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Im Gespräch: Mohamed El-Erian, Pimco : „Haircuts“ in Europa sind unvermeidlich

  • Aktualisiert am

Mohamed El-Erian, CEO der Pacific Investment Management Company (Pimco) Bild: REUTERS

Überschuldung und strukturelle Wachstumsschwächen lassen sich nicht durch die Vergabe neuer Kredite lösen, erklärt Mohamed El-Erian. Der Vorstandsprecher der Fondsgesellschaft Pimco rechnet bei griechischen Anleihen mit Bewertungsabschlägen.

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          Überschuldung und strukturelle Wachstumsschwächen lassen sich nicht einfach durch die Vergabe neuer Kredite lösen, erklärt Mohamed El-Erian. Der Vorstandsprecher der Fondsgesellschaft Pimco rechnet bei griechischen Anleihen mit Bewertungsabschlägen.

          Dagegen könnten die Vereinigten Staaten bei der Lösung ihrer Fiskalprobleme auf Zeit spielen. Denn erstens verfügten sie mit dem Dollar über die Weltreservewährung und zweitens über tiefe und liquide Finanzmärkte.

          Die amerikanische Staatsanleihen verzeichneten in den vergangenen Wochen deutliche Kursgewinne, während Ihre Fondsgesellschaft sie untergewichtet hatte. Was lief schief?

          Der Markt amerikanischer Staatsanleihen steht unter dem Einfluss gegensätzlicher Kräfte. Deutlich reduzierte Wachstumserwartungen in den Vereinigten Staaten und die europäische Schuldenkrise lassen die Renditen zurückgehen. Das war gerade in den vergangenen Wochen zu beobachten. Auf der anderen Seite wird eine Kombination aus besorgniserregender Fiskalpolitik und absehbarem Ende der zweiten Phase der geldpolitischen Lockerung Druck auf die Renditen nach oben ausüben.

          Das heißt, diese Rally ist nicht sehr robust?

          Es wird in den kommenden Monaten schwierig werden, diese Renditeniveaus zu halten.

          Gibt es überhaupt einen Grund, Treasuries zu halten? Immerhin ist das Verhältnis zwischen Einnahmen und Schulden in den Vereinigten Staaten fast so angespannt wie das Griechenlands und schlechter als das in Irland, Italien, Island, Großbritannien oder in Portugal.

          Es gibt einen großen Unterschied. Denn die Vereinigten Staaten bieten zwei wichtige Öffentliche Güter an, die nicht ohne weiteres zu ersetzen sind. Das ist erstens der Dollar als Weltreservewährung. Zweitens sind das die tiefen und liquiden Finanzmärkte, die einen großen Teil der weltweit verfügbaren Ersparnisse absorbieren und transformieren. Diese Faktoren führen dazu, dass die Vereinigten Staaten viel mehr Zeit haben, um die Ausgabendynamik anzupassen, als die genannten Staaten.

          Was wird passieren, wenn die amerikanische Zentralbank die zweite Phase der geldpolitischen Lockerung beendet?

          Das kann niemand mit Sicherheit prognostizieren, schließlich gibt es keine Präzedenzfälle. Zudem ist analytisch umstritten, ob der Mechanismus Bestands- oder Stromgrößen beeinflusst. Es drängt sich der Eindruck auf, als ob er zu einem Widerspruch zwischen höheren Marktbewertungen und einer schleppenden fundamentalen Entwicklung führte. Dieser Widerspruch wird sich sehr wahrscheinlich auflösen.

          Ist eine dritte Phase der geldpolitischen Lockerung zu erwarten?

          Unter den gegenwärtigen ökonomischen und finanziellen Rahmenbedingungen ist sie unwahrscheinlich. Innerhalb der amerikanischen Zentralbank scheint man langsam zu verstehen, dass der erhoffte Nutzen sehr wahrscheinlich mehr als aufgewogen werden würde durch damit verbundene Kosten und Risiken.

          Die amerikanische Regierung finanziert 40 Cents jedes ausgegebenen Dollars per Kredit. Ist das gesund?

          Nein, mittelfristig ist eine fiskalpolitische Reform unvermeidbar.

          Was muss sich strukturell ändern?

          Die stärksten strukturellen Verkrustungen, die es zu lösen gilt, finden sich im amerikanischen Häusermarkt, in der Vergabe von Bankkrediten, im Arbeitsmarkt und schließlich in der fiskalpolitischen Dynamik des Landes.

          Welche Rolle spielt die laufende Diskussion über die Schuldenobergrenze? Ist es denkbar, kurzfristige Verwerfung in Form von Zahlungsstörungen zu vermeiden und trotzdem die notwendigen mittelfristigen Reformen zu adressieren?

          Aus technischer Sicht gibt es entsprechende Möglichkeiten. Politisch betrachtet jedoch ist es schwierig. Denn das politische System in den Vereinigten Staaten ist heute so polarisiert, dass ein entsprechender Durchbruch unwahrscheinlich erscheint. Das beste, was man im Moment erwarten kann, ist ein Spiel auf Zeit, ohne wirkliche fiskalpolitische Reformen einzuleiten.

          Kann die amerikanische Wirtschaft in die Rezession zurückfallen?

          Nicht in unserem Basisszenario. Wir rechnen weiterhin mit trägem Wirtschaftswachstum bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Wir halten die Wahrscheinlichkeit für das so genannte „Double-Dip“ für gering.

          Was denken Sie über die Schuldenkrise in Europa?

          Europa muss sich nachdrücklich der bitteren Realität stellen, dass die drei Peripheriestaaten Griechenland, Irland und Portugal gleich von zwei untereinander verwobenen Problemen in die Zange genommen werden: Überschuldung und dem Unvermögen, wirtschaftlich rasch wachsen zu können. Diese Probleme lassen sich nicht einfach durch eine Liquiditätspolitik lösen, die sich auf die Vergabe neuer Kredite fokussiert. Bonitätsprobleme lassen sich nur durch eine Kombination von Liquiditätsmaßnahmen und wachstumsorientierte Strukturreformen lösen.

          Lassen sich so genannte Haircuts, also Bewertungsabschläge, für die Anleihen dieser Staaten vermeiden?

          Man kann sich immer weniger vorstellen, wie sie bei einigen Staaten - wie etwa Griechenland - noch vermieden werden könnten.

          Wird der Euro überleben?

          Ja. Man darf die natürliche Stärke der europäischen Kernstaaten auf keinen Fall unterschätzen.

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