https://www.faz.net/-gqe-9zllm

Staatshilfe nötig : Handelsökonomin rät zu Kaufprämien für Autos

  • Aktualisiert am

Ein BMW-Mitarbeiter mit Maske im Werk in Dingolfing Bild: dpa

Die Ökonomin Dalia Marin warnt vor den Folgen zerrütteter Lieferketten. Den Einbruch der Corona-Krise würden viele unterschätzen. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer pflichtet ihr bei.

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie dürfte der deutschen Wirtschaft deutlich mehr Schaden zufügen als erste Berechnungen im März vermuten ließen. Die Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft teilten mit, für das Gesamtjahr fortan mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 7,1 Prozent zu rechnen. Der Tiefpunkt der Krise sei zwar überwunden, aber der Aufholprozess ziehe sich noch bis weit in das kommende Jahr hin. Ende voriger Woche hatte auch der „Wirtschaftsweise“ Lars Feld eingestanden, dass das vom Sachverständigenrat erwartete Basisszenario von minus 2,8 Prozent in diesem Jahr nur möglich gewesen wäre, wenn die Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen schon Ostern begonnen hätte. Die Verlängerung des Lockdowns lasse angesichts der ersten harten Zahlen nun aber selbst das Risikoszenario von minus 5,5 Prozent zu optimistisch erscheinen, so Feld.

          Die Münchner Handelsökonomin Dalia Marin hält es für möglich, dass selbst das untertrieben ist. Sie verweist darauf, dass die deutsche Wirtschaft im globalen Vergleich überdurchschnittlich stark über Absatz- und Wertschöpfungsketten mit dem Ausland verflochten ist und sich vielerorts noch längst keine Erholung abzeichnet. Den Welthandel sieht sie in großer Gefahr. „Bislang gingen die meisten Prognosen davon aus, dass es wegen der Corona-Pandemie keine nachhaltige Zerrüttung der Lieferketten geben wird. Dieser Ansicht bin ich nicht“, sagt Marin im Gespräch mit der F.A.Z. „Unsere Schätzungen zeigen, dass die durch die Pandemie gestiegene Unsicherheit im Durchschnitt 35 Prozent der globalen Lieferketten in den reichen Industrieländern einbrechen lassen wird.“ Für Deutschland drohe deshalb statt einer Wirtschaftsentwicklung in U- oder V-Form eine L-förmige Stagnation.

          „Jahrhundertherausforderung“

          „Die Leute unterschätzen, was wir für einen dramatischen Einbruch erleben“, sagt Marin. Man könne davon ausgehen, dass der Einbruch der Lieferketten für die hiesige Wirtschaft noch größer sei als 35 Prozent. So zeige sich an Schweden, dass das BIP losgelöst vom jeweiligen Lockdown schrumpfe, wenn die Volkswirtschaft offen ist und stark abhängt von Zulieferern aus dem Ausland. Allerdings sei diese Abhängigkeit nicht in jeder Branche gleich groß. Die deutschen Autohersteller und Maschinenbauer etwa bezögen gerade einmal 29,1 beziehungsweise 36,9 Prozent ihrer Vorleistungsgüter aus dem Ausland, erklärt Marin mit Verweis auf Daten aus der Forschungsdatenbank World Input-Output. Zum Vergleich: Im Fall der deutschen Chemieindustrie sind es laut Datenbank 51,8, im Fall der Elektroindustrie 55,9 und im Fall der Textilindustrie sogar 75,5 Prozent.

          Dalia Marin erforscht an der TU München die globalen Handelsbeziehungen.

          Die Handelsforscherin empfiehlt, jene Branchen mit staatlichen Konjunkturhilfen zu stützen, deren Zulieferer überwiegend im Inland sitzen. Das habe die größten positiven Folgeeffekte. Die Autohersteller etwa stünden in einem komplementären Verhältnis zum Rest der Wirtschaft, während sich das Gastgewerbe in einem substitutiven Verhältnis zum Einkauf in Supermärkten befinde. Mit anderen Worten: Wenn die Verbraucher mehr ins Restaurant gehen, wird weniger in Supermärkten eingekauft. Wenn aber der Neuwagenabsatz mit Kaufprämien stimuliert wird, profitierten auch die Zulieferer.

          „Unter normalen Umständen würde ich gar keinen Sektor zur Förderung auswählen, sondern dem Staat raten, einzig in die Infrastruktur zu investieren“, sagt Marin. Bei der Bewältigung der Corona-Krise stehe man aber vor einer „Jahrhundertherausforderung“. Auch technologische Auflagen oder Umweltauflagen sollte man deshalb weglassen. „Ich bin ein Gegner davon, nun Investitionen an klimafreundliche Technologien zu knüpfen“, sagt sie und widerspricht damit Ökonomenkollegen wie der „Wirtschaftsweisen“ Monika Schnitzer, die Kaufprämien für Neuwagen als „puren Lobbyismus“ bezeichnet hatte.

          Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) äußerte sich ähnlich wie Marin. „Wir wollen nicht nur Elektrofahrzeuge fördern – sondern die Automobilindustrie stützen, wie sie jetzt existiert und Millionen Menschen Arbeit gibt“, sagte Kretschmer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Autobranche habe „die Chance, die ganze Wirtschaft nach oben zu reißen“. „Wir müssen die Kaufprämie ganz einfach und unkompliziert ausgestalten“, mahnte er zudem und schlug vor: „Gefördert wird der Kauf von Neuwagen, die umweltfreundlicher sind als das Auto, das der Käufer dafür abgibt. Auf diese Regel würde ich es aber beschränken.“

          Einkaufsmanagerindex steigt

          Derweil deutet der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft, der Industrie und Dienstleister umfasst, auf eine leichte Stabilisierung hin. Er legte im Mai aufgrund der Öffnung vieler Fabriken und Geschäfte von seinem historischen Tiefstand von 17,4 auf 31,4 Punkte. Allerdings ist das nach Angaben des Instituts IHS Markit, das die Umfrage unter Hunderten Unternehmen erhebt, noch immer der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 1998. Erst mit einem Wert von 50 signalisiert der Index Wachstum. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem stärkeren Anstieg auf 34,1 Punkte gerechnet.

          Zwar falle Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität langsamer aus, sagte Markit-Ökonom Phil Smith. „Aber wir sind noch weit entfernt von Normalität, und der Weg zur Erholung bleibt steinig.“ Der Index deute darauf hin, dass es im zweiten Quartal zu einem Rekordrückgang komme.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christian Sewing und Martin Zielke (rechts)

          Nach Zielkes Rückzug : Sewing, übernehmen Sie!

          Es darf bezweifelt werden, dass die Commerzbank den Weg aus ihrer schwersten Krise alleine findet. Und so dürfte es mit Blick auf den Chef der Deutschen Bank bald heißen: Herr Sewing, übernehmen Sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.