https://www.faz.net/-gqe-6ul4f

Griechische Banken : 90 Prozent Wertverlust

Auch die marktführende National Bank of Greece leidet unter der Krise Bild: AFP

Griechische Banken sind von der Krise schwer getroffen. Der Wertverlust in den letzten zwei Jahren ist enorm. Die Zahlungsfähigkeit ist nur durch großzügige EZB-Kredite gewährleistet.

          3 Min.

          Vor genau zwei Jahren notierte der Bankenindex der Athener Aktienbörse mit 3755 Punkten. Am Dienstag lag er bei 333 Punkten. Daraus errechnet sich für die griechischen Banken ein Wertverlust von fast 90 Prozent. Kein Institut konnte sich dieser verheerenden Baisse entziehen; weder die marktführende National Bank of Greece, noch die kleinere Piräus Bank oder die griechische Postbank (TT Hellenic Postbank).

          Die National Bank of Greece, einst größer als die Commerzbank, ist an der Börse nur noch 1,7 Milliarden Euro wert. Die Börsenwerte der anderen griechischen Banken liegen weit unter einer Milliarde Euro, und nicht wenige Beobachter sind der Ansicht, dass diese Werte angesichts eines hohen Abschreibungsbedarfs auf griechische Staatsanleihen möglicherweise immer noch zu hoch sind.

          Im europäischen Bankenmarkt geht man davon aus, dass die griechischen Banken im Falle eines Schuldenschnitts bei den griechischen Staatsanleihen zwangskapitalisiert werden müssten. Eine solche Kapitalaufstockung ginge vermutlich mit Verstaatlichungen einher, da sich kaum private Kapitalgeber finden dürften, die derzeit in die Athener Banken investieren würden.

          Die griechischen Banken sind schon lange vom Kapitalmarkt abgeschnitten und können ihre Zahlungsfähigkeit nur durch großzügige Kredite der Europäischen Zentralbank (EZB) sichern. Neben den für alle europäischen Banken zugänglichen Kreditlinien der EZB stehen für die griechischen Banken zusätzlich Notfallkreditlinien der griechischen Notenbank, der Bank von Griechenland, zur Verfügung. Die Ratings der Athener Banken liegen nur knapp über der schlechtesten Note „D“, die für Zahlungsausfall („default“) steht.

          Wertberichtigungen auf Staatsanleihen reichen nicht

          Das größte unmittelbare Problem der griechischen Banken sind ihre hohen Bestände an heimischen Staatsanleihen, die einen großen Teil ihres Werts eingebüßt haben. Nach einer Aufstellung der amerikanischen Citigroup hielten die Athener Banken im ersten Halbjahr für 78 Milliarden Dollar griechische Staatsanleihen,davon die National Bank of Greece alleine für 25,1 Milliarden Euro.

          Allfällige Wertberichtigungen dieser Anleihen würden das Eigenkapital der Banken aufzehren. Die bisher vorgenommenen Wertberichtigungen auf Staatsanleihen, darunter 1,7Milliarden Euro durch die National Bank of Greece und 1 Milliarden Euro durch die Piräus Bank, dürften bei weitem nicht ausreichen.

          Rückgang der Bankeinlagen ist ein schlechtes Zeichen

          Zur schlechten Bonität der griechischen Staatsschulden treten weitere Schwierigkeiten für die Banken. So verschlechtert sich wegen der tiefen Wirtschaftskrise auch die Bonität vieler privater Kreditnehmer, auch wenn der Verfall hier nicht so dramatisch verlaufen mag wie die schwindende Bonität des Staates.

