https://www.faz.net/-gqu-857lv

Leben mit dem drohenden Grexit : Solidarität muss her

  • -Aktualisiert am

Totale Perspektivlosigkeit: ein Obdachloser in Athen Bild: AP

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Weil Europa versagt hat. Ein in Athen lebender Grieche, der in Deutschland studiert hat, erklärt für FAZ.NET warum.

          Heute ist, was das Wetter betrifft, ein schöner Tag in Athen. Die Sonne strahlt, die Temperatur ist sehr angenehm, der Stadtverkehr fließt locker. Es wäre ein schöner Tag, nur den kann ich nicht so empfinden. Ich sitze mitten im aktuellen Zentrum Europas oder besser gesagt im Zentrum der Welt, knapp 600 Meter vom Syntagma-Platz und Parlament.

          Ich sitze im Zentrum von Europa. Aber das was ich wahrnehme ist nicht das Europa, wie ich es erwartet habe. Ich habe in Deutschland studiert, in Portugal gearbeitet, in Amsterdam und Istanbul mal gewohnt. Nein, das was ich heute, am 1. Juli 2015 hier in Athen erlebe, ist nicht das Europa das ich kenne.

          Solidarität wäre nötig gewesen

          Minute für Minute verfolge ich die Live-Blogs, Radiosendungen und Berichte im Internet von griechischen, englischen, französischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Medien. Ich weiß schneller als das Kanzleramt was der Bundesfinanzminister oder sein Sprecher sagt, ich verfolge mit Spannung die Meldungen, ich weiß wie das Tagesprogramm von Dijsselbloem und der Bundeskanzlerin für die nächsten Stunden aussieht.

          Verdammt doch mal, ich frage meine Freunde, Kostas in Athen, Adrian in Berlin, Jose in Lissabon, Jairo in Madrid, Leonardo in Neapel, James in London und all die anderen: Wie ist es dazu gekommen?


          Leben mit dem drohenden Grexit

          © Florian Schuh

            Für Griechenland sind es schicksalhafte Tage: Die Hilfsprogramme sind ausgelaufen, an den Geldautomaten gibt es kaum noch Bares. Was bedeutet das für die Menschen vor Ort? Wie geht es ihnen? FAZ.NET berichtet in einer Serie.

            Günter Brand, Wahl-Grieche: Die Europaflaggen sind verschwunden

            Wie ist die Stimmung der Menschen in der griechischen Provinz? Im Schatten des drohenden „Grexit“ abseits der Hauptstadt Athen? Ein seit fast 30 Jahren auf einer griechischen Insel lebender Deutscher schildert für FAZ.NET seine Eindrücke.

            Zum Artikel

            Vassilis Sakas, Unternehmensberater: Solidarität muss her

            Wie konnte es so weit kommen? Weil Europa versagt hat. Das sagt ein in Athen lebender Grieche, der in Deutschland studiert hat.

            Zum Artikel

            Elina Makri, Unternehmerin: „Ich wünsche mir unsere Politiker im Gefängnis“

            Mit dem Referendum missbraucht die Regierung Tsipras Griechenland, sagt Elina Makri. Die 33 Jahre alte Griechin berichtet von der Schockstarre ihrer Generation und der Hoffnung auf eine ganz bestimmte Parallele zur antiken Tragödie.

            Zum Artikel

            Silvia Papadaki, Deutsche auf Kreta: „Ich mache mir Sorgen um Medikamente“

            Wie geht es den Menschen in der griechischen Provinz im Schatten des drohenden Grexit? Eine Deutsche, die seit 1976 auf Kreta lebt, erzählt, warum sie Angst hat, bald keine Medikamente mehr für ihren Mann kaufen zu können.

            Zum Artikel

            Pantelis Daveronas, selbständig: „Wir hoffen auf ein besseres Morgen“

            Wie gehen die Athener mit dem eingeschränkten Wirtschaftsleben und dem Referendum um? Ein 34 Jahre alter Grieche erklärt auf FAZ.NET, warum die Menschen trotz des Trubels ruhig bleiben.

            Zum Artikel


          Alle haben besorgt angerufen. Michael aus Hamburg sollte die nächstem Tage nach Athen kommen “Brauchst Du was bares? Bringe ich gerne mit. Und wenn du kannst, gibst du es mir zurück”. Nein danke Michael, ich bin noch versorgt. Ich kenne Michael seit 5 Jahren, sein Angebot überrascht mich positiv. Ich sage meiner Gefährtin, das ist die Definition von Solidarität.

