https://www.faz.net/-gqe-ag4xb

Ifo-Konjunkturprognose : Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten verschärfen sich weiter

  • -Aktualisiert am

Eine Monteurin arbeitet im Werk des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen an ein Getriebe für Lastwagen. Bild: dpa

Auch das Münchener Ifo-Institut kappt seine Konjunkturprognose für 2021. Zu stark bremsen Lieferengpässe und Materialknappheit die deutsche Wirtschaft. 2022 könnte es allerdings ein Rekordwachstum geben.

          3 Min.

          Dass sich die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr so kräftig erholt, wie zum Jahresauftakt erhofft, scheint inzwischen ausgeschlossen. Zu schwer lasten die Lieferengpässe bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten auf den Industrieunternehmen. In der vergangenen Woche korrigierten schon drei der fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen teils deutlich nach unten. Nun kappte auch das Münchner Ifo-Institut seine Erwartungen für 2021. Die Ökonomen rechnen mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,5 Prozent. Zuvor waren sie von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 3,3 Prozent ausgegangen. „Die ursprünglich für den Sommer erwartete kräftige Erholung nach Corona verschiebt sich weiter“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Konjunktur sei aktuell „gespalten“, erklärte er. Während sich die Dienstleister kräftig von der Corona-Krise erholten, schrumpfe die Produktion der Industrie als Folge von Lieferengpässen bei wichtigen Vorprodukten. Der plötzliche Anstieg der weltweiten Nachfrage hin zu langlebigen Konsumgütern, elektronischen Artikeln, sowie speziellen medizinischen Produkten habe viele Hersteller von industriellen Vorprodukten an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. „Zudem wurden die globalen Lieferketten als Folge stark veränderter Warenströme vor enorme logistische Herausforderungen gestellt“, sagte Wollmershäuser.

          Engpässe bis Ende des Jahres

          Schon im zweiten Quartal war die Industrieproduktion um 1,3 Prozent geschrumpft. Im dritten Quartal dürfte es abermals zu einem Rückgang kommen – und das obwohl die Auftragsbücher prall gefüllt sind. Für Juli meldete das Statistische Bundesamt einen Rekordstand bei den Neubestellungen. Seit der Wiedervereinigung haben die deutschen Industrieunternehmen nicht mehr so viele Aufträge bekommen. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, lag der Auftragseingang 15,7 Prozent höher.

          Die Reichweite der Aufträge stieg zuletzt auf mehr als sieben Monaten – so lange müssten die Industriebetriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch produzieren, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten. Wahrscheinlich ist aber, dass sich die Aufträge erst einmal weiter anstauen. Denn die Engpässe bei der Zulieferung von Rohstoffen und Vorprodukten verschärfen sich weiter. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts gaben im August rund 70 Prozent der befragten Unternehmen an, dass ihre Produktion durch die Engpässe behindert werde.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Erst gegen Jahresende werden die Lieferengpässe an Bedeutung verlieren, prognostizieren die Ifo-Ökonomen. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass sich die Verschiebungen in der Struktur der Nachfrage mit Abklingen der Pandemie allmählich wieder umkehren dürften und damit eine der Ursachen der Lieferengpässe wegfalle, erläuterte Wollmershäuser. Für 2022 sei dann mit einer kräftigen Erholung in der Industrie zu rechnen – schließlich müssten die bestehenden Aufträge abgearbeitet werden. Die deutsche Wirtschaft könnte dann um 5,1 Prozent wachsen. Das wäre das größte Wachstumsplus seit der Wiedervereinigung. 

          Dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr richtig durchstarten wird, erwarten auch andere Institute. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus Berlin und das Essener RWI prognostizieren für 2022 jeweils ein BIP-Wachstum um 4,9 Prozent. Bislang waren sie von 4,3 und 4,7 Prozent ausgegangen. Auch für das Jahr 2021 bleibt das RWI vergleichsweise optimistisch. Die Essener Ökonomen korrigierten ihre Prognose lediglich um 0,2 Prozent nach unten auf  3,5 Prozent. Das DIW hingehen kappte seine Wachstumserwartungen von 3,2 auf 2,1 Prozent. Ähnlich bewerten die Ökonomen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) die Wachstumsaussichten. Sie stutzten ihre Prognose für das laufende Jahr von 3,9 Prozent auf 2,2 Prozent. Für 2022 rechnen die Hallenser Ökonomen dann mit einem Wachstum um 3,6 Prozent.

          157,3 Milliarden Euro Defizit

          Gestützt wird der Aufschwung laut Ifo-Prognose neben den privaten Konsumausgaben von günstigeren Einkommens- und Beschäftigungsaussichten. Schon im zweiten Quartal nahm der Beschäftigungsaufbau bei den Dienstleistern kräftig zu und die Arbeitslosigkeit ging deutlich zurück. Das wird sich nach Einschätzung der Ifo-Ökonomen weiter fortsetzen. Die Zahl der Arbeitslosen werde von 2,6 Millionen in diesem Jahr auf 2,4 im Jahr 2022 sinken. Auch der Rückgang der Kurzarbeit werde sich fortsetzen und im kommenden Jahr das Vorkrisenniveau erreichen.

          Dass die Kurzarbeit schon spürbar gesunken ist, beflügelt auch die Reallöhne. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, stiegen die Verdienste im zweiten Quartal nominal um 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Preisbereinigt betrug das Plus 3 Prozent. „Damit wurden zwar die nominalen Lohneinbußen um 4 Prozent aus dem 2. Quartal 2020 überkompensiert. Der deutliche Anstieg der Inflation hat aber dazu geführt, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer real noch nicht wieder so viel verdienen wie vor der Krise“ sagte Susanna Geisler, Referentin der Verdienststatistik im Statistischen Bundesamt.

          Mit dem Abbau der Kurzarbeit normalisierte sich auch die bezahlte Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten. Im Vergleich zum Vorquartal stieg sie im zweiten Quartal um durchschnittlich 4,2 Prozent auf 38,3 Stunden. Das Vorkrisenniveau von 39,2 Stunden aus dem zweiten Quartal ist damit allerdings noch nicht wieder erreicht.

          Das Defizit im Staatshaushalt sehen die Ifo-Ökonomen in diesem Jahr bei 157,3 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr soll es aber auf 52,1 Milliarden Euro schrumpfen, 2023 soll der Staatshaushalt dann erstmals wieder ausgeglichen sein. Errechnet wurde diese Prognose allerdings unter der Annahme, dass nur die derzeit beschlossen wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen umgesetzt werden. Das könnte sich nach der Bundestagswahl am Sonntag jedoch ändern, da eine neue Regierung als wahrscheinlich gilt.

          Weitere Themen

          Flixbus übernimmt „Greyhound“ Video-Seite öffnen

          Bekannte US-Fernbuslinie : Flixbus übernimmt „Greyhound“

          Flixmobility hat das US-amerikanische Busunternehmen Greyhound übernommen. Die GmbH mit Sitz in München teilte am Donnerstag mit, dass sie die Firma mit den ikonischen blau-silbernen Bussen für 46 Millionen Dollar von der britischen FirstGroup gekauft habe.

          Topmeldungen

          Tsitsi Dangarembga, die neue Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels, am Rednerpult in der Paulskirche

          Verleihung des Friedenspreises : Sturm auf das Rednerpult

          Tsitsi Dangarembga wird mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt. Aber die Verleihung verläuft anders als geplant – nicht nur wegen einer offenen Kampfansage des Frankfurter Oberbürgermeisters an die Buchmesse.

          Schuss von Alec Baldwin : Keine Cold Gun

          Mit den Worten „Cold Gun“ hatte der stellvertretende Regisseur dem Schauspieler Alec Baldwin eine Waffe gereicht. Der Revolver war aber wohl doch mit echter Munition geladen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.