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Schuldenkrise in Griechenland : Im Würgegriff

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„Selbst der Bauingenieur ließ sich nicht dreimal bitten“, sagt Rena. Die Vorauszahlung von zweitausend Euro hat er von der Rechnung nicht abgezogen. Das Ehepaar wartet noch heute auf die Rückzahlung. Das Geld einzuklagen, hat wenig Sinn. „Darauf spekuliert der Bauingenieur“, meint Rena. Zu niedrig der Streitwert, zu hoch die Prozesskosten, zu lange die Prozessdauer. Das Justizsystem ist ineffizient. Bei den Verwaltungsgerichten haben sich 800.000 Fälle aufgestaut. Ein Verfahren von der ersten Instanz bis zum Erlass eines rechtskräftigen Urteils durch das Oberste Verwaltungsgericht dauert fast 13 Jahre. Und drei Jahre vergehen, ehe die Verhandlung in einem Verfahren zur Steuereinziehung überhaupt anberaumt wird. Ein Paradies für Steuersünder.

Schlechtes Wasser bringt rostfreies Geschirr zum Rosten

Trotz aller Widrigkeiten sind Rena und Ilias zufrieden mit ihrem dörflichen Leben. Lärm, Stau, Streiks, nichts davon gibt es auf dem Land. Doch die Idylle trügt. Seit dem Euro gleicht die Insel einem Naherholungsgebiet Athens. Bis 2010 wurde überall auf Euböa gebaut. Küste und Berge sind zersiedelt. Neben Aliveri, auf einem kahlen Hang mit Meeresblick, erwuchs binnen acht Jahren ein Neubaugebiet mit über 500 Häusern. Die meisten davon fürs Wochenende.

Büste von Aristoteles vor dem Rathaus von Chalkida auf Euböa
Büste von Aristoteles vor dem Rathaus von Chalkida auf Euböa : Bild: Picture-Alliance

Ein großes Problem ist die Wasserversorgung. Nahezu jeden Monat bricht in Krieza und den umliegenden Dörfern ein Leitungsrohr oder Pumpen fallen aus. Das marode Leitungsnetz stammt aus den Sechzigern, als die Junta Strom und fließendes Wasser in die Dörfer brachte. Es ist das Ergebnis jahrzehntelangen Flickwerks. „Die Wasserqualität ist katastrophal“, sagt Kostas Lathouras, 51 Jahre, Maler, Gipser, Gärtner, ein Mann für alle Arbeiten. „Im Kaffeehaus servieren sie abgefülltes Mineralwasser zum Kaffee. So schlecht ist das Leitungswasser.“

Es bringt rostfreies Geschirr zum Rosten. Das liegt am Kalk, sagen die Dorfbewohner. Das liegt an aggressiven Substanzen, behauptet Kostas. Beim kommunalen Wasserversorger in Aliveri wollte er die Ergebnisse der letzten Wasseranalyse einsehen. Zwei Proben pro Jahr sind vorgeschrieben. Der Angestellte gab ihm die Handynummer des Verantwortlichen. Kostas Lathouras wählte die Nummer, erhielt eine andere, wurde schließlich weiter- und wieder weitergereicht, bis er abermals beim Angestellten des Wasserversorgers landete. Seit drei Jahren kontrolliert die Gemeinde nicht mehr das Leitungswasser. Es heißt, sie habe kein Geld. Ein Analyse kostet 200 Euro.

Kostas Lathouras ist in Sydney geboren. Mit 21 Jahren kam er zurück ins Dorf seiner Eltern. Er ist stolz darauf, Grieche zu sein. Dass aber die Gemeinde, statt in die überfällige Instandhaltung des Wassernetzes zu investieren, lieber Geld ausgibt für einen mit Steinen gepflasterten Platz mit der Büste eines Revolutionshelden aus dem Aufstand gegen das Osmanische Reich, bringt ihn zur Weißglut. Er steht auf dem Platz mitten in Krieza und schätzt die Baukosten auf 30.000 Euro. „Die wirklichen Kosten liegen 50 Prozent höher“, glaubt er.

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