          Ehrlich gesagt hätte ich diese Art von Solidarität auch auf der hohen Ebene der Politik sehen wollen, seit mehr als 5 Jahren warte ich darauf. Stattdessen sehe ich wie unsere Regierenden streiten, nicht funktionierende Programme ausarbeiten, Banken retten, die Wirklichkeit verschönern oder eine rosige Zukunft versprechen. Ich meine nicht nur die lokalen Regierenden sondern alle, die im Europarat, in der Eurogruppe oder anderen EU-Gremien sitzen. Obwohl die Bundeskanzlerin von den deutschen Wählern gewählt wird, entscheidet sie gemeinsam mit Coelho, Tsipras, Hollande und all den anderen über unsere Zukunft. Jeder einzelne ist nicht nur Kanzler, Premierminister oder Präsident seines Landes, sondern auch gleichzeitig all der anderen Länder. Jeder Finanzminister in der Eurogruppe ist gleichzeitig Finanzminister aller anderen Euroländer.

          5 Jahre erfolglose Krisenpolitik

          In der EU sind wir dazu verdammt (oder dazu verheiligt), zusammen zu leben, zusammen zu entscheiden, zusammen zu leiden und zusammen glücklich zu sein. Wenn etwas falsch läuft, dann sollte man keinen schwarzen Peter an den anderen schieben, alle tragen die Schuld.

          Wie ich diese Krise in Griechenland seit 5 Jahren miterlebe, dann kann ich laut rufen: Europa hat versagt. Nicht gestern, nicht vorgestern, sondern seit 5 oder 10 Jahren Europa versagt. Zockereien, Parteipolitik, Taktikismus, das gehört zwar im normalen alltäglichen Politikbetrieb. Aber wenn ein Problem offensichtlich so groß wächst muss man anders handeln.

          Ich erlebe seit 5 und mehr Jahren wie meine Mitmenschen mit totaler Perspektivlosigkeit leben. Ich erlebe 30jährige Abiturienten ohne einen Tag Berufserfahrung oder Lehre. Junge Uni Absolventen die das Land sofort für eine Arbeit im Ausland verlassen wollen. Betriebe die schließen weil ihre Banken in anderen Ländern nicht akzeptiert werden obwohl ihre Produkte exportfähig und wettbewerbsfähig sind.

          Ja oder Nein ist nicht so wichtig

          Und ich sehe die EU Regierenden erfolglos zu handeln. Jeder von denen wird in absehbarerer Zeit nicht mehr seine heutige Funktion tragen, manche werden als Pensionäre auf ihre Karriere zurückblicken, andere werden in Unis, in der Wirtschaft oder in der Politik ihre Karriere fortsetzen. Aber ich bin heute nicht sicher ob es in zwei Monaten für meinen 6jährigen Jungen eine vernünftige Schule gibt. Ob es für meine Eltern die notwendigen Medikamente in der Apotheke gibt oder ob ein Krankenhaus eine Notsorge anbieten kann.

          Am kommenden Sonntag gibt es ein Referendum hier im Land. Man sagt ein Ja ist für Europa, ein Nein ist für die Drachme. Oder ein Ja ist für “Unterwerfung“, ein Nein für einen neuen Stolz und neue Verhandlungen. Jeder aus seiner Sicht hat oder wird seine Interpretation geben. Alles nicht so wichtig.

          Europas Südosten braucht einen Marshallplan

          Mein Ja ist das Ja für das Europa das wir haben sollen, das Europa der Solidarität, des Zusammenhaltens, der gemeinsamen Zukunft, der gemeinsamen Überwindung der Schwierigkeiten. Und mein Nein ist das Nein für das Europa der Zockereien, der Taktiken, der Spielchen, der Demütigungen, der Kleingärtnerei, des Wegschauens. Viele meiner Mitbürger in anderen Regionen des Kontinents würden das gleiche meinen.

          Die südöstliche Ecke der EU braucht einen Aufbau. Man kann es Marshallplan nennen, man kann es Strukturhilfen nennen. Es muss aber ein Programm sein das den Leuten eine Perspektive gibt. Und das muss schnell bearbeitet und umgesetzt werden. Alles was jetzt verhandelt wird wäre unter den heutigen Bedingungen gut um die Notlage für einige Zeit zu beruhigen. Es wird nicht genug sein.

          Letzte Meldung im Live Ticker: Griechenland akzeptiert die Vorschläge der Partner schreiben die FT. Hoffentlich machen die Partner irgendwie mit. Und hoffentlich wird das der Anfang. Vom Europa wie es sein muss.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Ärger bei Frauenfußball-WM : „Ich schäme mich zutiefst“

          Der Videobeweis sorgt bei der Fußball-WM der Frauen für viel Aufregung. Beim Spiel von Kamerun gibt es einen Streik, weinende Spielerinnen und 17 Minuten Nachspielzeit. Englands Trainer findet deutliche Worte dafür.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.