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Alltag in Athen : Es ist doch sowieso egal

Wer Euroscheine hat, muss nicht fürchten, später einmal die Ersparnisse in wertlosen neuen Drachmen zurückzubekommen. Ebenso groß wie die Angst vor der Rückkehr zur Drachme ist die Angst vor stillgelegten Geldautomaten: „Wenn die Geldautomaten leer bleiben“ - so umschreiben die griechischen Medien den Anfang vom Zusammenbruch der Wirtschaft mit einer simplen und dennoch klaren Metapher. „Irgendwie muss man doch Vorsorge treffen für den täglichen Bedarf der Familie“, sagt ein Ökonom und deutet so an, dass die letzten Ersparnisse der Krisenzeiten nicht mehr auf dem Bankkonto gehortet sind.

Keine Regierung habe Misere anerkannt

Umgekehrt setzen die Geschäftsbanken alles daran, auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen: „Früher kam es öfter vor, dass ein Geldautomat leer geblieben ist“, sagt der führende Kopf einer großen griechischen Bank. Doch nun seien alle Warn- und Alarmsysteme so ausgeklügelt, dass ja kein Automat auch nur für einen Augenblick ohne Geld bleibe, denn man wolle unter keinen Umständen auch nur einen Hauch von Unsicherheit aufkommen lassen.

Dass diese Vorkehrungen helfen, bezweifelt der Banker allerdings selbst sehr heftig. Er war zu Beginn der Krise besonders optimistisch aufgetreten. Doch nun wirkt er niedergeschlagen wie nie zuvor. „Eine Bank kann nicht besser sein als die Volkswirtschaft, in der sie arbeitet“, lautet sein Fazit. Der Mann hat böse Vorahnungen: „Die Regierung von Syriza könnte irgendwann entscheiden, dass sie nicht mehr in der Währungsunion bleiben will.“ Dies sei dann nur die Schlussfolgerung von Jahren verpasster Reformchancen. Denn keine Regierung habe sich bisher mit der Idee identifiziert, dass Griechenland umgekrempelt werden müsse.

Viele Chancen seien vertan: Von Juni 2012 bis Juni 2014 seien 50 Milliarden Euro ins Land geflossen - und nun wieder abgezogen worden. Den Geldabfluss sieht er als Gradmesser für die schwankende Stimmung zwischen der Furcht vor dem „Grexit“ und der Hoffnung auf eine Rückkehr zu einer Normalität. Bis zu 3 Milliarden Euro in der Woche werden weiterhin von den griechischen Bankkonten geholt.

Alltag trotz Krise: Eine Frau kauft Früchte auf dem Markt in Athen.

In dieser schwankenden Stimmung wollen die führenden Ökonomen und Banker in Athen lieber nicht mit Namen zitiert werden. Einer der Prominenten spricht dafür Klartext - und sagt, was in den Köpfen mancher Griechen vorgeht: „Es gibt eine Reihe von Unternehmern, die sich über einen Grexit durchaus freuen würden.“ Das seien diejenigen, die ihre Anlagen und flüssigen Mittel ins Ausland gebracht, in Griechenland dagegen nur noch große Schuldenberge zurückbehalten haben. Würden diese auf Drachmen umgestellt und abgewertet, wäre das für manche Unternehmer nicht nur eine lange erträumte Verbesserung der Finanzlage, sondern auch noch die Chance, manchen Konkurrenten billig zu kaufen.

Ein Athener Chefökonom will dagegen ganz und gar nichts wissen von der Perspektive des „Grexit“: Mehr als zwei Drittel der Griechen wollten nach wie vor keinen Euro-Austritt. Die neue Regierung werde an einigen ihrer Wahlversprechen festhalten, Rentenkürzungen oder Eingriffe in den Arbeitsmarkt für weitere Lohnsenkungen auf jeden Fall ausschließen. Doch irgendwie sei ein Kompromiss mit den Geldgebern erreichbar. Dann habe die neue Regierung auf jeden Fall mehr erreicht als die Vorgänger.

Immer wieder sagen die Optimisten, Ministerpräsident Alexis Tsipras werde noch für eine Klärung der Situation sorgen. Erreiche er eine Wende seiner Regierungspartei zu einem gemäßigteren Mitte-Links-Kurs, könne er für viele Jahre regieren. Wenn die orthodoxen Kommunisten in der Bewegung Syriza nicht mitmachen wollten, dann müssten im Parlament eben zusätzliche Stimmen aus der neuen Zentrumspartei „To Potami“ oder von den Sozialdemokraten und gar den Konservativen gesucht werden - für eine Regierung der nationalen Rettung.

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