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Griechenland-Krise : Deutsche Ökonomen schlagen gegen Krugman zurück

Paläo-keynesianische Positionen? Paul Krugmann wird angegriffen. Bild: dpa

Trotz der Einigung zwischen Griechenland und seinen Gläubigern halten einige Ökonomen Jubel für verfrüht. Der deutsche Wirtschaftsweise Feld greift Nobelpreisträger Krugman an.

          Führende deutsche Wirtschaftsforscher haben den Kompromiss mit der griechischen Regierung inhaltlich gelobt. Sie zweifeln jedoch daran, dass der Durchbruch tatsächlich geschafft ist. „Ich bin noch zurückhaltend, was die Beurteilung angeht. Der Vertrauensverlust war so groß, dass wir jetzt abwarten müssen, was in Griechenland bis Mittwoch im Parlament beschlossen wird“, sagte der Freiburger Finanzwissenschaftler Lars Feld der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sprach von einem „guten Resultat für Europa und für Deutschland“. Es sei jedoch verfrüht, die Einigung als einen Erfolg anzusehen. „Es ist lediglich ein erster Schritt, die wirtschaftliche Abwärtsspirale Griechenlands aufzuhalten“, sagte Fratzscher.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Vorsitzende des Sachverständigenrates der Bundesregierung, Christoph Schmidt, stufte die Annäherung grundsätzlich als „gut“ ein, schränkte aber ein: „Die Wahrheit liegt aber auf dem Platz: Es muss sich erst erweisen, dass all die Sicherungsmechanismen auch funktionieren, die auf dem Papier stehen“, sagte Schmidt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Man darf durchaus skeptisch sein, ob die Regierung in Athen nun tatsächlich die Chance, das Land fit für die Zukunft zu machen, zu nutzen bereit ist“, sagte Schmidt. Ablehnung kam dagegen von Ifo-Präsident und Grexit-Befürworter Hans-Werner Sinn, der schon jetzt davon ausgeht, dass die geplanten Hilfen nicht ausreichen werden. „Während der Beschluss den Rest Europas viel Geld kosten wird, wird all dieses Geld nicht genügen, um die griechischen Bürger zufriedenzustellen“, sagte Sinn. Griechenland werde vermutlich um die Möglichkeit bitten, „die Mittel vorzeitig zu verausgaben“.

          Amerikanische Nobelpreisträger unterstützen Putsch-These

          Sachverständigenratsmitglied Feld betonte, wie wichtig es sei, dass „die Märkte jetzt tatsächlich geöffnet werden“. Die hohen Preise für Autos, Lebensmittel und viele andere Importwaren in Griechenland ließen sich nur durch Importkartelle erklären. „Es besteht die Hoffnung, dass auf die Beseitigung dieser Missstände jetzt mehr Gewicht gelegt wird“, sagte Feld. Dass der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras „ein bisschen weniger in den Sumpf des politischen Systems verstrickt“ sei als die altbekannten griechischen Parteien, stärke diese Hoffnung. Der Essener Ökonom Schmidt sagte, ein Grexit wäre kurzfristig wohl ähnlich teuer gewesen wie die jetzt in Aussicht gestellten Summen. „Es gibt keine andere Möglichkeit als Einnahmen und Ausgaben auf eine Höhe zu bringen und die Strukturen auf den Märkten flexibler zu gestalten“, sagte er.

          In den Vereinigten Staaten wird das Sparprogramm, das die europäischen Kreditgeber Griechenland als Voraussetzung für neue Kredite abverlangen, von Ökonomen und Teilen der Öffentlichkeit dagegen heftig kritisiert – was nun zu einem handfesten Streit mit den deutschen Forschern führt. Am Wochenende hatte der Twitter-Hashtag #ThisIsACoup (Das ist ein Putsch) eine Rekordbeteiligung von Twitter-Nutzern. Die große Mehrheit dieser Nutzer hängt der Meinung an, die Sparauflagen verletzten die Souveränität Griechenlands, das in der Volksabstimmung ein Sparprogramm abgelehnt hatte.

          Der Wirtschaftsnobelpreisträger und einflussreiche Zeitungskolumnist Paul Krugman unterstützte in einem Text für die „New York Times“ die Putsch-These. Der Hashtag sei komplett richtig. Die Forderungen der Eurogruppe seien ein Ergebnis purer Rachsucht, sie zerstörten die nationale Souveränität des Landes und brächten keine Hoffnung auf Entlastung. Es sei ein Angebot, das Griechenland nicht annehmen könne. Überdies sei es ein grotesker Betrug an allem, wofür Europa stehe. „Wer glaubt jetzt noch an Deutschlands gute Absichten“, fragt Krugman. Der Ökonom verdächtigt in der Kolumne Deutschland, eine Erholung Griechenlands zu blockieren. Europa erlebe gerade eine schweren, womöglich tödlichen Rückschlag. Daran seien aber nicht die Griechen Schuld, schließt der Nobelpreisträger. Das Putschargument hatte auch schon der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz in einem Aufsatz bemüht: Es gehe im Übrigen nicht um Geld, sondern um die Macht, den Griechen das Unakzeptierbare aufzuzwingen: Das beschränkt sich nicht auf Austeritätsprogramme, sondern meint eine Politik, die schon in so vielen Ländern Ungleichheit fördert und die Arbeitnehmer schwächt, schreibt der 72 Jahre alte Ökonom.

          Am Montag holten die deutschen Ökonomen zum Gegenschlag aus. „Für Krugman ist das ein Geschäftsmodell. Er erhöht mit solchen Aussagen die Aufmerksamkeit für seine Kolumne und seine Person“, sagte Finanzwissenschaftler Feld, und legte nach: „Dabei vertritt er krude paläo-keynesianische Positionen. Neo-Keynesianer wie Volker Wieland argumentieren da ganz anders.“ Christoph Schmidt kritisierte die amerikanischen Fachkollegen ebenfalls. „Man muss sich schon fragen, ob Krugman und Stiglitz verstanden haben, wie Europa konstruiert ist“, sagte der Forscher. „Wir sind nicht wie die Vereinigten Staaten. Wir sind eigenständige Staaten, die sich im Rahmen der Gemeinschaft verbindliche Regeln auferlegt haben. Das zu negieren und nicht an die lange Frist zu denken, ist engstirnig und intolerant“, sagte Schmidt. Auch Hans-Werner Sinn griff Krugman an: „Seine keynesianischen Ausführungen sind deplaziert, und im Ton vergreift er sich.“ Griechenlands Wirtschaft könne man nicht mit Schulden auf Vordermann bringen, sondern nur durch eine Abwertung.

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