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Reich, schön, links : Klassengesellschaft auf griechisch

Traumpaar der griechischen High Society: Giannis Varoufakis und seine Frau Danae Stratou Bild: action press

Die griechische Regierung ist voll von weltgewandten Professoren, die Europa den Neoliberalismus austreiben wollen. Ein Blick auf die Oberschicht des Landes.

          5 Min.

          Reich, gebildet, polyglott, noch dazu ein international anerkannter Wirtschaftsprofessor - so liest sich der Steckbrief des früheren griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis. Reich, gebildet, polyglott, noch dazu ein international anerkannter Wirtschaftsprofessor - so liest sich auch der des neuen. Dazu noch ein Name, der über die Grenzen Griechenlands hinaus einen guten Klang hat: Euklid Tsakalotos. Vom griechischen Mathematiker Euklid sollten zumindest all jene gehört haben, die sich in ihrer schulischen Laufbahn jemals mit Geometrie beschäftigt haben. Kurz nach seiner Ernennung vergangene Woche hieß es auf Twitter deshalb hoffnungsfroh, damit sei nun sichergestellt, dass die Vorschläge künftig wenigstens rechnerisch Hand und Fuß hätten. Einen Aspekt gibt es allerdings, der den europäischen Verhandlungspartnern Sorge bereitet: Tsakalotos steht in seiner ökonomischen Überzeugung ebenso weit links wie sein Vorgänger Varoufakis. Mindestens.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Es dürfte genau diese ungewöhnliche Mischung sein, die das Verhältnis zu den europäischen Verhandlungspartnern so explosiv macht. Auch sechs Monate nach dem Regierungswechsel in Griechenland haben sich die Europäer noch nicht an diesen skurrilen Syriza-Politikertyp gewöhnt, der so anders ist als sonst in Europa. Besonders in Deutschland. Das hat sich auch mit Tsakalotos nicht geändert, der schon in seiner ersten Woche als Finanzminister die dramatische Wende seiner Regierung in Brüssel präsentieren musste. Sicherlich, das liegt auch an der linken Ausrichtung und dem durchgängig unorthodoxen Auftreten, das Varoufakis und sein Ministerpräsident Alexis Tsipras häufig an den Tag legen.

          Folgen der Krise : Griechen in Deutschland

          Doch die Unterschiede insbesondere zur deutschen Politikergarde lassen sich nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren, Turnschuhe hat man hier schließlich auch schon im Landtag gesehen. Sie sind fundamentaler. Es ist nicht einmal übertrieben zu behaupten, sie reichten bis in die Antike. Aber auch die jüngere Vergangenheit offenbart viele Diskrepanzen. Der griechische Bürgerkrieg, die Militärdiktatur zwischen 1967 und 1974 und das Chaos danach liefern eine ganze Reihe von Erklärungsansätzen. Sie haben die Bevölkerung politisiert, polarisiert und linke Strömungen in breite Bevölkerungsschichten getragen, die hier allenfalls Splittergruppenstatus erreichen.

          Tiefe Abneigung gegen alles „Neoliberale“

          Einen Unterschied zum deutschen Politikertyp macht zweifelsohne das Geld: Davon hat Varoufakis viel, aber das hindert ihn nicht daran, linke Standpunkte, inspiriert von John Maynard Keynes und Karl Marx, zu predigen, gerne in Sitzungen mit der Eurogruppe, vielleicht aber noch lieber auf der Dachterrasse seines Athener Penthouses, das Varoufakis mit seiner Angetrauten bewohnt. In Griechenland entdecken viele darin gar keinen Gegensatz. Dabei mag helfen, dass seine Frau Danae Stratou, Künstlerin und Tochter eines griechischen Industriellen, so ungewöhnlich ist, dass sie sogar in dem legendären Popsong „Common People“ der Band Pulp besungen worden sein soll - mit ihrem heimlichen Wunsch, einmal gewöhnlich sein zu dürfen.

          Auch die Familie von Tsakalotos gilt als wohlhabend, so wohlhabend, dass es sich die Familie leisten konnte, ihren Spross, in Rotterdam geboren, erst in London an eine Privatschule und dann an die englische Eliteuniversität Oxford zu schicken. Das hat gefruchtet: Er parliert wie ein britischer Aristokrat.

          Im deutschen politischen Establishment sind dagegen bisher nur wenige mit einem ausgefeilten Oxford-Englisch aufgefallen, auch nicht in der jüngeren Generation. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es im Seefahrervolk der Hellenen zum guten Ton gehörte, dem vielversprechenden Nachwuchs eine internationale Ausbildung angedeihen zu lassen - und das schon zu Zeiten, in denen die Deutschen selbst Urlaub noch lieber im Heimatland machten. Geradezu legendär sind die mitreißenden Ausflüge in die englische Sprache, die Günther Oettinger und selbst der rhetorisch versierte Guido Westerwelle absolvierten, ganz zu schweigen vom Kult-Status, den schon jetzt der Ausspruch von Finanzminister Wolfgang Schäuble genießt: „Am 28., 24.00 Uhr, isch over“, drohte er im Februar ziemlich erfolglos.

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