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Schuldenkrise : So teuer ist die Euro-Rettung in Griechenland

Ein Straßenhändler in Athen: Laut aktuellen Umfragen wollen Dreiviertel aller Griechen den Euro behalten. Bild: AP

Millionen, Milliarden, zig Milliarden: Was hat die Schuldenkrise der Griechen Deutschland bislang gekostet? Und wie teuer könnte es noch werden?

          5 Min.

          Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf die drohenden Ausfälle angesprochen wird, die sich aus einem Staatsbankrott Griechenlands für den Bundeshaushalt ergeben können, zeigt er sich üblicherweise betont gelassen. Der CDU-Politiker erinnert dann daran, dass die erste Rückzahlung von Krediten, für die Deutschland haftet, erst im Jahr 2020 anstehe. Bei einem Teil der Schuld beginne diese sogar erst im Jahr 2023. Zudem laufe die Tilgung über eine lange Frist. Das soll zu der Schlussfolgerung verleiten, dass die Belastungen aus einer Insolvenz Griechenlands ohne größere Probleme verkraftbar seien.

          Was hat die Schuldenkrise der Griechen Deutschland bislang gekostet?

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die internationalen Gläubiger (Euro-Staaten und IWF) haben Griechenland mit zwei Programmen bislang Hilfen über fast 240 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Der deutsche Steuerzahler hat die Kosten der Griechenlandhilfen bisher kaum realisiert - obwohl Deutschland allein mit dem ersten Hilfspaket Haftungszusagen von mehr als 15 Milliarden Euro übernommen hat. Das Geld floss über die bundeseigene Förderbank KfW. Mit dem zweiten Hilfspaket und dem vorläufigen Schutzschirm EFSF kamen für den deutschen Steuerzahler noch einmal 41,3 Milliarden Euro hinzu. Weitestgehend ist auch das Geld schon nach Athen geflossen. Aktuell geht es im Ringen mit Athen nur noch um eine letzte kleine Tranche.

          Bild: F.A.Z.

          Schuldenschnitt 2012: Dass es nicht nur um theoretische Risiken geht, die lediglich auf dem Papier stehen, sondern so etwas schnell Realität werden kann, zeigt der Blick zurück auf den Schuldenschnitt für Griechenland im Frühjahr 2012. Die privaten Anleihegläubiger mussten vor drei Jahren auf 53,5 Prozent des gezeichneten Nominalwerts von griechischen Staatsanleihen von rund 200 Milliarden Euro verzichten, sie verloren also rund 107 Milliarden Euro Nennwert. Die staatliche KfW hat dabei nach offiziellen Angaben Abschreibungen von 182 Millionen Euro vorgenommen. Das trifft mittelbar den Bund, dem vier Fünftel der Anteile gehören, ein Fünftel liegt bei den Ländern. Weitaus stärker schlug der Schuldenschnitt auf die staatlichen „Bad Banks“ durch, in denen die risikobehafteten Papiere der Hypo Real Estate und der West LB ausgelagert worden sind. „Die beiden Abwicklungsanstalten haben Verluste von insgesamt 9,7 Milliarden Euro verbucht“, berichtet das Finanzministerium auf Nachfrage. Diese Verluste haben indirekt die Steuerzahler getroffen.

          Verdeckter Schuldenschnitt 2012: Hinzu kommt ein zweiter, verdeckter Schuldenschnitt. Dieser entstand durch den Beschluss der Eurofinanzminister im November 2012, als sie die Zinsen der Hilfskredite des Krisenfonds EFSF für Athen stark gesenkt und die Laufzeiten verlängert haben. Nach früheren Berichten soll das allein die KfW 130 Millionen Euro im Jahr gekostet haben. Durch die Zinsreduktion und die spätere Rückzahlung der Kredite verringerte sich der Barwert der Forderungen. Der Chef des EFSF-Fonds Klaus Regling hat ausgerechnet, dass alle Vergünstigungen zusammen einer Verringerung des Nettobarwerts in Höhe von 40 Prozent der Darlehen der Europäer gleichkommen. Auch wenn Regling betont, dass dies kein Forderungsverzicht gewesen sei, kommt es einem solchen faktisch gleich.

          Was ist mit den griechischen Anleihen im Besitz der Zentralbank?

          Neben den Haftungsübernahmen aus den Krediten haben sich erhebliche Risiken im System der europäischen Zentralbanken aufgebaut. Von Mai 2010 bis September 2012 kaufte die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals Staatsanleihen ausgewählter Euro-Krisenländer auf (SMP-Programm). Die erworbenen Anleihen werden bis zur Endfälligkeit gehalten. Damit Griechenland mittelfristig eine Chance hat, seine Schulden selbst finanzieren zu können, gab es im November 2012 die Zusage, dass die Zentralbanken den rechnerischen Gegenwert der aus diesen Anleihen erzielten Gewinne an Athen abführen. Der deutsche Anteil betrug 599 Millionen Euro im Jahr 2013. Um den Eindruck zu vermeiden, dass es sich um eine verbotene Staatsfinanzierung mit Hilfe der Geldpolitik handelt, überwies die Bundesbank ihren Gewinn wie sonst auch an den Bund. Schäuble reichte dann die knapp 600 Millionen Euro an Athen weiter. Für 2014 geht es aus deutscher Sicht um 532 Millionen Euro. Dieses Geld ist auf einem Sonderkonto des ESM-Fonds in Luxemburg geparkt. „Ihre Freigabe ist an den erfolgreichen Abschluss des derzeitigen Anpassungsprogramms geknüpft“, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium.

