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Über den Erwartungen : Die türkische Inflation ist nicht zu bändigen

Die Preise auf dem Markt in Istanbul steigen rasant. Bild: dpa

Der türkische Präsident Erdogan verlangt sinkende Leitzinsen, damit die Wirtschaft im Land mehr investiert. Die hohe Inflation bringt die Notenbank in eine Zwickmühle.

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          Die Verbraucherpreise in der Türkei sind im Juni unerwartet stark gestiegen. Gegenüber dem Vormonat zogen sie nach Angaben des staatlichen türkischen Instituts für Statistik um 1,94 Prozent an. Damit betrug die Jahresrate der Inflation im Juni 17,5 Prozent. Ökonomen hatten mit einem Anziehen auf 17,0 Prozent gerechnet. Im Mai war die Inflationsrate auf 16,7 Prozent gesunken, was Spekulationen um eine mögliche Senkung der Leitzinsen befeuert hatte. Diese wird mal um mal von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zur Ankurbelung der Wirtschaft verlangt. Zuletzt hatte er sie für Juli oder August angemahnt. Aussichten dafür schätzen Analysen gering ein.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Zentralbankgouverneur Sahap Kavcioglu hatte Ende voriger Woche angedeutet, dass die Inflation in diesem und im nächsten Monat höher ausfallen sein könnte als erwartet. Die Lira notiert denn am Montag auch wenig verändert um 8,68 Lira je Dollar und 10,31 Lira je Euro. Kavcioglu kalkuliert mit einer Inflationsrate von 12,2 Prozent am Jahresende. Mittelfristig strebt die Zentralbank eine Rate von 5 Prozent an.

          Deutsche Bank erwartet weiteren Preisanstieg

          Vorher geht es aber vermutlich erst einmal weiter nach oben. Fatih Akcelik, Ökonom der Deutschen Bank, erwartet für diesen Monat ein Anziehen des Verbraucherpreisindex auf mehr als 18 Prozent. Dazu tragen auch hausgemachte Gründe in der Türkei bei, wie die Erhöhung der Elektrizitätspreise um 15 Prozent sowie der Erdgaspreise um 20 Prozent mit Beginn der zweiten Jahreshälfte.

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          Im Juni waren vor allem die Erzeugerpreise stark gestiegen, aufs Jahr gerechnet um 42,9 Prozent. Der türkische Finanzminister Lütfi Elvan hatte sich bereits beunruhigt über das Auseinanderdriften von Erzeuger- und Verbraucherpreisen geäußert, weil die Preiserhöhungen der Erzeuger unweigerlich bei den Verbrauchern ankommen werden. Die Kosten für Lebensmittel zogen im Juni um 20 Prozent an, damit dürfte es einer bereits wachsenden Schicht von Bürgern immer schwerer fallen, den täglichen Warenbedarf zu decken. Das erhöht den Druck auf Präsident Erdogan, den 2023 wiedergewählt werden will, aber in Umfragen derzeit schlecht davonkommt.

          Erdogan gibt den Druck weiter an die Notenbank, mit der Forderung nach niedrigen Leitzinsen, die seit März auf 19 Prozent verharren. Bisher hat der im März neu installierte Zentralbankchef Kavcioglu - drei weitere Mitglieder des Zentralbankrates wurden auch auf Geheiß des Präsidenten ausgetauscht - dem widerstanden. Die zuletzt verfügte Erhöhung der Mindestreservequote auf Devisenverbindlichkeiten war an den Märkten als Straffung der Geldpolitik interpretiert worden, was der seit der Ernennung Kavcioglus schwächelnden Lira geholfen hatte. Kavcioglu hatte mehrfach erklärt, mit ihm werde der Realzins positiv bleiben, der Zinssatz also über der Rate der Geldentwertung liegen.

          Gegenwind für Erdogan

          Erdogan erfährt gegen seine "unorthodoxen" Forderungen auch innerhalb seiner AK-Partei Gegenwind. So sagte der Vorsitzende des Haushaltsausschusses des türkischen Parlaments, der frühere Vize-Ministerpräsident, Cevdet Yilmaz, vorige Woche auf Fragen der F.A.Z. in Ankara: "Ohne Preisstabilität gibt es keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung". Über die Instrumente, dieses Ziel zu erreichen, entscheide die Zentralbank.

          Bild: F.A.Z.

          Diese hatte im vorigen Jahr Reserven in Höhe von 128 Milliarden Dollar zur am Ende fruchtlosen Verteidigung des Lira-Wechselkurses ausgegeben. In der Türkei ist das zwischenzeitlich zu einem von der Opposition gerne aufgegriffenen Politikum geworden. Zuletzt suchte sich die Notenbank indes mittels Swap-Abkommen mit anderen Notenbanken Luft und Devisenreserven zu verschaffen. Es bestehen solche Abkommen mit Qatar und China. Letzteres war erst Mitte Juni um 3,6 auf 6 Milliarden Dollar ausgeweitet worden. Weitere Absprachen sind laut Medienberichten in Arbeit, etwa mit dem an Öl und Gas reichen Aserbaidschan, das die Türkei im Krieg gegen Armenien unterstützt hatte.

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