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Euklid Tsakalotos : Der Mann mit Stofftasche und Che-Guevara-Plakat

So geht Euclid Tsakalotos zur Kabinettssitzung. Bild: AFP

Giannis Varoufakis geht und Euklid Tsakalotos kommt. Der neue griechische Finanzminister Tsakalotos gibt sich bescheidener als sein Vorgänger – doch die linke Agenda wird die selbe bleiben.

          Der Gegensatz könnte nicht größer sein als der zwischen Giannis Varoufakis, dem gerade zurückgetretenen Finanzminister Griechenlands, und Euklid Tsakalotos, der zuletzt offiziell als der griechische Leiter der Verhandlungsdelegationen auftrat und nun zum Finanzminister befördert wird. Varoufakis zelebrierte seine Auftritte, nicht nur bei der Vorfahrt mit seinem schweren Motorrad vor dem Ministerium oder dem Sitz des Ministerpräsidenten. Auch bei Pressekonferenzen gab er sich als selbstverliebter Star mit entsprechenden Allüren.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der etwa gleichaltrige Tsakalotos gibt sich dagegen bescheiden und zeigt sich an der Sache orientiert. Als stellvertretender Außenminister kam er wie Varoufakis ohne Krawatte ins Büro, aber lieber mit buntem Jackett aus edlem Material, dazu mit einer Umhängetasche aus Stoff, wie sie ein Student oder Professor benutzen würde. Tsakalotos bevorzugt die leisen Auftritte, taucht unvermutet in seinem Büro auf oder verabschiedet sich mit zwei Worten vor einer Reise nach Brüssel, um allein davonzuziehen.

          In seinen Überzeugungen ist Tsakalotos aber nicht weniger gefestigt als der bisherige Finanzminister Varoufakis. Die Athener Wirtschaftsstudenten erinnern sich daran, dass im Büro des Wirtschaftsprofessors die Wand hinter dem Schreibtisch mit einem großen Plakat von Che Guevara versehen war. Kurz nach dem Ausbruch der Krise schrieb Tsakalotos noch als Athener Unversitätsprofessor, dass die Krise Griechenlands nur mit einem supranationalen Plan gelöst werden könne.

          Erst stabilisieren, dann sparen

          Die neoliberalen Sanierungsrezepte und die zugrundeliegenden Modelle für Konsum und Produktion verurteilte er, weil aus seiner Sicht zu viel Platz für Spekulation blieb. Andererseits schrieb Tsakalotos, Populismus werde zu Unrecht als minderwertig betrachtet. Denn nur damit könne es eine Bewegung geben, die für mehr Gleichheit sorge.

          Im Amt des stellvertretenden Außenministers, zuständig für die Koordination der Wirtschaftspolitik gegenüber dem Ausland, zeigte sich Tsakalotos weiter fordernd gegenüber der Währungsunion: Für den Zusammenhalt sei auch eine soziale Dimension notwendig, so wie in Nordamerika einzelne Krisenstaaten auf Unterstützung rechnen könnten.

          Dass Griechenland zuerst spare und die Reformen realisiere, ist für ihn die falsche Reihenfolge der Dinge: Zuerst müsse das Land stabilisiert und die Krise beendet werden, dann könne man sich an Reformen machen. Für Tsakalotos ist es auch nicht genug, mit Hilfe der Gläubiger Griechenlands Finanzen zu stabilisieren. Als linker Keynesianer wünscht er zugleich auch ein großes Konjunkturprogramm für Griechenland, finanziert von Europa.

          Doktor aus Oxford

          Während andere Mitglieder der Regierung mit kommunistischer Vergangenheit einfach eine Wende in Richtung Staatswirtschaft propagieren, kommt in der Diskussion mit Tsakalotos immer wieder der Begriff des Unternehmens vor, doch verbunden mit Abscheu vor dem, was auch die Realität in Griechenland prägt: Unternehmen, die niedrige Löhne zahlten, seien nicht schützenswert, sagt Tsakalotos, denn sie sorgten für die falsche Art von Konkurrenz auf dem Arbeits- und Gütermarkt. Griechenland könne ohnehin nicht als Billiglohnland überleben, sondern nur mit qualifizierter Arbeit und gut ausgebildeten Kräften.

