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Wolfgang Schäuble : Hassfigur

17 Mal nahm der Minister im letzten halben Jahr an Sitzungen der Eurogruppe zu Griechenland teil, allein 9 Mal in der Zeit seit Mitte Juni. Trotzdem geht es um mehr als um persönlichen Frust. Auf dem Spiel steht für Schäuble die Vollendung seines politischen Lebenswerks. Ein neues Hilfspaket für Griechenland, das sich spätestens nach drei Jahren abermals als gescheitert erweist, bedroht aus seiner Sicht die Eurozone als Ganzes.

Aber wohl nicht nur deshalb insistiert er so beharrlich auf der Grexit-Option. Sie könnte für ihn auch das Mittel sein zu einem größeren Zweck. Der Schock, den ein Grexit auslösen würde, käme ihm nicht ungelegen. Gern zitiert er den Satz des Briten Winston Churchill: „Verschwende nie eine Krise. Sie gibt uns die Gelegenheit, Großes zu tun.“ Und für die Pläne, die Schäuble als sein Vermächtnis ansieht, böte ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion eben dies: die lange erhoffte Chance.

Merkel mag seine Gedankenspiele nicht

Um ein Übergreifen des Schocks zu verhindern, müsste der Euroraum ein Signal des Zusammenrückens setzen, am besten mit einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung. Bei einem Scheitern der Griechenland-Gespräche hätte es schon am vorigen Wochenende so weit sein können. Im Bundestag sprach Schäuble am Freitag von Strukturen, „die auf Dauer vertrauenswürdig und effizient sind“. Das ist der Wunsch des Europäers Schäuble.

Ein Feindbild für ganz Europa: Demonstranten in Athen zeigen Wolfgang Schäuble mit Hitlerbart.

Nach Merkels Geschmack sind solche Gedankenspiele nicht. Die Kanzlerin scheut das Risiko, das mit einem Ausscheiden Griechenlands einhergeht. Ein ungeordneter Grexit bedeute „Chaos und Gewalt“, warnte sie im Parlament ungewohnt drastisch. Und die geordnete Auszeit, die Schäuble propagiert, sei ohne Zustimmung Griechenlands und aller übrigen Euroländer nicht möglich.

Auch Schäubles hochfliegende Europa-Pläne teilt sie nicht. Im Verlauf der Krise fand Merkel mehr und mehr Gefallen daran, den Kreis der Regierungschefs zum europäischen Machtzentrum zu machen: Es stärkte ihre Position. Mehr Kompetenzen für Brüssel konnten dabei nur hinderlich sein. Es zeigte sich auch, dass der deutsche Wunsch nach mehr Haushaltskontrolle nur mit mehr Transfers erkauft werden konnte. Von einer europaweiten Arbeitslosenversicherung war die Rede. Schon vor drei Jahren verlor Merkel deshalb die Lust an solchen Plänen.

Für Schäuble sind hingegen schon viel zu viele Krisenjahre ins Land gegangen, ohne dass die handelnden Politiker sie zugunsten der Integration genutzt hätten. Zugeständnisse bei den Transfers würde er womöglich sogar machen. Er hat ja auch die europäische Bankenunion vorangetrieben, die Merkel auf einem turbulenten Gipfeltreffen im Sommer 2012 nur widerwillig akzeptierte.

Schäuble, ein „Staatsfreund“

Der entlassene griechische Finanzminister Varoufakis mag ein schlechter Politiker sein, als Analytiker ist er ganz gut: Schäuble benutze Griechenland als Mittel, um seine Idee von Europa durchzusetzen, schrieb er vor ein paar Tagen in der „Zeit“. Das ist wahr. Falsch ist nur der Vorwurf, diese Idee sei „neoliberal“.

Das ist das zweite große Missverständnis, dem Schäubles neuen Feinde und plötzlichen Freunde unterliegen. Dem Juristen Schäuble geht es nicht um freie Bahn für den Markt, es geht ihm um Regeln. Auch das unterschätzen die Vertreter des Wirtschaftsflügels, die ihn jetzt als ihren Helden feiern. Noch vor kurzem schimpften sie, mit seinen Plänen für die Erbschaftsteuer zerstöre er den deutschen Mittelstand. Und vor einigen Jahren hassten sie ihn als den Mann, der im Streit mit der FDP alle Pläne für eine große Steuerreform vernichtete.

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