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Im Gespräch: Starökonom Barry Eichengreen : „Die Griechen sind eure Lehman Brothers“

  • Aktualisiert am

Barry Eichengreen Bild: Roeder, Jan

Der amerikanische Starökonom Barry Eichengreen warnte schon früh, dass der Euro einen höheren Umverteilungsbedarf zwischen starken und schwächeren Volkswirtschaften nach sich ziehen werde. Jetzt glaubt er, eine dramatische Deflation sei im Anmarsch.

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          Der amerikanische Wissenschaftler Barry Eichengreen, Jahrgang 1952, ist einer der renommiertesten Analytiker der Weltwirtschaft. Er lehrt Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley bei San Francisco. In den neunziger Jahren beriet der in Yale ausgebildete Professor zudem den Internationalen Währungsfonds. Mit Blick auf Europa warnte Eichengreen schon früh, dass eine einheitliche Währung einen höheren Umverteilungsbedarf zwischen starken und schwächeren Volkswirtschaften nach sich ziehe.


          Herr Eichengreen, erst brennt's im Finanzdistrikt, jetzt in der Eurozone. Wann geht der Feuerwehr das Wasser aus?

          Ich denke, wir haben genügend Wasser, wenn wir vernünftig damit umgehen. Und vor allem: Wenn die Europäer jetzt schnell und entschlossen löschen. Ihre Regierungen haben schon zu viel Zeit verloren. Gerade in Deutschland hat man geglaubt, auf Zeit spielen zu können.

          Wie ernst ist die Lage?

          Die Krise ist sehr gefährlich für den Euro. Wenn Sie mir als Amerikaner diese Bemerkung erlauben: Die Griechen sind eure Lehman Brothers. Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Wenn ihr Europäer in den nächsten Tagen die Lage nicht in den Griff bekommt, droht ein Absturz der Wirtschaft, das gefürchtete „double dip“-Szenario. Wir in Amerika haben es mit Lehman nicht gut gemacht, Europa hat jetzt die Chance, es besser zu machen.

          Sind die Fälle wirklich vergleichbar?

          Natürlich gibt es Unterschiede, im Fall von Lehman bestand das Ansteckungsrisiko in dem Gegenüber, den Geschäftspartnern der Investmentbank. Griechenland ist ein Problem der Psychologie. Beide Male aber geht es um verlorenes Vertrauen, beide Male wären die Folgen verheerend.

          Dabei hatten alle gehofft, das Schlimmste sei überstanden. Kehrt jetzt die Angst zurück?

          Ja. Der Internationale Währungsfonds hat für Europa kürzlich noch drei Prozent Wachstum für 2010 prognostiziert, jetzt sind eher minus drei Prozent realistisch. Die Furcht vor dem Absturz, die wir Ende 2008, Anfang 2009 hatten, kehrt zurück. Es droht wieder ein Deflations-Szenario, auch wenn öffentlich noch nicht davon gesprochen wird. Wir steuern in eine tiefe deflationäre Krise, verbunden mit hoher Unsicherheit, hoher Volatilität.

          Was also empfehlen Sie den Europäern?

          Abgesehen von dem offensichtlichen Zwang, dass Länder wie Griechenland und Spanien ihre Finanzen in Ordnung bringen, sind drei Dinge nötig: Europa, und damit auch Deutschland, muss Griechenland mit 150 Milliarden Euro über die Brücke helfen, damit es drei Jahre Zeit gewinnt. Dann sollte, zweitens, die Europäische Zentralbank Staatsanleihen am Sekundärmarkt aufkaufen - griechische Bonds, portugiesische, spanische, italienische - um deren Kurse zu stützen, das ist durch die Regularien der EZB gedeckt.

          Die Deutschen brauchen deswegen übrigens nicht gleich aufs Dach zu steigen und panisch vor der Geldentwertung zu warnen. Entspannt euch, es gibt keine Inflation, im Gegenteil. Womit ich bei Punkt drei wäre: Die deutsche Regierung muss ein Programm auflegen zur Stimulation der inländischen Nachfrage, um den deflationären Tendenzen entgegenzuwirken.

          Moment, noch ein Konjunkturprogramm? Deutschland ächzt jetzt schon unter einer Rekordverschuldung. Und Sie verlangen noch höhere Defizite?

          Ja. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

          Und wer soll das alles bezahlen?

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