https://www.faz.net/-gqe-6ukzd

Im Gespräch: Michael Haliassos : „Zu viel Druck kann den Patienten töten“

  • Aktualisiert am

Michail Haliassos, geboren 1959, besitzt die griechische Staatsbürgerschaft Bild: HoF Frankfurt

Griechenland benötigt Reformen. Aber es hat keinen Sinn, den öffentlichen Dienst völlig zu „enthaupten“, sagt der griechischstämmige Ökonom Michael Haliassos im F.A.Z.-Interview.

          3 Min.

          Michael Haliassos ist Professor für Makroökonomik an der Universität Frankfurt. Es gebe erfolgreiche Unternehmen, aber vielen Griechen fehle die richtige Qualifizierung, sagt er im Gespräch.

          Professor Haliassos, wie sehen Sie die aktuelle Lage in Griechenland?

          Griechenland braucht Reformen. Die Politik hat unter dem Druck von Interessensgruppen, der Opposition und des Widerstands in den eigenen Reihen zu lange mit Reformen gezögert. Insofern ist es gut, wenn nun auf die griechische Regierung Druck ausgeübt wird. Aber zu viel Druck kann den Patienten töten.

          Was meinen Sie damit?

          Man verlangt jetzt von Griechenland, innerhalb kurzer Zeit umfangreiche Reformen umzusetzen. Das ist kontraproduktiv, weil die Gefahr besteht, dass durch übertriebene Eile künftiges wirtschaftliches Wachstumspotential beschädigt wird.

          Können Sie ein Beispiel nennen?

          Natürlich ist der öffentliche Dienst in Griechenland personell überbesetzt und wenig effizient. Er muss kleiner werden. Aber es hat auch keinen Sinn, den öffentlichen Dienst zu enthaupten. Es besteht die Gefahr, dass durch zu rasches Handeln gute Leute entlassen werden und schlechte an ihren Plätzen bleiben. In Griechenland erhalten die Beschäftigten im öffentlichen Dienst grundsätzlich sehr gute Arbeitsbewertungen, die nicht unbedingt ihre tatsächliche Leistung reflektieren. Es braucht etwas Zeit, um die produktiven von den weniger produktiven Mitarbeitern zu unterscheiden.

          Was meinen Sie mit der Enthauptung des öffentlichen Dienstes?

          Um die Auflagen zu erfüllen, will die griechische Regierung vor allem ältere Beschäftigte entlassen. Damit würde man sich zwar durchaus auch von korrupten und wenig leistungsfähigen Leuten trennen, aber eben auch von fast allen leitenden Mitarbeitern. Das verstehe ich unter einer Enthauptung.

          Wo liegt die Zukunft?

          Die griechische Wirtschaft braucht einen effizienten öffentlichen Dienst, um ihre volle Leistungskraft zu entfalten. Um in Griechenland ein Gerichtsurteil zu erwirken, braucht es acht bis zehn Jahre. Wir benötigen auch einen effizienteren öffentlichen Dienst, um gegen Korruption und Steuerflucht vorzugehen, und vor allem, um Investitionen und das Entstehen von dynamischen, qualitäts- und exportorientierten Unternehmen zu fördern. Generell haben sich die Bedingungen für Unternehmen in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Ländern verschlechtert. Außerdem muss sich die Abhängigkeit der Privatwirtschaft vom Staat verringern.

          Ist sie so groß?

          Sie hat in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen. Viele griechische Unternehmen haben sich vor allem um Staatsaufträge bemüht, zum Beispiel die Bauunternehmen. Das grundsätzliche Problem der griechischen Wirtschaft besteht in einer zu geringen Produktion hochwertiger Güter und Dienstleistungen. Es geht hier nicht um ein zu hohes Preisniveau für solche Güter, sondern um ihr Fehlen. Deshalb könnte uns ein Austritt aus der Währungsunion und die Rückkehr zu einer Drachme, die dann deutlich abwerten würde, nicht viel helfen. Heiße Luft kann man nun einmal in keiner Währung verkaufen.

          Sie klingen nicht sehr optimistisch.

          Potential ist vorhanden. Die griechische Wirtschaft kennt auch Erfolgsgeschichten.

          Zum Beispiel?

          Kretafarm ist ein auf der Insel Kreta ansässiges, international tätiges Unternehmen, das für gesundheitsbewusste Verbraucher einen Teil der tierischen Fette aus Fleisch entfernt und durch pflanzliches Fett in Form des auf Kreta verbreiteten Olivenöls ersetzt. Das Unternehmen verfügt über ein für griechische Verhältnisse sehr hohes jährliches Forschungsbudget von 30 Millionen Euro. Ein anderes auch international erfolgreiches Unternehmen ist Korres, das Kosmetika auf der Basis von Naturprodukten herstellt. Corallia, ein Cluster aus Unternehmen aus der Mikroelektronik, hat unter anderem einen Auftrag von der Nasa erhalten.

          Wie steht es mit der Ausbildung?

          Es gibt in Griechenland das Phänomen einer Überqualifizierung. Viele Griechen haben das Abitur und an der Universität studiert. Allerdings haben sie nicht immer Fächer studiert, mit denen sich in der Wirtschaft viel anfangen lässt. So existiert ein Mangel an Ingenieuren. Auch fehlt es zum Beispiel an kompetenten Klempnern. Das vorhandene Potential muss richtig verteilt werden.

          Wie soll dies geschehen?

          Das wäre eine Aufgabe für die Politik. Aber die Griechen haben kein großes Vertrauen in ihre Politiker. Das große Problem besteht darin, dass niemand langfristige Visionen für Wirtschaftswachstum entwickelt und der Bevölkerung wirkungsvoll vermittelt. Stattdessen fragt man sich nur, was Griechenland kurzfristig erledigen muss, um die nächste Rate Hilfsgelder zu erhalten. Dieser Vorwurf trifft Griechenland, wo man sich lange um Reformen drücken wollte, ebenso wie seine Geldgeber, die über das geringe Reformtempo verständlicherweise frustriert sind. Beide Seiten sind wütend aufeinander und reden aneinander vorbei. Das ist wie in einer Ehe kurz vor der Scheidung.

          Wird man die Scheidung vermeiden?

          Keine der beiden großen Parteien will die Währungsunion verlassen. In einer Umfrage unter der griechischen Bevölkerung sprachen sich kürzlich 80 Prozent für einen Verbleib im Euro aus. Die Griechen machen nicht den Euro für ihre Lage verantwortlich. Eine Scheidung ist auch gar nicht notwendig, wenn alle Beteiligten stärker an die langfristige Entwicklung des wirtschaftlichen Potentials in Griechenland durch geeignete Reformen denken würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.