          Die Quellen dieser Urteile teilt Tsakalotos nicht wie andere Regierungskollegen einfach mit der kommunistischen oder linken Ideologie in Griechenland. Geprägt ist der 1960 als Sohn griechischer Auswanderer geborene, in den Niederlanden und England aufgewachsene Ökonom mehr von linker Ideologie an britischen Universitäten. Er hatte seinen Doktor in Oxford gemacht, dann bis 1993 an der Universität Kent gelehrt, bevor er schließlich als Auslandsgrieche einen Lehrstuhl in einer Athener Wirtschaftsuniversität übernahm.

          Der englisch geprägte Hintergrund hilft Tsakalotos noch immer, seine Gesprächspartner mit einer derart gepflegten Ausdrucksweise zu beeindrucken, dass jeder sofort an die edelste Version des „Queen’s English“ denken muss. Die Tonlage sorgt aber nicht allein für mehr Sympathien. Verglichen mit dem sprunghaften Vorgänger suchte Tsakalotos in schwierigen Momenten glaubwürdig zu bleiben, und er soll sich hinter den Kulissen am Rande der letzten Eurogruppe auch gegen den Abbruch der Verhandlungen und die Ankündigung der Volksabstimmung gewandt haben.

          Das hielt Tsakalotos aber nicht davon ab, ein Memorandum darüber zu präsentieren, warum das Referendum schließlich Sinn gemacht habe: „Die Gläubigerinstitutionen hätten auch nach einer Einigung den Gedanken an einen Grexit nicht zur Seite gelegt“, schreibt Tsakalotos. „Wir warten weiter auf mehr Flexibilität“.

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          Was passiert eigentlich gerade mit Griechenland?

          © dpa

            Kapitel 1: Gemeinsam wird alles besser

            Griechenland tritt 1981 der Europäischen Gemeinschaft bei, der Vorgängerorganisation der Europäischen Union. Als Teil einer immer enger werdenden Zusammenarbeit entscheiden sich zunächst elf Länder, 1999 die gemeinsame Währung Euro als Buchgeld einzuführen. Griechenland gibt ein Jahr später an, die Kriterien ebenfalls zu erfüllen, wozu zum Beispiel eine Staatsverschuldung von höchstens 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehört. 2001 tritt es der Eurozone bei. Gemeinsam mit den anderen Staaten konnte das Land so 2002 den Euro auch in Münzen und Scheinen einführen. Dieser Euroeintritt Griechenlands wird oftmals als Grundübel und Hauptursache der gesamten Griechenlandkrise angesehen, denn schon 2004 stellte die europäische Statistikbehörde Eurostat fest, dass die gemeldeten Zahlen Griechenlands nicht stimmen konnten. Das Land trat also dem Euro bei, obwohl seine Staatsverschuldung schon damals zu hoch war. Einige Jahre schafften die Griechen aber, aus eigener Kraft mit den wirtschaftlichen Problemen und den viel zu hohen Ausgaben umzugehen.


            Kapitel 2: Ende der Euphorie

            Mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 und einer allgemeinen Rezession verschärft sich die Lage in Griechenland. Ende April 2010 beantragt die Regierung offiziell Finanzhilfen. EU, Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) genehmigen Kredite unter strengen Sparauflagen. Die nun folgenden Jahren sind ein ständiges hin und her. Griechenland braucht immer wieder Geld, die Reformen werden zum Teil umgesetzt, für die Kreditgeber aber nicht ausreichend. Schulden werden erlassen. Die wirtschaftliche Lage des Landes wird dennoch immer schlechter, die Arbeitslosigkeit schießt in die Höhe. Ende des vergangenen Jahres ruft die damalige griechische Regierung Neuwahlen aus, weil sie sich mit den Geldgebern nicht über einen neuen Haushalt für das Land einigen kann. Die EU warnt vor solchen Neuwahlen, weil die linksradikale Partei Syriza, die sich gegen die Sparvorschriften von EU, EZB und IWF wehrt, gewinnen könnte.