          Aktuell kämpft Athen mit der Rückzahlung von Krediten und Anleihen, die auslaufen. Neben Tilgungen an den Internationalen Währungsfonds muss Athen weitere Zahlungen sicherstellen, um nicht offiziell als zahlungsunfähig zu gelten. Im Juli muss Athen eine große Anleihe im Besitz der EZB tilgen. Es geht um mehr als 3 Milliarden Euro. Das dürfte Athen nur schaffen, wenn es vorher neue Hilfskredite der Europäer erhielte. Eine spannende Frage ist, was passiert, wenn Griechenland seinen Verpflichtungen gegenüber dem Internationalen Währungsfonds nicht mehr nachkommen sollte. In dem Fall dürfte die KfW ihre Kredite wohl komplett abschreiben. Das muss aber nicht sofort auf den Bundeshaushalt durchschlagen, aber selbst wenn die Haftungszusage des Bundes nur gestreckt eingefordert wird, belastet das den Etat des Bundes über die Jahre. Von 2023 an kämen dann EFSF-Ausfälle hinzu.

          Wie teuer könnte eine Griechen-Pleite für die Euro-Retter noch werden?

          Bundesfinanzminister Schäuble betont, dass die Hilfen deutscherseits größtenteils aus Haftungszusagen für Kredite bestehen. Was aber ist, wenn Griechenland zahlungsunfähig wird und die Haftungsrisiken schlagend werden? Dann kann es für Deutschland richtig teuer werden, weil es den Löwenanteil der Haftungszusagen gemacht hat, beim Hilfspaket der Euroländer über den EFSF über fast 142 Milliarden Euro gut 27 Prozent. Auch von den bilateralen Krediten der EU-Länder an Athen über 52,9 Milliarden Euro geht rund ein Viertel auf den deutschen Staat. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro vom IWF. Die EZB hält aus dem ersten Staatsanleihekaufprogramm noch einen Bestand von etwas weniger als 30 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil an den Hilfsprogrammen beträgt insgesamt rund 60 Milliarden Euro. Nimmt man die ausstehenden Anleihen im EZB-Besitz hinzu, stehen für Deutschland etwa 65 Milliarden Euro auf dem Spiel.

          Falls Griechenland zahlungsunfähig würde, drohen Deutschland und den anderen öffentlichen Gläubigern hohe Verluste. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat diese auf 40 bis 50 Milliarden Euro geschätzt. Deutschland könnte sich das leisten, findet Fratzscher. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, ist überzeugt davon, dass alle europäischen Rettungsmaßnahmen für Griechenland deren Insolvenz nicht werden aufhalten können. „Griechenland ist pleite. Das Geld kommt nie zurück, das können wir abschreiben“, sagt er. „Deutschland hat einen Maximalverlust von 85 Milliarden Euro. Wenn wir ein Rettungspaket nach dem anderen machen, kostet es immer mehr Geld“, meint Sinn.

          Er rechnet dabei zu den potentiellen Verlusten auf abzuschreibende Hilfskredite auch noch die ausstehenden sogenannten Target-Verbindlichkeiten der griechischen Zentralbank hinzu. Target ist das grenzüberschreitende Zahlungsverkehrssystem der Zentralbanken. Hier haben sich große Ungleichgewichte aufgebaut, zum Teil durch Leistungsbilanzdefizite, zum Teil durch Kapitalflucht aus den Krisenländern. Griechenlands Target-Verbindlichkeiten haben in den letzten Monaten seit der Zunahme der Unsicherheit durch den absehbaren Syriza-Wahlsieg sprunghaft zugenommen. Ende vergangenen Jahres lag der Target-Wert noch bei minus 49 Milliarden Euro, inzwischen ist er nach den jüngsten verfügbaren Daten im Februar auf minus 91 Milliarden Euro geschnellt. Im Fall eines Grexits, also eines griechischen Ausscheidens aus dem Währungsraum, wäre fraglich, ob die Target-Forderungen noch einholbar wären.

          Mit den Target-Salden verknüpft sind auch die Ela-Notkredite der Athener Notenbank für die klammen griechischen Geschäftsbanken. Inzwischen hat der EZB-Rat das maximale Volumen für Ela-Kredite auf über 75 Milliarden Euro ausgeweitet. Die Banken erhalten so Zentralbankgeld gegen Hinterlegung von Sicherheiten, deren Qualität aber im EZB-Rat kritisch gesehen wird. Einen Teil des so geschaffenen Zentralbankgeldes haben verunsicherte Bankkunden sofort auf Auslandskonten in Sicherheit gebracht. Dadurch stiegen die negativen Target-Salden Griechenlands. Die griechischen Bankkunden erwerben damit im Ausland Forderungen, der Bundesbank bleibt im schlechtesten Fall nur eine wertlose Target-Forderung gegen die Bank of Greece.

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