https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/griechenland/thomas-mayer-interview-zu-varoufakis-die-parallelwaehrung-13596404.html

Parallelwährung : Kommt in Griechenland jetzt der Geuro?

Das käme darauf an, wie erfolgreich die Regierung weitere Maßnahmen ergreift, damit sich die Wirtschaft erholt und aus dem Loch kommt. Wenn das passiert, könnte sich das Vertrauen in diese Schuldscheine festigen. Wie bei einem Privatmann: Wenn ich Schulden habe und bei meinen Freunden Schuldscheine verteilt habe, und ich bekomme auf einmal einen tollen Job, und mein Gehalt verdoppelt sich, dann wird der Wert dieses Schuldscheines steigen. Alle denken, der zahlt das bestimmt zurück. Wenn ich dagegen meinen Job verliere und fange an zu trinken, sinkt der Wert. So würde es auch von den Griechen abhängen, wie sich der Wert ihrer Schuldscheine entwickelt. Wenn es gut läuft, kann die Regierung sogar irgendwann alle Schuldscheine zurückkaufen und abschaffen.

Wieso lassen die Griechen sich denn überhaupt auf solche Gedankenspiele jenseits des Euros ein? Die sagen doch immer, sie wollten im Euro bleiben. . .

Mein Eindruck war, es ist das vorrangige Ziel der griechischen Regierung, im Euro zu bleiben. Ob das gelingt, hängt aber von den Umständen ab. Die Parallelwährung war in unseren Gesprächen nur ein Thema unter anderen, die wir diskutiert haben. Es ging auch um meine Analyse der Europäischen Währungsunion. Das Thema Parallelwährung hatte seinen Weg in die griechische Presse gefunden - auch deshalb gab es dafür Interesse.

Was ist denn der Vorteil einer Parallelwährung gegenüber einem Grexit, einem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion?

Der Schritt wäre nicht so endgültig. Die Regierung könnte die Parallelwährung wieder abschaffen, wenn irgendwann alles besser läuft. Wenn Griechenland hingegen den Euro verlässt, würde das wohl auf unabsehbare Zeit nicht rückgängig gemacht werden können. Wenn ohne Euro alles besser läuft, würden alle in Griechenland sagen: Nie wieder! So ähnlich wie die Briten. Das Pfund war ja bei einer Vorgängerinstitution des Euros auch dabei, beim Europäischen Währungssystem. 1992 musste es ausscheiden. Das war damit ein für alle Mal erledigt. Der britische Schatzkanzler Norman Lamont sagte damals, er habe in der Badewanne vor Freude gesungen. Und wenn es in Griechenland schlechtgeht, sagen die Partner: Die wollen wir auf keinen Fall wieder.

Führt denn der Geuro nicht früher oder später zum Grexit?

Nein, das muss nicht sein. Es gibt Beispiele in der Geschichte, in der das Ganze gut ausgegangen ist. Kalifornien hat eine Zeitlang Schuldscheine als eine Art Parallelwährung ausgegeben und dann wieder eingezogen. Und im amerikanischen Bürgerkrieg hatten die Nordstaaten den Greenback als Parallelwährung zum Gold-Dollar eingeführt. Auch dort ist man später zur alten Währung zurückgekehrt.

Varoufakis ist Ökonom wie Sie. Versteht man sich leichter unter Ökonomen?

Nicht unbedingt. Oft ist es bei Ökonomen so, dass sie sehr an ihrem wissenschaftlichen Paradigma, ihrer ökonomischen Weltanschauung hängen und mit Andersdenkenden nicht diskutieren können. Das ist bei Varoufakis anders. Er ist Neukeynesianer, und ich vertrete die liberale Österreichische Schule. Aber er ist sehr offen und bereit, über alles zu diskutieren.

Wäre den Griechen eine Parallelwährung als ökonomisches Experiment denn nicht zu riskant?

Selbstverständlich wäre damit ein Risiko verbunden, das man nur im Notfall eingeht. Wie gesagt, ich kann nicht beurteilen, was die Griechen jetzt damit machen.

Wie unabhängig wären die Griechen, wenn sie Ihrem Vorschlag folgen?

Mit einer Parallelwährung hätte Griechenland mehr fiskalpolitischen Spielraum. Es ist den Griechen sehr wichtig, dass sie trotz der Krise ihre Souveränität behalten. Varoufakis hat immer wieder gesagt, dass Griechenland kein neues Hilfspaket mehr will. Außerdem könnte über die Abwertung der Parallelwährung die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbessert werden.

Müsste die EZB Griechenland dann nicht mehr mit Notkrediten versorgen?

Die müsste man einfrieren. Bargeldabhebungen dürften nur noch mit einem Abschlag möglich sein, auch den Transfer ins Ausland müsste man begrenzen. Und natürlich müsste der Staat schnell so viele Euros auftreiben, dass er die jetzt fälligen Schulden zahlen kann und nicht pleitegeht.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Geuro kommt?

Da wage ich keine Prognose.

Sie hatten auch für Deutschland eine Art Parallelwährung vorgeschlagen, den „Deuro“. Hat sich die Bundesregierung das auch mal angehört?

Nein, in Deutschland drängt das nicht. Hier lebt man in einer scheinbar heilen Welt. Aber diese Welt ist brüchig. Wenn die Brüche sichtbar werden, etwa weil die Inflation steigt, wird man auch bei uns unzufrieden werden.

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