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Alltag in Athen : Es ist doch sowieso egal

Leere Kassen, aber zumindest halb gefüllte Restaurants: Das Leben muss ja weitergehen, sagen die Athener. Bild: F1online

Sechs Jahre Krise haben die Griechen mürbegemacht. Sie haben es satt, nicht zu wissen, wie es mit ihnen und ihrem Land weitergeht. Aber solange der Geldautomat noch Scheine ausspuckt, geht das Leben weiter. Und mancher sehnt den „Grexit“ herbei.

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          Im Athener Kaffeehaus „Piazza Duomo“ ist am Sonntagnachmittag kein Platz frei. Mit Mühe findet sich noch ein kleiner Tisch nebenan, beim Café „Central“, gegenüber der Mitropolis, der Kathedrale des orthodoxen Erzbistums von Athen, die seit einem Erdbeben 1999 mit Gerüsten versehen ist. Die Griechen lassen sich davon nicht stören, ebensowenig von den Krisenzeiten. Allerdings ist es relativ billig, sich im Kaffeehaus zu treffen. Denn niemand stört sich daran, wenn drei Gäste an einem Tisch stundenlang an ein paar Espressotässchen nippen. Während in anderen Touristenstädten schon längst die Bedienung herausfordernd die Rechnung präsentiert hätte, kommt sie hier und füllt unaufgefordert und kostenlos die Wassergläser auf.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die zuvorkommende Freundlichkeit in Athen wird als selbstverständlich angesehen - so soll es auch jetzt sein, Krise hin oder her, sagt die befreundete Athenerin: „Das Leben geht weiter“, heißt ihr Motto. Seit der Ehemann im Ausland arbeitet und Geld verdient, ist es allerdings leichter, der Zukunft entgegenzusehen. Obwohl die Familie nur jedes zweite Wochenende zusammen ist, wird an einen Wegzug aus Athen nicht gedacht: Die Kinder seien doch in einer elitären Schule, und auf den Sommer mit Meer könne man nicht verzichten.

          „Und Griechenland ist nicht Syrien. Die Formel von der humanitären Krise kann ich nicht mehr hören, das ist eine Übertreibung der neuen Regierung. Denn niemand bleibt hier hungrig.“ Zu denen, die den fehlenden Sozialstaat, etwa eine Sozialhilfe ersetzten, gehöre die - wohlhabende - orthodoxe Kirche.

          Insolvenzverfahren gibt es in Griechenland nicht

          Doch so einfach ist die Lage doch nicht. Zu viele Griechen berichten von arbeitslosen Familien, die glücklich sein müssten, von der gekürzten Rente des Großvaters etwas abzubekommen, von Leuten, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, Miete oder Hypotheken schon lange nicht mehr. Weil auf leerstehende Immobilien Steuern zu entrichten sind, als seien sie erfolgreich vermietet, finden sich in heruntergekommenen Gegenden Angebote zur kostenlosen Übernahme - gegen Bezahlung von Steuern und Gebühren.

          „In meinem Bekanntenkreis gibt es einen Unternehmer, der sich seit drei Jahren vor den Behörden versteckt“, sagt ein Athener Architekt. Würde der Bekannte gefunden, müsste er wegen Steuerschulden ins Gefängnis. Die kleine Unternehmensgruppe des Mannes mit bis zu 80 Mitarbeitern sei zusammengebrochen, und den Weg einer klärenden Insolvenz gibt es in Griechenlands Wirtschaftspraxis nicht - die Unternehmen bleiben als „Untote“ im Unternehmensregister und auf der Liste der Steuerschuldner.

          Über die persönliche Unruhe und Unsicherheit über die Zukunftsaussichten erzählen auch die wohlhabenden Griechen ungern Fremden oder Ausländern. Dafür liefert aber die Statistik der griechischen Zentralbank ein schonungsloses Bild: Von Ende November bis Ende Februar sind bei den griechischen Geschäftsbanken 24 Milliarden Euro oder 15 Prozent an Bankeinlagen von Privatkunden und Unternehmen abgezogen worden. Nach dem Spitzenwert der Einlagen vor der Krise, 238 Milliarden Euro im September 2009, bleiben nun etwa 135 Milliarden Euro übrig. „Große Beträge ins Ausland zu überweisen, traut sich im Moment aber keiner mehr“, sagt ein Athener Banker. Das meiste Geld liege im wahrsten Sinne des Wortes unter der Matratze oder als Bargeld in irgendwelchen Safes.

