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Stimmung in der Krise : Die Griechen wollen den Euro behalten

Ein Graffiti zeigt die Zahl „Null“ auf einer Euro-Münze: Wie werden sich die Griechen entscheiden? Bild: AFP

Nun hängt es an den Griechen: Werden sie für oder gegen eine Einigung mit den Gläubigern stimmen? Umfragen zeigen eine klare Tendenz.

          3 Min.

          Ein großes „Nein“ prangt an diesem Sonntag auf der Titelseite der griechischen Tageszeitung „Avgi“, die als Sprachrohr der linken Regierungspartei Syriza gilt. Es ist ein „Nein zu Erpressungen und Ultimaten“, ein „Nein zu Rettungspaketen und Sparplänen“. Und die Empfehlung an das Volk, wie es bei dem geplanten Referendum am 5. Juli entscheiden soll.

          Schuldenkrise : Tausende Griechen demonstrieren gegen Sparkurs

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.
          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat die Zukunft des Landes in die Hände seines Volkes gelegt. Die Griechen sollen entscheiden, ob sie die Vorschläge der Gläubiger zu Reform- und Sparmaßnahmen annehmen (also mit „Ja“ stimmen) oder ablehnen - Vorschläge, die nach Aussagen von IWF-Chefin Christine Lagarde wohlgemerkt gar nicht mehr existieren.

          Wie werden sich die Griechen entscheiden? Auf das angekündigte Referendum reagierten sie mit „Panik vor Geldautomaten, in Supermärkten, an der Tankstelle“, wie der griechische Schriftsteller Nikos Dimou, Autor des Buches „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“, FAZ.NET sagte. „Das übliche griechische Unsicherheitssyndrom.“ Schon am Samstag bildeten sich lange Schlangen an den Geldautomaten, Insidern zufolge hoben Kunden ungewöhnlich viel Geld ab.

          Die Griechen wollen eine Einigung

          Die Frage ist nun: Grollen die Griechen mehr gegen die Konditionen der Gläubigerinstitutionen - oder gegen die Verhandlungsführung der eigenen Regierung? Und: Selbst wenn sie mit den Bedingungen nicht einverstanden sind, stimmen sie dennoch für eine Einigung mit den Gläubigern, weil sie diese für das geringere Übel halten?

          Auf die erste Frage sagt der Schriftsteller Dimou: Die Griechen grollen gegen beide - gegen die Gläubiger aber auch gegen den Verhandlungsstil der Regierung Tsipras. „Am Anfang hatte die Regierung Recht. Der Groll gegenüber den Gläubigerinstitutionen wurde dann vom Propagandaapparat der Regierung geschaffen, um damit im Schwarzer-Peter-Spiel die Schuld weiterzureichen.“

          Dennoch zeichnet sich nach derzeitigem Stand der Dinge ab, dass die Griechen sich für eine Übereinkunft mit den Gläubigern aussprechen werden - und sich damit gegen ihren Regierungschef Alexis Tsipras stellen, der die Abstimmung zum Ärger der Finanzminister nicht nur sehr kurzfristig angesetzt hatte, sondern nach ihrer Interpretation auch mit der Empfehlung, mit „Nein“ zu stimmen. Einer am Samstag veröffentlichten Umfrage des Kapa Research Institutes für die Wochenzeitung „To Vima“ zufolge sprachen sich zwei Drittel dafür aus, dass Griechenland in der Euro-Zone bleiben soll (worüber allerdings nicht direkt abgestimmt wird) und 57,5 Prozent waren der Meinung, die Regierung solle nachgeben, um eine Einigung mit den Gläubigern zu erreichen.

          „Wir bekamen Geschwafel“

          Und das ist keineswegs ein neues Meinungsbild: Schon länger zeigen Umfragen, dass eine Mehrheit der Griechen für einen Kompromiss mit den Gläubigern ist. In einer Umfrage für die Zeitung „Protothema“ sprachen sich 29 Prozent für einen Bruch mit den Kreditgebern aus und 57 Prozent für eine Einigung. In einer weiteren Umfrage für „To Vima“ waren ein Drittel gegen eine Übereinkunft und 47 Prozent für eine Einigung, auch wenn sie schmerzhaft ausfiele. Beide Umfragen wurden allerdings vor dem angekündigten Referendum abgehalten und bevor die Finanzminister sich gegen eine Verlängerung des Hilfsprogramms um wenige Tagen oder Wochen aussprachen.

          Bild: F.A.Z.

          Doch auch jetzt sind manche Griechen sauer. Die konservative griechische Zeitung Kathimerini kommentiert: "Die Entscheidung riskiert ernsthaft, dass das Land gegen die Felsen geschleudert wird.“ Sie hätte gehofft, dass so eine Entscheidung ausreichend begründet sei – „dass die Ansprache künftigen Generationen etwas hinterlässt, an das sie sich erinnern können – selbst wenn es sich als Torheit herausstellt." Aber, so schäumt Kathimerini: "Wir bekamen Geschwafel, abgerundet mit nationalistischem Populismus."

          Die Stimmung bleibt ruhig

          Griechenland droht noch vor dem Referendum am kommenden Sonntag die Staatspleite. Denn das aktuelle Hilfsprogramm läuft nun am Dienstag (30. Juni) aus. Entscheidend wird sein, wie die EZB reagiert. Sie stützt griechische Banken schon länger mit Ela-Notkrediten, um einen Zusammenbruch des Bankensektors zu verhindern, weil die Griechen Milliarden von den Konten räumen. Sie hat dafür aber strenge Vorgaben. Noch an diesem Sonntag berät sie, ob sie die Hilfen weiterhin gewährt.

          Trotz allem war die Stimmung in Griechenland am Wochenende ruhig. Kleinere Gruppen demonstrierten für oder gegen eine Annahme der Reformbedingungen. Vor den Geldautomaten bildeten sich lange Schlangen, die weitgehend friedlich blieben. Journalisten berichteten nur von einzelnen hitzigen Wortwechseln.

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