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Probleme befürchtet : Mit Litauen beginnt für den Euroraum eine neue Ära

Noch gewöhnungsbedürftig: Der Euro wird Zahlungsmittel in Litauen. Bild: AFP

Die baltische Republik Litauen führt als neunzehntes Land den Euro ein. Die Wirtschaft wächst, die Schulden sind gering. Doch für neunzehn Länder war die Währungsunion nicht geplant – das könnte Probleme geben.

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          Der kleine Zipfel ganz im Nordosten der Europäischen Union, in dem mit Euro gezahlt wird, weitet sich Richtung Westen bis an die Grenze Polens aus. Auf die nordöstlich gelegenen Nachbarn Estland und Lettland, die 2011 und 2014 den Euro einführten, folgt nun am 1. Januar 2015 Litauen. Die größte dieser drei baltischen Republiken ist das neunzehnte Land, in dem bald mit Euro bezahlt wird.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit einem Wachstum um voraussichtlich 2,9 Prozent gehört die litauische Wirtschaft in diesem Jahr zu den dynamischsten in der Europäischen Union. Der durchschnittliche Lohn liegt allerdings bei rund 700 Euro und damit bei lediglich zwei Dritteln des EU-Durchschnitts. Nur in der Hauptstadt Vilnius und rund um den Hafen Klaipedia verdienen die Litauer überdurchschnittlich. Damit der Euro bei ihnen nicht als Teuro in Verruf gerät, sind die Preise in den Geschäften schon seit Monaten in Euro und Litas ausgewiesen. Dennoch ist die Skepsis groß: Nur rund 40 Prozent der Litauer sprechen sich in Umfragen für den Euro aus.

          Auch die Deutschen könnten die Euroeinführung in Litauen skeptisch sehen. Denn die Währungsunion ist nur auf achtzehn Länder ausgelegt. Weil Litauen das neunzehnte Euroland ist, muss künftig bei Abstimmungen im Rat der Europäischen Zentralbank immer ein Mitglied bei der Stimmabgabe aussetzen. So kann es passieren, dass zum Beispiel Bundesbankpräsident Jens Weidmann künftig nicht mehr gegen den Kauf von Staatsanleihen stimmen kann. Litauens Zentralbankpräsident Vitas Vasiliauskas sagt zu diesen Bedenken: „Ein Zentralbankpräsident ohne Stimmrecht ist kein Zentralbankpräsident ohne Stimme.“ Was Vasiliauskas meint: Wer gerade kein Stimmrecht hat, kann dennoch in der Diskussion im Rat seine Meinung äußern.

          Bild: F.A.Z.

          Auch wenn einen diese Sicht nicht beruhigt, muss man aus deutscher Sicht den Betritt Litauens nicht als Nachteil empfinden. Schließlich sind die baltischen Länder Estland und Lettland mit ihren früheren Hansestädten geprägt von kühlem kaufmännischen Denken. Litauen ist zudem von der Wirtschaftskrise 2008/2009 besonders hart gestählt. Zwischen 2002 und 2007 war seine Wirtschaft noch um 8 Prozent im Jahr gewachsen, 2006 klopfte Litauen sogar schon einmal an das Tor zum Euro. Doch damals lag die Inflationsrate um weniger als 0,1 Prozentpunkte zu hoch, und nicht zuletzt Deutschland legte sein Veto ein. 2009 schrumpfte Litauens Wirtschaft dann um 14,9 Prozent – Rekord selbst im hart getroffenen Baltikum. Wie die anderen baltischen Republiken fand aber auch Litauen dank anziehener Exporte wieder schnell in die Erfolgsspur. Doch Basis dafür war, dass zwischen 2009 und 2013 die Lohnkosten um 15 Prozent fielen – ein Zeichen dafür, wie hart die Menschen dort im Nehmen sind.

          Aufschwung durch Sonderwirtschaftszonen

          Auf die Frage, ob südeuropäische Länder sich von dieser Anpassungsbereitschaft nicht eine Scheibe abschneiden sollten, sagt Notenbankpräsident Vasiliauskas: „Der Euroraum sollte sich wieder mehr an die Regeln halten, auf die sich die Länder verpflichtet haben.“ Tatsächlich erfüllt Litauen, anders als fast alle Euroländer, die Maastricht-Kritierien etwa zum öffentlichen Schuldenstand locker. Die Staatsverschuldung liegt mit nur 39 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weit unter dem EU-Durchschnitt von fast 91 Prozent, und mit einer Inflation von knapp zwei Prozent erfüllt Litauen fast spielend die Konvergenzkriterien.

          Den Aufschwung hin zu Wachstumsraten zwischen 1,5 und 6 Prozent seit 2010 hat Litauen auch geschafft, indem fünf Sonderwirtschaftszonen mit günstigen Steuersätzen geschaffen wurden. Britische und skandinavische Banken wie Barclays und SEB haben hier nun ihre IT-Abteilungen angesiedelt, der amerikanische Lebensmittelhersteller Mars produziert vor Ort Tierfutter. Deutsche Unternehmen wie der Fahrradhersteller Panther oder das Landwirtschaftsunternehmen KTG Agrar haben insgesamt 1 Milliarden Euro direkt in Litauen investiert.

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