          Wer Euroscheine hat, muss nicht fürchten, später einmal die Ersparnisse in wertlosen neuen Drachmen zurückzubekommen. Ebenso groß wie die Angst vor der Rückkehr zur Drachme ist die Angst vor stillgelegten Geldautomaten: „Wenn die Geldautomaten leer bleiben“ - so umschreiben die griechischen Medien den Anfang vom Zusammenbruch der Wirtschaft mit einer simplen und dennoch klaren Metapher. „Irgendwie muss man doch Vorsorge treffen für den täglichen Bedarf der Familie“, sagt ein Ökonom und deutet so an, dass die letzten Ersparnisse der Krisenzeiten nicht mehr auf dem Bankkonto gehortet sind.

          Keine Regierung habe Misere anerkannt

          Umgekehrt setzen die Geschäftsbanken alles daran, auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen: „Früher kam es öfter vor, dass ein Geldautomat leer geblieben ist“, sagt der führende Kopf einer großen griechischen Bank. Doch nun seien alle Warn- und Alarmsysteme so ausgeklügelt, dass ja kein Automat auch nur für einen Augenblick ohne Geld bleibe, denn man wolle unter keinen Umständen auch nur einen Hauch von Unsicherheit aufkommen lassen.

          Dass diese Vorkehrungen helfen, bezweifelt der Banker allerdings selbst sehr heftig. Er war zu Beginn der Krise besonders optimistisch aufgetreten. Doch nun wirkt er niedergeschlagen wie nie zuvor. „Eine Bank kann nicht besser sein als die Volkswirtschaft, in der sie arbeitet“, lautet sein Fazit. Der Mann hat böse Vorahnungen: „Die Regierung von Syriza könnte irgendwann entscheiden, dass sie nicht mehr in der Währungsunion bleiben will.“ Dies sei dann nur die Schlussfolgerung von Jahren verpasster Reformchancen. Denn keine Regierung habe sich bisher mit der Idee identifiziert, dass Griechenland umgekrempelt werden müsse.

          Viele Chancen seien vertan: Von Juni 2012 bis Juni 2014 seien 50 Milliarden Euro ins Land geflossen - und nun wieder abgezogen worden. Den Geldabfluss sieht er als Gradmesser für die schwankende Stimmung zwischen der Furcht vor dem „Grexit“ und der Hoffnung auf eine Rückkehr zu einer Normalität. Bis zu 3 Milliarden Euro in der Woche werden weiterhin von den griechischen Bankkonten geholt.

          Alltag trotz Krise: Eine Frau kauft Früchte auf dem Markt in Athen.

          In dieser schwankenden Stimmung wollen die führenden Ökonomen und Banker in Athen lieber nicht mit Namen zitiert werden. Einer der Prominenten spricht dafür Klartext - und sagt, was in den Köpfen mancher Griechen vorgeht: „Es gibt eine Reihe von Unternehmern, die sich über einen Grexit durchaus freuen würden.“ Das seien diejenigen, die ihre Anlagen und flüssigen Mittel ins Ausland gebracht, in Griechenland dagegen nur noch große Schuldenberge zurückbehalten haben. Würden diese auf Drachmen umgestellt und abgewertet, wäre das für manche Unternehmer nicht nur eine lange erträumte Verbesserung der Finanzlage, sondern auch noch die Chance, manchen Konkurrenten billig zu kaufen.

          Ein Athener Chefökonom will dagegen ganz und gar nichts wissen von der Perspektive des „Grexit“: Mehr als zwei Drittel der Griechen wollten nach wie vor keinen Euro-Austritt. Die neue Regierung werde an einigen ihrer Wahlversprechen festhalten, Rentenkürzungen oder Eingriffe in den Arbeitsmarkt für weitere Lohnsenkungen auf jeden Fall ausschließen. Doch irgendwie sei ein Kompromiss mit den Geldgebern erreichbar. Dann habe die neue Regierung auf jeden Fall mehr erreicht als die Vorgänger.

          Immer wieder sagen die Optimisten, Ministerpräsident Alexis Tsipras werde noch für eine Klärung der Situation sorgen. Erreiche er eine Wende seiner Regierungspartei zu einem gemäßigteren Mitte-Links-Kurs, könne er für viele Jahre regieren. Wenn die orthodoxen Kommunisten in der Bewegung Syriza nicht mitmachen wollten, dann müssten im Parlament eben zusätzliche Stimmen aus der neuen Zentrumspartei „To Potami“ oder von den Sozialdemokraten und gar den Konservativen gesucht werden - für eine Regierung der nationalen Rettung.

