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Hohe Lebensmittelpreise : Die Zwiebel treibt die Inflation in Indien

Voller Vitamine: Die Zwiebel ist eines der Grundnahrungsmittel in Indien Bild: REUTERS

Zwiebeln sind Indiens Gold. Und das wird immer teurer. Um mehr als 300 Prozent sind die Preise gestiegen. Die Knolle ist ein Symbol für die Missstände im Land.

          Zwiebeln sind in Indien ein begehrtes Gut. Mit Zwiebeln beladene Lastwagen werden entführt. Der Besitzer eines Straßenrestaurants wird von seinem Gast erschossen, weil er ein Omelette mit angeblich zu wenigen Zwiebelstücken servierte. Autohäuser und Oppositionspolitiker verschenken Zwiebeln an ihre Kunden beziehungsweise Wähler. Der Grund für die Zwiebel-Manie: Der Preis der vitaminreichen Knolle hat sich im Jahresvergleich vervielfacht. Die Inflationsrate schießt in die Höhe. Und die Zwiebel wird zum Symbol für die indischen Missstände.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Seit Monaten stoßen die Zwiebeln den Indern bitter auf. Rund zwei Drittel der 1,2 Milliarden Inder leben von weniger als 2 Dollar täglich, schätzt die Weltbank. Diese Menschen sind auf Zwiebeln angewiesen, um wenigstens einige Vitamine aufzunehmen. Der Preis für Zwiebeln aber lag im September 323 Prozent über dem des vergangenen Jahres. Schon im August notierte er 245 Prozent höher. Auf dem Markt kostet das Kilo Zwiebeln heute mit fast 100 Rupien (1,22 Euro) das Fünffache dessen, was die Händler noch vor einem Vierteljahr verlangten – damit kostet ein Kilo Zwiebeln viele Inder einen Tageslohn. Für die Armen des Subkontinents sind diese Steigerungen eine Katastrophe. Für die Politiker sind sie Zündstoff.

          Indiens Landwirtschaft ist unproduktiv

          „Der Zwiebelpreis ist immer ein Politikum. Er berührt die Ärmsten der Armen am meisten. Und er kann Wahlen entscheiden“, sagt PN Vasanti, Direktor des Centre for Media Studies in Neu Delhi. Der weitere Preisanstieg für Zwiebeln trieb die Teuerungsrate in Indien im September weiter, obwohl alle Analysten von einem Sinken ausgegangen waren. Die Großhandelspreise lagen im Jahresvergleich um 6,5 Prozent höher. Im August hatte der Anstieg bei 6,1 Prozent gelegen, Analysten hatten für den September mit einem Preisauftrieb von nur noch 5,8 bis 6Prozent gerechnet. Der Hauptgrund für den Wiederanstieg sind abermals die Preise für Lebensmittel: Sie lagen im September um 18,4 Prozent über dem Vorjahr. Die höheren Preise, von denen auch Früchte, Eier, Fleisch und Fisch betroffen sind, spiegeln vor allem die Überflutung einzelner Landesteile im Monsun wider. Inzwischen hat die Regierung entschieden, mehrere hunderttausend Tonnen Zwiebeln einzuführen – selbst vom Erzrivalen Pakistan.

          Doch ist der Zwiebelengpass kein einmaliges Phänomen. Indiens Landwirtschaft ist extrem unproduktiv. So kommen Düngemittelhersteller wie BASF zu der Überzeugung, durch den Einsatz moderner Chemie die Erträge der Äcker um 40 Prozent jährlich steigern zu können. Zwar ist Indien mit rund 18 Millionen Tonnen jährlich der zweitgrößte Produzent von Zwiebeln nach China. Aber die Inder verzeichnen die drittschlechteste Ausbeute unter den 20 größten Zwiebelländern. Auch die Logistik ist eine Katastrophe: Frachtunternehmen schätzen, dass mehr als 30 Prozent ihrer Kosten in Bestechung fließt. Nur so lassen sich Landesgrenzen überwinden. Rund ein Drittel der Lebensmittel verdirbt auf dem Weg vom Bauern zum Verbraucher – auch dies trägt zur Knappheit des Angebotes und damit zu den hohen Preisen bei.

          Hohe Lebensmittelpreise, hohe Zinsen

          Die Regierung hatte darauf gehofft, der gute Monsun würde zu besseren Ernten führen und damit die Lebensmittelpreise dämpfen. Nun aber verschärft der Zyklon Phailan die Lage noch: Seine Zerstörung entlang der Ostküste trifft besonders Reisfelder. Auch diese Ernte könnte um ein Prozent geringer ausfallen, schätzen Bauernverbände. Schon im September lag der Reispreis um 19 Prozent über dem des vergangenen Jahres.

          Hohe Lebensmittelpreise und damit eine hohe Inflationsrate werden die Notenbank zwingen, die Zinsen weiter hoch zu halten. Damit ist es unmöglich, die Konjunktur anzutreiben. Dies wird einerseits die derzeitige Regierung treffen. In Indien wird spätestens im nächsten Frühjahr gewählt. Zum anderen wird es auch den Handel treffen, denn nun beginnt die traditionelle Festsaison auf dem Subkontinent. Autos und auch Schmuck werden aber in der Regel mit Krediten bezahlt – die weiterhin teuer bleiben. Inzwischen rechnen Analysten nur noch mit einer Wachstumsrate von 3,8 Prozent für Indien; weniger als die Hälfte der 8 Prozent, die das Land braucht, um allein ausreichend Arbeitsstellen zu schaffen.

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