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Griechenlands Finanzminister : Spin-Doctor Varoufakis

Giannis Varoufakis Bild: Reuters

Das Brüsseler Ergebnis wirft die Frage auf, ob die sozialen Verheißungen der griechischen Regierung nun kommen oder nicht. Finanzminister Varoufakis jedenfalls feiert einen Sieg, den kaum ein anderer sieht.

          2 Min.

          Drei Wochen ist es her, da saß Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis neben dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe Jeroen Dijsselbloem auf einer Pressekonferenz in Athen. In Anwesenheit des Gastes warf Varoufakis die Reform-Kontrolleure aus dem Land. Dijsselbloems Gesichtszüge froren ein. Der Niederländer hielt den Abschieds-Handschlag sehr kurz und verschwand aus dem Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun steht Jeroen Dijsselbloem auf einer Pressekonferenz in Brüssel und verkündet, dass Griechenland bis Montag eine Reformliste zur Abnahme an ebenjene Kontrolleure schicken muss, die Varoufakis vor drei Wochen aus dem Land geworfen hat. Und was macht Varoufakis?

          Er wartet, bis Dijsselbloem fertig ist. Dann stellt er sich selbst vor die Presse, in diesem kleinen Raum im Untergeschoss des Europäischen Ratsgebäudes. Seit Stunden waren alle Stühle mit „Reserviert“-Zetteln belegt, denn das Interesse ist riesig daran, wie Varoufakis das Verhandlungsergebnis erklären will.

          Reaktionen in Athen : Die Griechen sind erleichtert

          Von den Kontrolleuren lernen

          Und dann feiert der Minister, als hätte er die Verhandlungen gewonnen. „Es wird ein anstrengendes, aber schönes Wochenende“, sagt er. „Wir werden eine offene Leitung zu unseren Partnern in den Institutionen haben, von denen wir viel lernen können.“ Lernen? Von den gleichen Institutionen, die er einst als Troika schmähte und rauswarf? Den Widerspruch zur alten Position löst Varoufakis schnell auf. Jetzt fänden die Gespräche „auf Augenhöhe“ statt. Dabei hat sich außer Namen und Ort nichts geändert. Dabei haben die wesentlichen Verhandlungen am Freitag ohne ihn stattgefunden, sondern direkt mit seinem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.

          Über Varoufakis ist viel geschrieben worden. Über seinen Kleidungsstil mit schweren Stiefeln und Hemden, die über die Hose hängen. Über seine Vergangenheit auf Volkswirtschafts-Lehrstühlen und als Berater einer Computerspiele-Firma. Über sein ökonomisches Selbstbewusstsein, das die anderen Minister für übertrieben halten, und über seine Schwierigkeiten, das in die politische Praxis zu übertragen.

          Varoufakis findet immer seinen Dreh

          Aber Varoufakis hat noch eine wichtige Fähigkeit: Sachverhalte ganz anders zu erzählen, als sie der Rest des Raumes sieht. In den vergangenen Wochen hat er das häufiger demonstriert.

          Varoufakis kann sagen, dass andere Staaten schon zu viel für Griechenland gezahlt hätten – und drei Minuten später „finanzielle Stabilität“ in Form von weiterem Geld verlangen. Ein Widerspruch? Ach wo!

          Varoufakis konnte vergangene Woche einen Kreditantrag voller salbungsvoller Worte an die EU schicken und ihn als großen Kompromissvorschlag loben, während vollkommen klar war, dass Schäubles zentrale Forderungen nicht erfüllt waren - und die halbe EU glaubte Varoufakis.

          Der Minister kann sich über die teuren Preise für Lebensmittel im Land beschweren und zur Lösung eine Lohnerhöhung vorschlagen. Er kann sich über das Reform-Diktat der alten Troika aufregen und die Reformbedingungen der neuen „Institutionen“ loben: Die Griechen müssten sich jetzt wie Odysseus an den Mast binden, um ihren Versuchungen nicht zu erliegen.

          Am Freitagabend hielt ihm ein britischer Journalist seine Widersprüche vor. Wie Varoufakis das Verhandlungsergebnis so toll finden könne, obwohl er so viel aufgeben musste. Varoufakis fand, der Journalist sei „engstirnig“. Griechenland habe seine Ziele erreicht, es müsse die Renten nicht weiter kürzen und könne den Mindestlohn erhöhen. Und was den Staatshaushalt angeht - da gebe es „konstruktive Mehrdeutigkeit“ im Abschlussdokument. Aber ob das die Reformkontrolleure auch so sehen?

          Die Frage ist, wer sich dieses Mal am Ende wundert: Wundert sich Europa darüber, dass auch ohne Geld bald viele soziale Verheißungen in Griechenland kommen? Oder wundern sich die Griechen darüber, dass sie nicht kommen? Falls am Schluss doch alles zusammengeht, dann wundern sich wahrscheinlich die meisten Leute.

          In jedem Fall hat Varoufakis am Freitagabend schon etwas wahr gemacht, was die wenigsten erwartet hatten: dass er schon dafür sorgen werde, dass sich alle einig werden.

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