          Die Stimmung ist aggressiver, die Frustration wächst

          Einer der wenigen griechischen Erfolgsunternehmer prophezeit, dass sich am Ende niemand diesem Szenario verschließen werde. „Keine Regierung wird so dumm sein, den Grexit zu riskieren. Deshalb ist jetzt die Zeit zum Investieren“, sagt er. Gerade habe er ein Unternehmen aus einem Konkurs erworben. „Bald werden wir sehen, ob ich mutig oder dumm war“, lautet seine Schlussfolgerung. Aber auch Deutschland gebe doch Anlass zu Hoffnungen, weil im Fernsehen, „in den nachdenklicheren Sendungen nach 22 Uhr“, nun etwas weniger von Schwarz-Weiß-Schablonen und dafür mehr von pragmatischen Kompromissen mit Griechenland gesprochen werde.

          Die Fahrt zum nächsten Termin bringt in Erinnerung, was von den Gesprächspartnern auch immer wiederholt wird: Die Griechen sind mürbe geworden von sechs Jahren Krise. Es herrscht ein anderer Geist auf den Athener Straßen: Vor drei Jahren schienen alle noch so übervorsichtig, um in den schlechten Zeiten nur ja keine Beule am Auto zu riskieren. Nun ist die Frustration gewachsen, die Stimmung aggressiver: „Es ist doch sowieso egal“, heißt das neue Motto.

          Für eine Wende hat Tsipras derzeit keinen Grund

          Den vielen Deutschen im Land ist es wiederum alles andere als egal, was aus Griechenland wird. Doch selbst bei denen, die dort eine zweite Heimat gefunden haben, die wenig Verständnis für antigriechische Pauschalurteile in Deutschland aufbringen, wachsen seit dem Regierungswechsel die Zweifel. Nach der Misswirtschaft der Vergangenheit, der Reformunlust der letzten Regierungen, dem Verlust von einem Viertel des Volkseinkommens, drastischen Steuern auf Immobilien und schließlich dem Ärger über eine scheinbar unantastbare Kaste von Wohlhabenden sei das Experiment mit dem Wahlsieg von Syriza unvermeidlich geworden.

          Doch viele der neuen Regierungsmitglieder zeigten nicht das Verhalten von verantwortungsbewussten Mitgliedern einer Volkspartei. Sie blieben lieber in der Nische mit ihren Ideologien. Als müsste noch Revanche genommen werden für die Niederlage der Kommunisten im Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 oder als gelte es, nach der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 noch einmal den moralischen Sieg der Linken zu feiern. Ministerpräsident Tsipras ist zwar mit 40 Jahren jung und machtorientiert, doch bleibt er in seinen Äußerungen bisher verwurzelt in einem radikal linken Regierungskurs. Dafür hat er nach der Wahl in den Umfragen sogar noch seine Zustimmungsquoten verbessern können.

          Grexit? „Das wären Jahre des Chaos“

          Für eine Wende, für grundsätzliche Konflikte mit den kommunistischen Weggenossen hat Tsipras bisher keinen Grund. Noch immer stellen sich Tsipras und seine Partei nicht einfach als Krisenbewältiger für ihr Heimatland dar, sondern als Speerspitze für die Veränderung von Wirtschaftspolitik und Finanzwelt in ganz Europa. „Solange der Regierung nicht das Geld ausgeht und die Regierung ein oder zwei Renten- und Gehaltszahlungen ausfallen lassen muss, wird Tsipras weitermachen und auf die Unterstützung der Griechen zählen können“, sagen zwei liberale Athener Ökonomen unabhängig voneinander.

          Ein Bankenchef fügt hinzu, er hüte sich, negative Szenarien auszumalen. „Doch die Leute auf der Straße haben nicht verstanden, dass Griechenland keine Währungsreserven hat und nach einem Grexit für alles im Voraus bezahlen muss. Wir würden wohl wieder Bezugsmarken für Benzin einführen müssen“, ist die düstere Vorahnung. „Das Szenario eines Grexit ist es gar nicht wert, weiter ausgemalt zu werden“, sagt einer der führenden Ökonomen. „Das wären Jahre des Chaos. Für die Griechen wäre es so etwas wie eine besonders teure Psychotherapie.“

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