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Tsipras in Berlin : „Weder sind die Griechen Faulenzer, noch sind die Deutschen schuld“

Wollen sich in Zukunft um mehr Verständnis der jeweils anderen bemühen: Alexis Tsipras und Angela Merkel Bild: Matthias Lüdecke

Angela Merkel und Alexis Tsipras schlagen in Berlin versöhnliche Töne an. Wer auf die große Konfrontation gebaut hatte, wurde enttäuscht. Ebenso wie alle, die sich den Durchbruch im Schuldenstreit erhofft hatten.

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          „Sie können nicht erwarten, dass ich nach Deutschland komme, um die Bundeskanzlerin zu bitten, unsere Gehälter zu zahlen.“ So  anwortete  Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras im Bundeskanzleramt scherzend auf die Frage einer Journalistin aus seinem Land, ob es nun endlich Geld  für Athen gebe. Angela Merkel trat dagegen betont sachlich auf. Die Hausherrin verwies nüchtern auf die Regularien. Nicht die Bundeskanzlerin, nicht Deutschland, sondern die Eurogruppe müsse das Reformprogramm der neuen griechischen Regierung bewerten. „Ich kann nichts in Aussicht stellen, zusagen, schon gar nicht Liquidität.“ Beide Politiker bemühten sich sichtlich, die schwierige Geschichte beider Länder nicht zum Mittelpunkt des gemeinsamen Auftritts werden zu lassen.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wer am Montag den Durchbruch im Ringen um die finanzielle Zukunft Griechenlands von dem Antrittsbesuch des Griechen im Kanzleramt erhofft hatte, sah sich am Abend genauso enttäuscht wie alle, die auf die große politische Konfrontation, den Skandal gebaut hatten. Routiniert die Bundeskanzlerin, freundlich der Besucher aus Athen. „Weder sind die Griechen Faulenzer, noch sind die Deutschen schuld an den Missständen in Griechenland“, sagte Tsipras.

          Merkel zu Tsipras : Ökonomische Eckdaten in Griechenland müssen stimmen

          Der Ministerpräsident nutzte die Gelegenheit, sein Mantra in Berlin zu wiederholen: Nach fünf Programmjahren sei die Volkswirtschaft seines Landes um 25 Prozent geschrumpft, gebe es enorme soziale Verwerfungen, sei die Kluft zwischen Arm und Reich größer geworden. Die Steuerlast der Ärmeren sei um 337 Prozent gestiegen, die der Reichen um neun Prozent. Seine Schlussfolgerung klang bekannt: Man brauche einen neuen politischen Mix, um die Verwerfungen zu beseitigen.

          Auch die Kanzlerin hatte ihr Mantra

          Auf die Frage, ob er mit einer Liste mit Reformvorschlägen angereist sei, reagierte Tsipras ausweichend. Es gehe nur um einen Meinungsaustausch. Die Bundeskanzlerin erinnerte an die  früheren Beschlüsse: „Wichtig ist, dass die ökonomischen Eckdaten stimmen.“ Wenn etwas angepasst werden solle, müssten dies die drei Institutionen prüfen, nicht aber Deutschland. Auch sie hatte ihr Mantra: Strukturreformen, solide Haushalte, funktionierende Verwaltung.

          Persönlich ging man nett miteinander um, besonders Tsipras versuchte die Ausfälle von griechischen Regierungsmitgliedern vergessen zu machen, genauso wie sein Aussparen Berlins in der ersten Runde von Antrittsbesuchen in Europa. Er bescheinigte der Deutschen, nicht nur gut zuzuhören, sondern konstruktiv zu sein. Er verstieg sich sogar zu der Behauptung:  „Die Beziehungen sind sehr positiv.“

          Der Chef der linken Syriza-Partei distanzierte sich  von seiner eigenen Parteizeitung, die Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als Nazi-Schergen dargestellt hatte: „Auch meine Parteizeitung hat etwas Schreckliches veröffentlicht.“ Die Montage Merkels unter Soldaten mit Hakenkreuz-Armbinde auf der Akropolis, die das Magazin „Der Spiegel“ auf seiner aktuellen Titelseite zeigt, bezeichnete Tsipras als eine Provokation, die sehr ungerecht sei. „Das heutige Deutschland hat nichts zu tun mit dem Deutschland des Dritten Reichs, das so viel Blutzoll gekostet hat“, sagte der griechische Regierungschef. Beide Länder müssten die Schatten die Vergangenheit hinter sich lassen.

          Niemand will das Goethe-Institut pfänden

          Zugleich sprach Tsipras die umstrittenen Reparationen und den Zwangskredit an. Doch handele es sich weniger um ein materielles als eine moralisches Problem. Mit der gegenwärtigen Schuldenkrise und der Suche nach Lösungen auf EU-Ebene hänge es „nicht zusammen“. Auf Nachfrage behauptete Tsipras: Niemand in seiner Regierung habe die Absicht, das Goethe-Institut zu pfänden. „Das können Sie vergessen.“

          Merkel bekräftigte die deutsche Position, dass die  Reparations-Frage rechtlich und politisch abgeschlossen sei. Sie gestand zugleich zu, dass das unter den Nazis begangene Unrecht und Leiden nicht immer so gewürdigt worden sei, wie es hätte sein sollen. Sie zeigte sich bereit, mit den Griechen über den Aufbau einer Förderbank zu sprechen – wenn dies gewünscht sei.

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