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Neue Umfrage : Griechen haben den Konfrontationskurs langsam satt

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„Frau Merkel, wie lieben Sie immer noch“, steht auf einer Schutzwand in Athen. Bild: AFP

Die Mehrheit der Griechen ist mittlerweile mit der Verhandlungsführung ihrer Regierung im Schuldenstreit unzufrieden, zeigt eine neue Umfrage. Sie würde sogar den Gläubiger-Vorschlag akzeptieren, der weitere Sparmaßnahmen zur Folge hätte. Auch die Deutschen haben eine klare Meinung.

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          Alexis Tsipras ist weiter beliebt in Griechenland. Auch nach monatelangen und bislang ergebnislosen Verhandlungen mit den Gläubigern und einer wieder eingetrübten Wirtschaftsentwicklung in dem klammen Land würde die Partei des Ministerpräsidenten eine Wahl haushoch gewinnen. Nach einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marc käme Syriza auf 34 Prozent der Stimmen und gelangte damit deutlich vor die größte Oppositionspartei Nea Dimokratia, für die knapp 20 Prozent der Wähler entscheiden würden.

          Allerdings bestätigt die Befragung, die unter 1000 Griechen in der Zeit zwischen dem 7. und 10. Juni durchgeführt worden ist, auch einen für den Schuldenstreit womöglich wichtigen anderen Trend: Die Zustimmung zum harten Konfrontationskurs gegenüber den Geldgebern bröckelt. Mittlerweile sind demnach nur noch 45 Prozent, also weniger als die Hälfte der Befragten, zufrieden mit der Art und Weise, wie ihre Regierung in Brüssel auftritt. Noch im Februar, kurz nachdem die Linksregierung die Macht übernommen hatte, lagen die Zustimmungsraten in dieser Sache nahezu doppelt so hoch.

          Die Deutschen wollen keine Zugeständnisse mehr

          Und schließlich ist dieser Erhebung zufolge mittlerweile die Hälfe der Griechen dafür, das von den internationalen Geldgebern unterbreite Angebot anzunehmen, berichtet der Finanzdienst Bloomberg. Die Frage lautete exakt: „Wenn die europäischen Partner auf dem Plan bestehen würden, den sie vorgelegt haben, was sollte dann die (griechische) Regierung letztendlich tun?“ Deutlich geringer ist der Anteil (37,4 Prozent) derjenigen, die dafür sind, dass sich Griechenland mit den Partnerländern komplett überwirft und eine Staatspleite riskiert. Der Vorschlag der Gläubiger beinhaltet zwar geringere Sparziele als einmal mit der Vorgängerregierung vereinbart. Gleichwohl müsste der griechische Staat auch für die neuen Vorgaben zusätzliche Milliardeneinnahmen erzielen. Außerdem verlangen die Geldgeber zum Beispiel eine Reform des Rentensystems und der Mehrwertsteuer. Ungebrochen hoch (mehr als drei Viertel) bleibt der Wunsch der Griechen, unbedingt den Euro zu behalten.

          Dazu passt, dass nach Angaben griechischer Zeitungen führende Syriza-Politiker ihre Kollegen und die griechische Öffentlichkeit offenbar schrittweise darauf vorbereiten, einzulenken und letztendlich ein entsprechendes Spar-Programm zu unterschreiben. „Es ist ein Kompromiss, wir verleugnen das nicht“, gab demnach Syriza-Fraktionschef Nikos Filis zu und räumte verblüffend offen ein, die Verhandlungen mit den Geldgebern seien von griechischer Seite „nicht in der effektivsten Art und Weise geplant“ worden - mit dieser Einschätzung steht er vor allem in den übrigen Euroländern nicht alleine. Schon vor wenigen Tagen sagte der stellvertretende Parlamentssprecher Alexis Mitropoulus im griechischen Fernsehen, auch seine Regierung werde ein „Memorandum“ (also einen mit den Gläubigern vereinbarten Reformplan) implementieren. „Wir müssen das dem griechischen Volk sagen.“

          Der in der Partei einflussreiche Europaabgeordnete Dimitris Papadimoulis kritisierte diese Aussagen seines Parteikollegen zwar zunächst im Radio, deutete danach aber an, dass an Mitropoulus Aussagen etwas dran sein könnte: „Wir müssen ein Maximum an Selbstbeherrschung zeigen, denn während einer Verhandlung ist es wichtig, Geschlossenheit zu demonstrieren.“ Der griechische Regierungschef Tsipras selbst sagte nach einem Bericht von „Spiegel Online“ während der Wiedereröffnungsfeier des staatlichen Fernsehsenders ERT am Donnerstagabend: „So lange das Volk unsere Bemühungen unterstützt, werden wir auf unseren fairen Forderungen bestehen."

          Und noch einen öffentlichen Hinweis darauf, dass auch die Linksregierung den Sparkurs in irgendeiner Form fortsetzen könnte, gab es am Donnerstag: Rund 200 Mitglieder der kommunistischen Gewerkschaft PAME besetzten das Finanzministerium in Athen. Sie hängten ein Transparent an die Fassade des Gebäudes mit der Aufschrift „Wir haben genug geblutet! Wir haben genug gezahlt!“. Alexis Tsipras war darauf in einer Reihe abgebildet mit seinen Vorgängern Georgios Papandreou und dem infolge des Syriza-Wahlsieges ausgeschiedenen konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras.

          In Deutschland lehnt die Mehrheit weitere Zugeständnisse im Schuldenstreit klar ab: Im aktuellen ZDF-Politbarometer äußerten 70 Prozent der Befragten, dass die EU Griechenland gegenüber nicht weiter nachgeben sollte. Besonders unter den Anhängern der beiden Koalitionsparteien Union (21 Prozent) und SPD (23 Prozent) ist die Bereitschaft zu weiteren Zugeständnissen gering. Außerdem erwarten demnach mittlerweile nur 28 Prozent der Deutschen einen großen wirtschaftlichen Schaden für die Bundesrepublik in dem Fall, dass Griechenland pleitegeht. Und schließlich befürworten nur noch 41 Prozent der Befragten, dass Griechenland in der Währungsunion bleibt - zu Jahresbeginn waren es noch 55 Prozent gewesen.

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