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Starke Konjunktur : Britannien, du hast es besser

Starke Konjunkturzahlen: Die britische Wirtschaft wird vermutlich um 3,2 Prozent zulegen Bild: Fricke, Helmut

Großbritannien ist dieses Jahr Europameister im Wirtschaftswachstum. Warum prosperiert das Land, während anderswo Stillstand herrscht?

          3 Min.

          Es sieht nicht gut aus für Europa: In Deutschland beginnt die Wirtschaft zu lahmen, in Frankreich stagniert sie, in Italien schrumpft sie. Diesen Monat hat der Internationale Währungsfonds für die drei größten Wirtschaftsnationen der Europäischen Währungsunion seine Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Doch während der Kontinent darbt, erlebt Großbritannien nach einer tiefen und langen Krise einen unverhofften Aufschwung. Dieses Jahr wird die britische Wirtschaft wohl um rund 3,2 Prozent expandieren.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Wachstum ist damit mehr als doppelt so stark wie in Deutschland und viermal so kräftig wie in der Eurozone insgesamt. Keine unter den sieben führenden Industrienationen der Welt (G7) prosperiert derzeit so wie Großbritannien, wo die Unternehmen ihre Investitionen mit zweistelliger Rate steigern. Dabei sitzt das Land auf einem Außenhandelsdefizit, das in Europa seinesgleichen sucht, und das Loch im britischen Staatshaushalt ist größer als in vielen Euro-Krisenländern. Wie haben die Briten trotzdem die Wende geschafft? Eine Antwort in vier Teilen:

          Reformen schon vor der Krise

          In Europa ist diesen Herbst viel von überfälligen „Strukturreformen“ die Rede. Großbritannien hat im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich und Italien schon vor Jahrzehnten gehandelt. „Der Arbeitsmarkt und der Sozialstaat wurden hier schon in den achtziger und neunziger Jahren grundlegend reformiert“, sagt George Buckley, Volkswirt der Deutschen Bank in London.

          „Das zahlt sich aus, auch wenn die positiven Wirkungen oft erst mit jahrelanger Verzögerung spürbar werden.“ Vor allem die radikale wirtschaftspolitische Wende während der Regierungszeit von Margaret Thatcher (1979 bis 1990) hat das Land grundlegend verändert. Der damalige Kurswechsel wirkt bis heute nach.

          Laut OECD verfügt Großbritannien über einen der am wenigsten regulierten Arbeitsmärkte im Kreis der Industrieländer. Die Unternehmen hätten deshalb während der Wirtschaftsflaute Lohnsenkungen durchsetzen können, sagt der Wirtschaftsprofessor Iain Begg von der London School of Economics (LSE). Das war zwar für die Betroffenen oft schmerzhaft, verhinderte aber andererseits Massenentlassungen: Die Arbeitslosenrate in Großbritannien stieg trotz der schweren Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre nie über 8,5 Prozent. Als Mitte 2013 die Konjunkturerholung einsetzte, hatten viele Betriebe ihre Belegschaften weiter an Bord und konnten die steigende Nachfrage rasch bedienen.

          Billiges Geld

          Viele Ökonomen loben die Bank von England: Sie habe mit ihrer extrem expansiven Geldpolitik maßgeblich mitgeholfen, das Land aus der Krise zu hieven. Die britische Zentralbank setzte schon vor fünf Jahren auf die sogenannte quantitative Lockerung - die Geldhüter kauften für insgesamt 375 Milliarden Pfund Staatsanleihen am Markt, um frisches Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen. Bankenvolkswirte erwarten, dass die Europäische Zentralbank bald dasselbe tun wird, um eine Deflation abzuwenden.

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