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Zeit nach Tsipras : Wenn Syriza scheitert

Was wird, wenn er scheitert? Szenarien für ein Griechenland nach Tsipras Bild: AFP

Der Streit zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ist nach der Rede von Alexis Tsipras in Athen neu entflammt. Doch was würde eigentlich passieren, wenn Syriza am Ende scheitert? Droht dem Land dann erst recht der Absturz?

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          Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras steckt in der Zwickmühle. In Athen musste er gestern in einer Rede vor dem Parlament seine Parteikollegen beschwichtigen. In Europa sitzen ihm die Gläubiger im Nacken. Um zu betonen, wie wichtig ihm der Verbleib seines Landes im Euroraum ist, operiert Tsipras üblicherweise mit zwei unterschiedlichen Arten von Katastrophenszenarien, die sich angeblich nach einem Konkurs und „Grexit“ seines Landes auftun: Vergleichsweise wenig ernst genommen wird inzwischen die Behauptung, ein Ausstieg seines Landes aus der Währungsunion sei der Anfang vom Ende des Euro und überhaupt der Auslöser für vielerlei Turbulenzen an allen internationalen Finanzmärkten. Umso besorgter scheinen inzwischen die europäischen Partner und die Europäische Kommission über den zweiten Teil der Drohungen des griechischen Ministerpräsidenten - dass nach einem etwaigen Sturz seiner Regierung das Land in politisches Chaos versinken werde und nur noch in die Hände der nazistischen Radikalen der „Goldenen Morgenröte“ fallen könne. Ein Szenario mit einem gescheiterten Staat an der ohnehin unruhigen Südostecke der Europäischen Union weckt nun immer mehr Besorgnis in Berlin, Paris und Brüssel und hilft der Athener Linksregierung mit ihrem widersprüchlichen Maximalprogramm - Rücknahme der bisherigen Sanierungsschritte für Griechenland, neue Ausweitung des Staates und dazu noch zusätzliche Milliardengaben von den Gläubigern des Landes. Dabei haben die Gläubiger schon viel geleistet. Unsere Infografiken zeigen, wie viele Kredite und Hilfsgelder sie Griechenland schon zur Verfügung gestellt haben.

          Bilderstrecke

          Die Forderungen von Tsipras nach einem abermaligen, solidarischen Europa zielen allerdings nicht alleine in Richtung dauerhafter finanzieller Unterstützung für Griechenland und die Wahlversprechen der neuen Linksregierung: Tsipras hat den Anspruch, mit seiner Strategie von Athen aus ganz Europa umzukrempeln. In Italien war er bei den Europawahlen vor einem Jahr mit einer Liste unter seinem Namen nur mäßig erfolgreich, überwand aber die Schwelle von 4 Prozent für den Einzug ins Europaparlament. In Spanien hofft Tsipras dagegen schon im Herbst auf einen Erfolg der Protestbewegung „Podemos“ und damit auf neue Verbündete einer Strategie, die auch vor Berlin nicht haltmacht: Es wäre ganz im Sinne der Strategie der griechischen Linken, wenn durch einen ironischen Effekt der Geschichte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel von ihren deutschen Wählern für zu viel Griechenlandhilfe bestraft und abgelöst würde: „Dass eine neue Epoche kommt, ist doch eine ganz natürliche Sache“, sagt dazu in Athen ein Mitglied des Syriza-Zentralkomitees der F.A.Z..

          Linker Kult der moralischen Überlegenheit

          Doch auch in Griechenland gibt es umgekehrt die Möglichkeit, dass nach einem Scheitern von Syriza nicht der Absturz folgt, sondern eine neue Epoche mit realistischen und reformorientierten Politikern. Das hoffen zumindest einige Vertreter aus der Wirtschaft und Opposition. „Nur wenn das Scheitern der Pläne von Tsipras offenbar wird, kann Griechenlands Politik von dem Mythos befreit werden, dass die extreme Linke eigentlich alles besser kann“, sagt ein liberaler griechischer Ökonom, der nun für eine internationale Organisation arbeitet. Spätestens seit der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 habe die Linke in Griechenland einen Kult der moralischen Überlegenheit entwickelt, der nun mit der Regierung Tsipras auf dem Prüfstand stehe. Doch deswegen schreckt der neue Ministerpräsident auch nicht davor zurück, mit populistischen Legenden über die angeblich erpresserischen Gläubiger die Wähler hinter sich zu scharen.

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