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Heftiger Wirtschaftseinbruch : Großbritanniens harte Realität

  • -Aktualisiert am

Ein Kellner vor einem Aufsteller mit der Botschaft „Auswärts essen um zu helfen“ Anfang August in London Bild: AFP

Die britische Wirtschaft ist im zweiten Quartal heftig eingebrochen. Richtig ungemütlich wird es aber erst im Herbst, wenn die Rezession voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt.

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          Der wirtschaftliche Einbruch infolge des Corona-Lockdowns ist in Großbritannien tiefer als in irgendeiner anderen europäischen Volkswirtschaft. Das Minus von etwa 20 Prozent im zweiten Quartal übertrifft den Einbruch in Spanien und in Italien, den von der Viruskrise ebenfalls stark betroffenen Ländern. Ein Grund dafür ist, dass die britische Wirtschaft so stark von Dienstleistungsbranchen abhängt, die im Lockdown fast völlig zum Stillstand kamen. Die Gastronomie, der Einzelhandel und andere Servicebranchen mussten von Ende März an weitgehend schließen. London, die größte Metropole Westeuropas mit rund neun Millionen Einwohnern, die fast ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt, wurde eine Geisterstadt.

          Die Briten haben ihren Konsum auf ein Minimum zurückgefahren. Gleichzeitig hat der Staat für mittlerweile mehr als neun Millionen zwangsbeurlaubte Arbeitnehmer, also mehr als ein Viertel der privaten Beschäftigung, einen recht großzügigen Lohnersatz von vier Fünfteln ihres Einkommens gezahlt. Massenentlassungen wurden so vermieden, die Jobs bleiben vorerst (zumindest auf dem Papier) bestehen. Die Unternehmen mussten drei Monate lang gar nichts zahlen, jetzt werden kleine Sozialbeiträge fällig.

          Die bange Frage ist: Wie lange dauert das Rezessionstal noch? Und: Kann der Staat den Einbruch überbrücken? Im Juni hat sich die britische Wirtschaft etwas erholt vom absoluten Corona-Tiefpunkt. Aufgestaute Nachfrage kam zurück, die Menschen sind in Geschäfte gegangen, Büros haben zögernd wieder geöffnet. Im dritten Quartal dürfte die Konjunktur weiter Fahrt aufnehmen, wenn auch eher langsam.

          Haushaltsdefizit von 320 Milliarden Pfund erwartet

          Noch immer läuft die Wirtschaft wie mit angezogener Handbremse, denn noch immer erschweren Corona-Vorsichtsmaßnahmen das normale Geschäftsleben. In der Gastronomie und im Einzelhandel kämpfen zigtausende Unternehmen – sowohl kleine als auch große – um ihr Überleben. Wenn die Nachfrage im dritten und vierten Quartal nicht rasch wiederkommt und die neuen Regeln keinen halbwegs reibungslosen Betrieb ermöglichen, werden viele schließen müssen. Die Notenbank spricht von einer Verdoppelung der Arbeitslosenquote von knapp 4 Prozent auf 7,5 Prozent bis Jahresende.

          Finanzminister Rishi Sunak hat ein Füllhorn an Hilfen über die britische Wirtschaft ausgeschüttet, insgesamt Konjunkturhilfen und Unterstützungsprogramme für 190 Milliarden Pfund. Das Arbeitsplätze-Stützungsprogramm wird Ende Oktober auslaufen. Spätestens dann werden Unternehmen wohl Hunderttausende Beurlaubte entlassen. Sunak spricht von harten Zeiten und harten Entscheidungen. Es ist richtig, das Lohnersatzprogramm nicht ewig zu verlängern. Es hat schon jetzt mehr als 40 Milliarden Pfund gekostet und wird insgesamt wohl mehr als 60 Milliarden Pfund kosten, so die Schätzung des Budgetamts OBR. Selbiges erwartet in diesem Jahr ein Rekord-Haushaltsdefizit von mehr als 320 Milliarden Pfund (354 Milliarden Euro), was 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.

          Eine weitere Verlängerung des Job-Subventionsprogramms würde bedeuten, dass der Staat Arbeitsstellen, die in Nach-Corona-Zeiten nicht mehr wirtschaftlich zu halten sind, dauersubventioniert. Das heißt auch, dass nicht mehr lebensfähige Strukturen länger als nötig konserviert werden. Rishi Sunak, beliebtester Minister des Königreichs, hat davon gesprochen, dass man die Menschen nicht „in der falschen Hoffnung gefangen“ halten dürfe, dass sie alle in ihre alten Jobs zurückkehren können. Der Staat kann nicht einen Großteil des Arbeitsmarktes künstlich am Leben halten. Im Herbst wird es ungemütlich, wenn die Rezession voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt. Aber der Sprung in die harte Realität ist unvermeidlich.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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