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Medikamente : Griechen bekommen fast nur teurere Originalarzneien

  • -Aktualisiert am

Freiwillige in einer Athener Klinik Bild: dpa

In Deutschland verordnen Ärzte die billigeren Generika, im Krisenland Griechenland sind sie fast unbekannt. Was tun Regierung und Hersteller?

          Wenn deutsche Patienten in der Apotheke ein Rezept einlösen, bekommen sie in drei von vier Fällen ein preiswertes Generikum. Im krisengeschüttelten Griechenland ist es genau andersherum: Dort bekomme nur jeder Zwanzigste ein „Nachahmerpräparat“. Im Umkehrschluss heißt das: 95 Prozent der ausgereichten Medikamente sind vergleichsweise teure Originale. Diese Zahlen nannte am Freitag der Verband Pro Generika. „Führt man sich vor Augen, dass Generika in Deutschland ab Werk durchschnittlich zwei Drittel günstiger sind als patentfreie Erstanbieterpräparate, lässt sich ermessen, welchen finanziellen Nutzen Generika generell stiften könnten“, sagte Geschäftsführer Bork Bretthauer. Auf Griechenland bezogen mag der Vergleich ein wenig übertrieben sein, denn dort werden Originalpräparate zu deutlich niedrigeren Preisen als in Deutschland angeboten. Dennoch wären Einsparungen möglich, wenn solche Strukturdefizite behoben würden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          „Die Vorschläge liegen alle auf dem Tisch, sie müssen jetzt umgesetzt werden“, sagte Bretthauer der F.A.Z. Es gebe kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Er bekräftigt damit Berichte, nach denen die Gesundheits-Zusammenarbeit der EU mit Griechenland seit der Wahl und dem Regierungswechsel im Februar weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

          „Begleitung der Gesundheitsreformen in Griechenland“

          Die Bundesregierung hat Griechenland gleichwohl noch einmal ausdrücklich ihre Hilfe bei der Bewältigung der Krise des staatlich gelenkten Gesundheitswesens angeboten, das aus Beiträgen der Beschäftigen und Arbeitgeber finanziert wird. Das steht in einem Brief, den Wolfgang Zöller nach der jüngsten Einigung im Finanzstreit nach Athen geschickt hat. Der frühere CSU-Politiker war 2014 von der Bundesregierung eigens „zur Begleitung der Gesundheitsreformen in Griechenland“ eingesetzt worden.

          „Wir stehen weiterhin für eine Zusammenarbeit bereit und warten auf konkrete Zeichen, wie wir behilflich sein können“, sagte Zöller der F.A.Z. Die anstehenden Reformmaßnahmen in Griechenland seien ambitioniert. Man könne aber „an die gute bilaterale Zusammenarbeit der letzten Jahre anknüpfen“.

          Das griechische Gesundheitssystem leidet nach Berichten aus Athen schwer unter der Krise. Patienten könnten die Behandlung nicht mehr zahlen. Ärzte verlassen das Land. Laut Bundesärztekammer arbeiteten Ende vorigen Jahres 3011 griechische Ärzte in Deutschland, 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur aus Rumänien waren mehr EU-Ausländer als Mediziner registriert. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat darauf hingewiesen, dass bereits mehr als eine Million Menschen ihre Versicherungsbeiträge nicht bezahlt und damit den Anspruch auf Behandlung in Kliniken und Arztpraxen sowie auf Medikamente verloren hätten.

          Pharmakonzerne treibt ein anderes Problem um. Aus ethischen Gründen sind sie bereit, Präparate mit Preisabschlägen weiter nach Griechenland zu liefern. Sie stellen aber fest, dass diese oft nicht griechischen Patienten zugutekommen, sondern zu günstigen Preisen auf anderen Märkten wieder auftauchten. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller hat deshalb unlängst in Briefen an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Minister für Außenbeziehungen, Wirtschaft und Gesundheit weitere Lieferungen nach Griechenland zwar zugesagt. Allerdings verlangte Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer darin die Zusage, dass diese preisreduzierten Präparate nicht reexportiert würden.

          Griechenland aus dem Länderkorb?

          Trotz Krise lagen die Exporte deutscher Pharmahersteller nach Griechenland in den Jahren 2013 und 2014 vergleichsweise stabil bei knapp 750 Millionen Euro. Das waren etwa 3 Prozent der gesamten Ausfuhr der großen forschenden deutschen Pharmahersteller. Sie fürchten zudem Rückwirkungen der Griechenland-Krise auf die hiesigen Pharmapreise. Denn bei neuen Arzneien spielen in den Preisverhandlungen zwischen deutschen Kassen und Herstellern die Preise anderer europäischer Staaten eine wichtige Rolle. Griechenland gehört zu den Staaten, deren Arzneimittelpreise in den Vergleichskorb eingehen. Besonders niedrige Preise dort ziehen demnach den Wert des Korbes nach unten.

          Griechenland müsse „dringend aus dem Länderkorb der Preisreferenzierung“ gestrichen werden, wie er im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog) beschrieben ist, verlangt Fischer vom Pharmaverband VfA. Andernfalls drohe eine „Preisspirale nach unten, deren Ausmaß sich nicht abschätzten lässt“. Das klingt vielleicht gewaltiger, als es ist. Denn der Einfluss Griechenlands ist bei derzeit 15 Ländern im Korb eher gering, zudem kommt die Regel nur bei wenigen neuen Arzneimitteln zum Zug.

          Vielleicht haben die Kassen der Forderung auch deshalb jetzt zugestimmt, weil das wenig kostet, aber einen guten Eindruck hinterlässt. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise in Griechenland hält der GKV-Spitzenverband dies für sachgerecht und schlägt eine einvernehmliche zeitweise Aussetzung für ein Jahr vor“, heißt es in einem der F.A.Z. bekanntgewordenen Brief an Verbände der Pharmaindustrie. Die Kassen täten dies in dem Vertrauen, dass die Pharmaindustrie den griechischen Patienten auch tatsächlich Arzneimittel zu deutlich vergünstigten Konditionen abgebe. So ließe sich das griechische Gesundheits- und Sozialsystem „zumindest in Teilen stabilisieren“. Der GKV-Spitzenverband erwarte nun, dass die Industrie kurzfristig einlade, „um diese Änderung im Interesse seiner Mitgliedsunternehmen und Griechenlands möglichst schnell umzusetzen“. Ob es dazu kommt, ist offen.

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