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Ifo-Geschäftsklima : „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig“

  • -Aktualisiert am

Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts Bild: dpa

Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft hat sich trotz des Kriegs in der Ukraine überraschend etwas aufgehellt. Eine Trendwende ist das aber noch nicht, warnen Ökonomen.

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          Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts stieg um einen Punkt auf 91,8 Zähler, wie das Institut am Montag mitteilte. Im März war das Barometer, das auf der monatlichen Befragung von rund 9000 Unternehmen beruht und als wichtigster Frühindikator für die deutsche Konjunktur gilt, noch um 7,7 Punkte abgestürzt. Grund dafür war ein historischer Einbruch der Erwartungen, der sogar den Rückgang bei Ausbruch der Coronakrise im März 2020 übertraf.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Im April beurteilten die Unternehmen ihre Aussichten für die nächsten sechs Monate etwas weniger pessimistisch. Auch ihre aktuelle Lage schätzten sie ein wenig besser ein. „Nach dem ersten Schock über den russischen Angriff zeigt die deutsche Wirtschaft sich widerstandsfähig“, sagte Ifo-Präsident Clemens-Fuest.

          Der Teilindex für das Verarbeitende legte nach dem Absturz im Vormonat wieder zu. Auch im Dienstleistungssektor verbesserte sich die Stimmung „merklich“. Insbesondere der Bereich Transport und Logistik konnte sich von dem Einbruch im Vormonat erholen. „Im Gastgewerbe verbesserte sich das Geschäftsklima vor dem Hintergrund der sich entspannenden Coronalage deutlich“, erklärte Fuest.

          Industrieproduktion dürfte sinken

          Die Teilindizes für den Handel und das Baugewerbe sind hingegen weiter gesunken. Im Baugewerbe stürzte das Geschäftsklima auf den niedrigsten Wert seit Mai 2010, die Erwartungen der Unternehmen waren so pessimistisch wie noch nie seit der Wiedervereinigung. „Insbesondere große Materialengpässe belasten das Geschäft“, so Fuest.

          Ökonomen bewerteten den Anstieg des wichtigen Barometers vorsichtig. „Der erste Kriegsschock scheint sich etwas gelegt zu haben, aber angesichts der Vielzahl bestehender Risiken scheint es zu früh, bereits vom Beginn einer Trendwende zu sprechen“, sagte Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. Auch Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Hauck Aufhäuser Lampe, warnte: „Die Großwetterlage ist durch den Ukraine-Krieg nicht anders als vor einem Monat.“ Die globale Lieferlogistik werde weiter erheblich stocken – insbesondere durch die Lockdowns in China. „Das Comeback der Produktion in den vergangenen Monaten steht daher vor dem Aus“.

          So sieht es auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Der überraschende Anstieg des Ifo-Index ändere wenig daran, dass die Unternehmen wegen des Ukrainekriegs und eines nach wie vor möglichen Energieembargos mit großer Sorge in die Zukunft blickten. Er erwartet, dass die Industrieproduktion im zweiten Quartal sinken wird. „Deshalb wird das Bruttoinlandsprodukt trotz der Lockerung der Corona-Beschränkungen im zweiten Quartal wohl nur stagnieren." Die deutsche Bundesbank rechnet schon im ersten Quartal mit einer Stagnation der deutschen Wirtschaft, wie die Notenbanker in ihrem am Freitag veröffentlichten Monatsbericht erklärten.

          Der ebenfalls am Freitag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex von S&P Global (ehemals Markit) für Deutschland sank im April hingegen um 0,6 Punkte auf 54,5 Zähler, rangierte damit aber noch immer deutlich über der Wachstumsgrenze von 50 Punkten. Das Barometer für den Euroraum kletterte überraschend um 0,9 Punkte auf 55,8 Zähler und war so hoch wie seit über einem halben Jahr nicht mehr.

          Das Auseinanderklaffen von Industrie und Dienstleistern spiegelte sich auch in den Umfrageergebnissen von S&P Global. Während der Dienstleistungssektor von den zurückgehenden Corona-Beschränkungen und damit verbundenen Nachholeffekten profitiert, leidet die Industrie schwerer unter den Folgen des Kriegs. Der Teilindex für die deutsche Industrieproduktion rutschte mit 47,4 Punkten erstmals seit Juni 2020 in die Schrumpfungszone.

          Unternehmen planen mit Preiserhöhungen

          S&P-Global-Ökonom Phil Smith warnte, das Wiedererstarken des Dienstleistungssektors sei zwar für den Moment eine wichtige Konjunkturstütze. „Allerdings dürften das Ende der meisten Restriktionen und der damit verbundene Aufschwung das Wachstum nur vorübergehend ankurbeln“, erwartet er. Zudem sei nicht auszuschließen, dass ein längerer Abschwung in der Industrie nicht auch auf den Servicesektor überspringe.

          Außerdem zogen die Ein- und Verkaufspreise für Güter und Dienstleistungen im Rekordtempo an. Die Unternehmen versuchten in zunehmende Maße, die steigenden Energie-, Material- und Lohnkosten auszugleichen, sagte Smith. Der sektorübergreifende Preisanstieg deute darauf hin, dass "die Inflation zumindest in nächster Zeit auf einem historisch hohen Niveau bleiben wird."

          Dass immer mehr Unternehmen angesichts der steigenden Energiepreise mit Preiserhöhungen planen, zeigt auch eine ebenfalls am Montag veröffentlichte Umfrage des Ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Demnach sind von der Kostenexplosion bei Energie 40 Prozent der insgesamt 1100 befragten Firmen schon jetzt voll betroffen. Da sich viele Unternehmen durch langfristige Lieferverträge abgesichert hätten, schlage der Preisanstieg gleichwohl nicht überall sofort durch. Ein Viertel der Unternehmen gab an, die Hauptbelastung durch höhere Energiepreise im zweiten Halbjahr dieses Jahres zu erwarten. Ein weiteres Viertel rechnet im nächsten Jahr damit.

          Knapp 90 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, sie müssten als Gegenmaßnahme wahrscheinlich die Preise erhöhen. Gleichzeitig wollen rund 46 Prozent der Unternehmen ihre Investitionen zurückfahren. Produktionsstopps oder Verlagerungen von Betriebsstätten ins Ausland halten gleichwohl nur sechs Prozent der Firmen für wahrscheinlich. 11 Prozent der Unternehmen denken laut Umfrage darüber nach, energieintensive Geschäftsfelder ganz aufzugeben; 14 Prozent erwägen einen Arbeitsplatzabbau in Deutschland.

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