            Kapitel 3: Wünsche werden erfüllt

            Die Stimmung in Griechenland ist zu Beginn dieses Jahres so schlecht, dass genau das passiert. Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis werden gewählt und verwirklichen viele ihrer Wahlversprechen sofort. Sie stellen entlassene Beamte wieder ein, erhöhen die Renten und eröffnen den geschlossenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder. Das kostet viel Geld, das Griechenland nicht hat, was aber erst Mitte des Jahres zu ernsthaften Problemen führen wird. An diesem 30. Juni läuft nämlich das zweite Hilfspaket für Griechenland aus. Das Land muss dann einen Kredit des IWF bedienen, wozu es ohne neue Kredite nicht in der Lage ist. Die Griechen beginnen, Geld von ihren Konten abzuheben.

            In den vergangenen Wochen gibt es wegen dieser Frist immer wieder Krisengipfel, mal auf technischer Ebene mit den Finanzministern der Eurozone, mal der Staats- und Regierungschefs. Lange sieht es trotz vieler Verzögerungen so aus, als würde man sich irgendwie einigen. Die Geldgeber und Griechenland streiten zwar darüber, ob das Land die Reformbedingungen der Geldgeber vor allem durch eine Erhöhung der Einnahmen, zum Beispiel durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, oder auch durch Einschnitte, wie eine Kürzung der Renten, erreichen soll. Die Geldgeber fordern diese Einschnitte zwingend, Griechenland sträubt sich. Die meisten Beobachter gehen aber davon aus, dass man sich in langen Nachtsitzungen kurz vor Ende der Frist wieder einmal auf einen Kompromiss einigen wird. Die Europäische Zentralbank überbrückt die Finanzierungsschwierigkeiten Griechenlands in dieser Zeit mit Notkrediten (Ela). Die Griechen heben immer mehr Geld von ihren Konten ab.


            Kapitel 4: Eskalation

            Doch dann eskaliert die Lage Ende der Woche. Alexis Tsipras ruft für viele Beobachter und Beteiligte völlig unerwartet ein Referendum über die Sparvorschläge der Geldgeber aus. Das Volk solle entscheiden, ob es die Bedingungen der Geldgeber akzeptieren wolle oder nicht. Die griechische Regierung positioniert sich eindeutig und ruft die Wähler auf, gegen die Reformvorschläge zu stimmen. Immer wieder wurde in der Vergangenheit über ein solches Referendum nachgedacht, doch so überstürzt rechnete niemand damit.

            Mit diesem Referendum ist nun einerseits klar, dass bis zum 30. Juni keine Einigung erzielt werden kann, denn die Abstimmung wird voraussichtlich erst am kommenden Wochenende stattfinden. Andererseits verprellt die griechische Regierung EU, EZB und IWF derart, dass Griechenland aus den Verhandlungen ausgeschlossen wird. Tsipras beantragt einer Verlängerung des Hilfsprogramm bis zum Referendum, doch die Geldgeber lehnen es ab. Die Fronten sind so verhärtet wie nie. Die Griechen versuchen so viel Geld wie möglich abzuheben, es bilden sich Schlangen an den Geldautomaten.

            Die Ankündigung des Referendums zieht viele Schritte nach sich. Die Europäische Zentralbank erhöht ihre Notfallkredite nicht mehr. Da Griechenland diesen Kreditrahmen schon fast ausgeschöpft hat, kommt das Land nun nicht mehr an neues Geld heran. Die Regierung kündigt Kapitalverkehrskontrollen an und schließt die Banken. Die Griechen dürften seitdem nur noch 60 Euro am Tag an den Bankautomaten abheben und nur innerhalb des Landes Geld überweisen. Am 30. Juni bedient die griechische Regierung ihren Kredit beim IWF nicht und ist nun offiziell in Zahlungsverzug.

            Kapitel 5: Und jetzt?

            Die Griechen haben sich in ihrem Referendum überraschend deutlich gegen die Reformpläne der Geldgeber entschieden und der eigenen Regierung zunächst den Rücken gestärkt. Was in den kommenden Wochen passieren wird, ist nun die große Frage. Wird Griechenland innerhalb des Euro pleite gehen oder läuft es auf einen Grexit hinaus? Kommt es zu einem Schuldenschnitt? Wie bekommt das Land neues Geld und wie geht es langfristig mit der griechischen Regierung weiter? Bei der sich ständig ändernden Lage will sich kaum jemand mehr auf die eine sichere Lösung festlegen. Nur eines scheint sicher: Nichts mehr ist ausgeschlossen.



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