberatung FMH von den Banken derzeit im Durchschnitt nur 1,59 Prozent. Im Herbst 2008 lag der durchschnittliche Festgeldzins noch viel höher bei 4,87 Prozent.

          Dagegen sind die Kreditzinsen für die Verbraucher viel weniger gesunken. Derzeit zahlt der Kunde den FMH-Daten zufolge für einen 15 Jahre laufenden Hypothekenkredit im Schnitt 4,86 Prozent, ein fünfjähriges Baugeld gibt es für 3,90 Prozent. Die Zinsen hatten sich im Sommer 2008 für kurze Zeit angenähert, grundsätzlich waren langfristige Hypothekenkredite aber immer teurer als kurzfristige. Allerdings ist das kurzfristige Baugeld im Vergleich zum Vorjahr deutlich billiger geworden. Vor zwölf Monaten lag der Zins für fünfjährige Hypothekenkredite noch bei 5,2 Prozent. Heute zahlt der Kunde 1,3 Prozentpunkte weniger. Ein Bankdarlehen über 15 Jahre kostete vor einem Jahr 5,4 Prozent und hat sich seitdem nur um 0,6 Prozentpunkte verbilligt.

          Weitere Themen

          Tipps für die Auswahl von E-Wallets Video-Seite öffnen

          Mobil Bezahlen : Tipps für die Auswahl von E-Wallets

          In E-Wallets kann man Geld speichern und damit mobil bezahlen. Besonders wichtig bei der Auswahl: die Sicherheitsstandards des Anbieters. Nutzer sollten aber auch auf bestimmte Funktionen und mögliche Gebühren achten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.