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Alltag in Athen : Es ist doch sowieso egal

Die Stimmung ist aggressiver, die Frustration wächst

Einer der wenigen griechischen Erfolgsunternehmer prophezeit, dass sich am Ende niemand diesem Szenario verschließen werde. „Keine Regierung wird so dumm sein, den Grexit zu riskieren. Deshalb ist jetzt die Zeit zum Investieren“, sagt er. Gerade habe er ein Unternehmen aus einem Konkurs erworben. „Bald werden wir sehen, ob ich mutig oder dumm war“, lautet seine Schlussfolgerung. Aber auch Deutschland gebe doch Anlass zu Hoffnungen, weil im Fernsehen, „in den nachdenklicheren Sendungen nach 22 Uhr“, nun etwas weniger von Schwarz-Weiß-Schablonen und dafür mehr von pragmatischen Kompromissen mit Griechenland gesprochen werde.

Die Fahrt zum nächsten Termin bringt in Erinnerung, was von den Gesprächspartnern auch immer wiederholt wird: Die Griechen sind mürbe geworden von sechs Jahren Krise. Es herrscht ein anderer Geist auf den Athener Straßen: Vor drei Jahren schienen alle noch so übervorsichtig, um in den schlechten Zeiten nur ja keine Beule am Auto zu riskieren. Nun ist die Frustration gewachsen, die Stimmung aggressiver: „Es ist doch sowieso egal“, heißt das neue Motto.

Für eine Wende hat Tsipras derzeit keinen Grund

Den vielen Deutschen im Land ist es wiederum alles andere als egal, was aus Griechenland wird. Doch selbst bei denen, die dort eine zweite Heimat gefunden haben, die wenig Verständnis für antigriechische Pauschalurteile in Deutschland aufbringen, wachsen seit dem Regierungswechsel die Zweifel. Nach der Misswirtschaft der Vergangenheit, der Reformunlust der letzten Regierungen, dem Verlust von einem Viertel des Volkseinkommens, drastischen Steuern auf Immobilien und schließlich dem Ärger über eine scheinbar unantastbare Kaste von Wohlhabenden sei das Experiment mit dem Wahlsieg von Syriza unvermeidlich geworden.

Doch viele der neuen Regierungsmitglieder zeigten nicht das Verhalten von verantwortungsbewussten Mitgliedern einer Volkspartei. Sie blieben lieber in der Nische mit ihren Ideologien. Als müsste noch Revanche genommen werden für die Niederlage der Kommunisten im Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 oder als gelte es, nach der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 noch einmal den moralischen Sieg der Linken zu feiern. Ministerpräsident Tsipras ist zwar mit 40 Jahren jung und machtorientiert, doch bleibt er in seinen Äußerungen bisher verwurzelt in einem radikal linken Regierungskurs. Dafür hat er nach der Wahl in den Umfragen sogar noch seine Zustimmungsquoten verbessern können.

Grexit? „Das wären Jahre des Chaos“

Für eine Wende, für grundsätzliche Konflikte mit den kommunistischen Weggenossen hat Tsipras bisher keinen Grund. Noch immer stellen sich Tsipras und seine Partei nicht einfach als Krisenbewältiger für ihr Heimatland dar, sondern als Speerspitze für die Veränderung von Wirtschaftspolitik und Finanzwelt in ganz Europa. „Solange der Regierung nicht das Geld ausgeht und die Regierung ein oder zwei Renten- und Gehaltszahlungen ausfallen lassen muss, wird Tsipras weitermachen und auf die Unterstützung der Griechen zählen können“, sagen zwei liberale Athener Ökonomen unabhängig voneinander.

Ein Bankenchef fügt hinzu, er hüte sich, negative Szenarien auszumalen. „Doch die Leute auf der Straße haben nicht verstanden, dass Griechenland keine Währungsreserven hat und nach einem Grexit für alles im Voraus bezahlen muss. Wir würden wohl wieder Bezugsmarken für Benzin einführen müssen“, ist die düstere Vorahnung. „Das Szenario eines Grexit ist es gar nicht wert, weiter ausgemalt zu werden“, sagt einer der führenden Ökonomen. „Das wären Jahre des Chaos. Für die Griechen wäre es so etwas wie eine besonders teure Psychotherapie.“

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