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Reparationen für Griechenland : Die Rede des Alexis Tsipras

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Ich sprach über rechtliche Tricks, und weil es um sehr wichtige Themen geht, möchte ich deutlich machen, was ich damit meine. Wenn Deutschland überhaupt Stellung zu den Reparationen nimmt, bezieht man sich auf unser bilaterales Abkommen aus dem Jahr 1960. Damals zahlte die Bundesrepublik Deutschland aus eigener Initiative 115 Millionen D-Mark, und das damalige Königreich Griechenland bestätigte, keine weiteren Ansprüche zu haben.

Das Abkommen betraf jedoch nicht die Reparationen für den Schaden, den das Land erlitten hatte, sondern die Reparationen für die griechischen Opfer des Nationalsozialismus’. Und natürlich umfasste es in keiner Weise den Zwangskredit der Besatzer, die Entschädigung für die Kriegsverbrechen, die fast vollständige Zerstörung der Infrastruktur des Landes und die Zerstörung der Wirtschaft während des Krieges und der Besatzung.

Mir ist klar, dass all diese Punkte äußerst technisch und sensibel sind, und es ist vermutlich nicht Zeit und Stunde, sie zu vertiefen. Die notwendige Klärung dieser Punkte und die faktische Ausarbeitung wird nicht durch mich, sondern durch Fachleute erfolgen – durch Rechtswissenschaftler und Historiker.

„Wir möchten keinen Unterricht in Moral“

Ich möchte persönlich beiden Völkern, sowohl den Griechen als auch den Deutschen, versichern, dass wir uns dem Thema mit der gebotenen Sensibilität, Verantwortung und Ehrlichkeit nähern werden, mit Kommunikation und Dialog.

Dasselbe erwarten wir jedoch auch von der deutschen Regierung – aus politischen, historischen und auch moralischen Gründen.

Sehr geehrte Damen und Herren, gegenüber dem moralisierenden Tonfall, der in den vergangenen Jahren die öffentliche Debatte in Europa bestimmt, wählen wir weder die Position des Studenten, der angesichts der moralischen Lehrstunde den Kopf senkt und die Augen niederschlägt – noch nehmen wir die Stellung des moralisierenden Lehrers ein, der seinen Schüler mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, seine Sünden zu büßen.

Im Gegenteil. Wir wählen den Weg der Verhandlung und des Dialogs, des Verstehens und der Fairness. Wir wollen keine „Gerechtigkeit Gottes“, aber gleichzeitig verzichten wir auch nicht auf unsere unabdingbaren Rechte. Wir geben keinen Unterricht in Moral, aber wir möchten auch keinen Unterricht in Moral erhalten. Denn, wissen Sie, oft, wenn ich mir in letzter Zeit die vielen provokativen Aussagen aus dem Ausland anhöre, dann erinnern sie mich an die berühmte Passage aus der Bergpredigt von Jesus, in der es heißt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in in deinem Auge bemerkst du nicht?“

„Moral kann nicht à la carte abgerufen werden“

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Präsidentin, abschließend zu meiner kurzen Einlassung möchte ich Ihnen versichern, dass die griechische Regierung unermüdlich, auf Augenhöhe und im engen, ehrlichen Dialog der Verhandlungen daran arbeiten wird, eine Lösung für diese komplexen Probleme zu finden, denen Europa gegenüber steht. Dass sie daran arbeiten wird, ihren Verindlichkeiten vollumfänglich nachzukommen. Aber dass sie gleichzeitig nicht ruhen wird, bis den offenen Verbindlichkeiten gegenüber Griechenland und dem griechischen Volk entsprochen wird.

Und genau wie wir uns daran binden, unsere Verpflichtungen zu erfüllen, müssen auch die anderen Seiten ihre Verpflichtungen erfüllen. Weil Moral nicht à la carte abgerufen werden kann oder hin und wieder zu haben ist. (...)

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