          Ein schlechtes Zeichen ist weiterhin der Rückgang der Bankeinlagen, die von 274 Milliarden Euro zu Jahresbeginn auf 251 Milliarden Euro im August 2011 abgeschmolzen sind. Besonders kräftig fällt in diesem Zeitraum der Rückgang der Einlagen privater Haushalte von 195 auf 157 Milliarden Euro aus.

          halbherzige Versuche der griechischen Banken

          Fachleute nennen Kapitalflucht als einen Grund, aber auch Abhebungen durch private Haushalte, um in der Krise das Konsumniveau halten zu können. Viele griechische Banken unterhalten Tochtergesellschaften in anderen Ländern, aus deren Verkäufen sie flüssige Mittel, wenn auch meist in bescheidenem Umfang, erzielen können.

          Die griechischen Banken haben in den vergangenen Jahren halbherzige Versuche unternommen, durch Kapitalerhöhungen und Fusionsbemühungen ihre Schlagkraft zu verbessern. Vor rund zwei Monaten haben die EFG Eurobank und die Alpha Bank ihren Zusammenschluss bekanntgegeben. Zudem kündigte das Emirat Qatar ab, sich an einer Kapitalerhöhung der fusionierten Bank zu beteiligen. An der EFG Eurobank ist der in der Schweiz lebende Unternehmer Spiros Latsis, der angeblich reichste Grieche, maßgeblich beteiligt.

          Sollen die griechischen Schwestern übernommen werden?

          Der Gouverneur der griechischen Zentralbank, George Provopoulos, nannte die Fusion einen „ersten, sehr bedeutenden Schritt für die Reorganisation des Banksystems“. Vorausgegangen waren gescheiterte Versuche des Marktführers National Bank of Greece, kleinere Konkurrenten zu übernehmen. Fachleute vertreten die Ansicht, dass die laufende Krise zu gravierenden Änderungen in der Organisation der griechischen Kreditwirtschaft führen könnte.

          In den vergangenen Tagen wurde an den Märkten überlegt, ob Banken aus anderen europäischen Ländern ihre griechischen Schwestern übernehmen könnten. Als wahrscheinlich gilt dies in der aktuellen Lage nicht. Die Lage der griechischen Banken ist verzweifelt, und die meisten Banken im Rest Europas haben genug mit sich selbst zu tun.

          Einige gescheiterte Fusionsprojekte

          Große Pläne hatte bis zur Krise vor allem die 170 Jahre alte National Bank of Greece. Noch vor wenigen Jahren wollte sie nach eigenen Angaben die führende Bank in Südosteuropa werden. Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie war im Jahre 2006 de Kauf der Finansbank im Nachbarland Türkei. Zuletzt steuerte die Finansbank mehr als die Hälfte zum Konzerngewinn ihrer Athener Muttergesellschaft bei. Dies erklärt sich nicht zuletzt mit der deutlich besseren Wirtschaftsentwicklung in der Türkei. In ihrem Heimatland kam die National Bank allerdings nicht zum Zug.

          In die Reihe gescheiterter Fusionsprojekte gehört auch der Versuch der Piräus Bank, im vergangenen Jahr mit der Übernahme der Postbank und der Landwirtschaftsbank ATE das größte griechische Geldhaus zu schmieden. Mit der Fortsetzung der Krise könnten die Athener Banken bald in eine Lage geraten, in der sie nicht mehr über ihre eigene Zukunft befinden werden.

          Weitere Themen

          Niemand will mehr Geld vom ESM

          FAZ Plus Artikel: Krisenfonds : Niemand will mehr Geld vom ESM

          Formal hat die Eurogruppe den Krisenfonds gestärkt. Aber unangefochten ist der einstige Rettungsschirm nicht mehr, es gibt Kritik am Aufbau. Manche wollen ihn abschaffen, manche „neu erfinden“.

          Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

          Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

          Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

          „Die Lage ist verzerrt“

          Bundesbank-Vizepräsidentin : „Die Lage ist verzerrt“

          Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch rät Banken, Boni und Dividenden vorerst nicht auszuschütten. Im Interview spricht sie auch über aufgeschobene Firmenpleiten, übermütige Anleger und die Gefahr einer Immobilienblase.

          Topmeldungen

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.