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Griechische Schuldenkrise : Attisches Ross und Brüsseler Reiter

Anderseits könne es viel schlimmer als derzeit wohl ohnehin nicht mehr kommen, während Griechenland durch die Einsetzung einer Untersuchungskommission verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen könne, hieß es in dem Beitrag. Auch Antonis Samaras entschloss sich in einer Art Vorwärtsverteidigung schließlich, die Idee eines Ausschusses doch gutzuheißen. Seine Partei habe nichts zu fürchten, alles solle ans Licht kommen, so der Oppositionsführer: „Aber wenn wir alles sagen, dann meinen wir alles - seit 1981.“

Das beträfe vornehmlich die Regierungsjahre der Pasok, deren finanzpolitisches Gebaren ebenfalls nicht in dem Ruf steht, solide zu sein. Dennoch müsse sich Georgios Papandreou am wenigsten vor den Erkenntnissen einer solchen Kommission fürchten, sagt der ehemalige griechische Industrieminister Andreas Andrianopoulos im Gespräch mit dieser Zeitung. Schließlich übernahm Papandreou die Führung der Pasok erst im Februar 2004, wenige Wochen vor dem Machtverlust der Partei. Wenn also Verfehlungen aus der Zeit vorher ans Licht kämen, beträfe das nicht ihn und seinen Führungsanspruch, im Gegenteil: Mit dem damaligen Parteichef Kostas Simitis steht Papandreou nicht in bestem Einvernehmen. „Papandreou will die Pasok modernisieren, und was vor 2004 geschah, geschah nicht in ,seiner' Pasok. Ein Untersuchungsausschuss könnte für ihn ein Instrument sein, um sich zusätzlich von der Vergangenheit der Partei zu distanzieren“, so Andrianopoulos.

Er nutzt die Aufmerksamkeit für die Warnung

Allerdings dürfte ein solches Komitee Einsichten zutage fördern, die auch anderen unbequem werden könnten, vermutet der Politiker, der für die Nea Dimokratia Minister war. Er weist darauf hin, dass die EU-Statistikbehörde Eurostat spätestens seit dem Jahr 2004, als Kostas Karamanlis die Manipulationen der Vorgängerregierung publik machte, einen genauen Blick auf Griechenlands Budgetzahlen hatte oder hätte haben sollen. Warum aber habe die kreative Buchführung unter Karamanlis in den Jahren danach dann weiter betrieben werden können? „Man hätte nur die Berichterstattung griechischer Zeitungen lesen oder die Kritik der Opposition anhören müssen, um all das zu sehen.“ Wer in den vergangenen Jahren die Haushaltsdebatten im griechischen Parlament verfolgt habe, könne jetzt schwerlich überrascht sein, so Andrianopoulos: „Die Sprecher der Opposition haben auf die Fälschungen hingewiesen.“

Andrianopoulos ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner in Athen, weil der ehemalige Minister und Bürgermeister von Piräus schon zu Beginn der neunziger Jahre unermüdlich darauf hinwies, dass Griechenland seine Ausgabenpolitik ändern müsse. Er nutzt die Aufmerksamkeit unter anderem für die Warnung, sich allzu viel von einem Untersuchungsausschuss zu versprechen. Man wisse schließlich auch aus anderen Fällen und Ländern, dass es schwerfallen werde, Schuldfragen eindeutig zu klären. Sinnvoller könne es sein, die griechische Zentralbank, die eine eigene Statistikabteilung besitzt, zur Gründung eines Komitees von Finanzfachleuten anzuhalten.

Tatsächlich fragen auch andere Wirtschaftsexperten dieser Tage, warum die Zentralbank in früheren Jahren nicht deutlicher auf die Fehlentwicklungen hingewiesen habe. Wusste man dort tatsächlich nichts davon, dass Griechenland sich den Beitritt zur Eurozone im Jahr 2001 mit geschönten Defizitzahlen erschlichen hat? Den von 1994 bis 2002 zuständigen Nationalbankgouverneur Lukas Papademos kann man dazu allerdings zumindest in Athen nicht mehr befragen, denn er hat seinen Wohnsitz gewechselt - er lebt jetzt in Frankfurt und ist Vizepräsident der Europäischen Zentralbank.

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