https://www.faz.net/-gqe-qvrv

Im Gespräch: Professor Franz Jaeger : „Griechenland muss aus dem Euro“

  • Aktualisiert am

Professor Franz Jaeger Bild: DANIEL AMMANN

Zweifel an der Bonität Griechenlands haben zu Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt. Ein Hilfsprogramm sollte die Lage beruhigen, stieß allerdings auf wenig Gegenliebe. Volkswirtschafts-Professor Franz Jaeger erklärt die Hintergründe.

          5 Min.

          Zweifel an der Bonität Griechenlands haben in den vergangenen Wochen zu Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt. Aus Sorge vor einer „Ansteckung“ stehen nicht nur die Kurse griechischer Anleihen unter Druck, sondern auch die Renditen von portugiesischen, spanischen, italienischen und irischen Rentenpapieren steigen.

          Selbst an den Börsen kam es zu Kursverlusten, während der Euro gegen den amerikanischen Dollar und die meisten anderen Währungen an Wert verloren hat. Ein Hilfsprogramm sollte die Lage beruhigen, stieß allerdings bisher auf wenig Gegenliebe.

          Der Volkswirtschaftsprofessor Franz Jaeger von der Universität St. Gallen erklärt die Hintergründe.

          Die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind offensichtlich. Wird das Rettungspaket für Griechenland die Lage stabilisieren können?

          Ich bin nicht sicher. Ich hatte mich als Ökonom schon vor der Einführung des Euro kritisch zu seiner Einführung geäußert und auf Konstruktionsfehler historischer und wirtschaftlicher Natur hingewiesen. Für mich war der Euro von Anfang an eine „Schönwetterwährung“. Sie könne ohne Entstehung makroökonomischer Ungleichgewichte funktionieren, werde aber bei Verwerfungen und Krisen in Schwierigkeiten geraten - so meine Erwartung.

          Damit lagen Sie nicht schlecht!

          Ja, in den ersten ruhigen Jahren blieben Verwerfungen aus und eine von politischen Einflüssen weitgehend unabhängige und widerstandsfähige Europäische Zentralbank konnte eine innere Stabilität der Währung generieren. Das hat meine Kritik etwas schwächer werden lassen. Immerhin konnte der Euro über Jahre sogar gegen den Schweizer Franken leicht aufwerten, was ein gutes Zeichen war.

          Nun hat sich das geändert?

          Es zeigt sich, dass die Voraussetzungen fehlen, die eine Währung auch in Krisenzeiten widerstandsfähig machen.

          Welche sind das?

          Erstens müssten die Volkswirtschaften der teilnehmenden Staaten ähnliche Wirtschaftsstrukturen, Wohlstandsverhältnisse und wirtschaftspolitische Prioritäten haben. Diese waren und sind nur teilweise gegeben. Deshalb sollten sich die Staatshaushalte einigermaßen stabil entwickeln. Ferner müsste es einen europäischen Finanzausgleich - damit ist nicht der Kohäsionsfonds gemeint - geben. Den gibt es nicht, weil man erst die Währungsunion geschaffen hat und über diese zu einer politischen Union kommen wollte. Deutschland ist zudem nicht zu einem echten Finanzausgleich bereit, was sich aus dem Widerstand von Kanzlerin Angela Merkel gegen eine rasche Griechenlandhilfe ablesen lässt. Die innere Solidarität ist nicht gegeben, sondern wird allenfalls vom Schicksal erzwungen. Wenn diese Bedingungen schon nicht erfüllt sind, müssten wenigsten die Mundellschen Kriterien gegeben sein: Internationale Freizügigkeit von Personen, Wissen und Kapital. Die sind zwar weitgehend erfüllt, aber Löhne und Preise sind nicht flexibel. Wir haben hoch regulierte Arbeitsmärkte in Spanien, Italien und auch in Deutschland.

          Was bedeutet das?

          Wenn man alles in allem betrachtet, so sind in der Eurozone die Voraussetzungen für den Erfolg einer gemeinsamen Währung einfach noch nicht gegeben. Sobald es zu Verwerfungen kommt, entwickeln die internationalen Unterschiede innerhalb der Eurozone eine große Eigendynamik. Die unglaubliche Verschuldung historischen Ausmaßes, die im Rahmen der Wirtschaftskrise durch Stützung von Unternehmen und Banken, sowie durch die Konjunkturprogramme entstanden ist, lässt sich nur noch mit Schwierigkeiten finanzieren.

          Welche Rolle spielt dabei Griechenland?

          Nicht nur Griechenland ist stark verschuldet, sondern das Land wirkt im Moment wie ein Pars pro Toto, wie eine Spitze des Eisberges. An dem Land hat sich die Problematik entzündet, obwohl es mit einem Anteil von unter drei Prozent am Bruttoinlandsprodukt der Eurozone wirtschaftlich kaum relevant ist. Die Finanzmärkte haben die Bonität des Landes in Frage gestellt und es kann sich an den Märkten kaum noch refinanzieren. Das heißt, nun ist man gezwungen, Griechenland mit einem Stand-By-Kredit zu helfen. Möglicherweise wenden sich die Sanktionsmechanismen der Märkte auch noch anderen Südstaaten wie Portugal, Spanien oder Italien zu. Deutschland und Frankreich können es sich kaum leisten, auch diesen zu helfen, weil sie finanziell selbst mit dem Rücken zur Wand stehen. Die Situation in Europa ist insgesamt sehr prekär.

          Welche Auswirkungen hat das auf die Schweiz?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krypto-Köpfe: Tyler und Cameron Winklevoss

          Bitcoin & Co : Die klugen Köpfe der Kryptowelt

          Der Erfinder des Bitcoin ist so unbekannt wie mächtig. Aber er ist nicht der einzige, der die Szene besonders prägt. Wer sind die Experten in der Welt der Kryptowährungen? Fünf Porträts.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.