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Griechenland-Experte Bastian : „Die Schreibtischökonomen sollten sich zurückhalten“

  • -Aktualisiert am

Wo ist der Ausgang? Wo es theoretisch hingeht interessiert im Alltag niemanden, außer vielleicht bei der Ankunft am Athener Flughafen. Bild: Florian Schuh

Jens Bastian lebt seit 17 Jahren in Griechenland und hat dort in der Krise für die Europäische Kommission gearbeitet. Er plädiert für mehr Bescheidenheit ausländischer Beobachter und hält die EZB für den wichtigsten Akteur zur Zeit.

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          Manchmal empfindet Jens Bastian die Ratschläge von Ökonomen wie Paul Krugman oder Hans-Werner Sinn als unangebracht. „Die Menschen halten sie zur Zeit für Schreibtischökonomen, die nicht mit den Konsequenzen ihrer Ratschläge im Alltag leben müssen“, sagt er. Bastian war von 2011 bis Ende 2013 Mitglied der „Task Force for Greece“ der Europäischen Kommission, und lebt seit 17 Jahren in Griechenland, die meiste Zeit davon in Athen. Die Lage in Griechenland sei ökonomisch momentan so dramatisch, dass er sich manchmal etwas mehr Zurückhaltung und Respekt aus hunderten oder tausenden Kilometern Entfernung wünsche.

          Er selbst versuche sich gerade gar nicht mehr mit Prognosen, wie es mit dem Euro, der EU und Griechenland weitergehen werde. „In den vergangenen Wochen haben sich so viele Gedanken nach zwei bis drei Tagen als falsch herausgestellt, dass ich einfach nicht mehr sagen kann, wie es ausgehen wird“, sagt der 55 Jahre alte Ökonom, der heute als Wirtschaftsberater für die Denkfabrik MacroPolis in Athen arbeitet.

          Der Alltag sei momentan einschneidend von der Krise bestimmt. Seit vier Tagen müsse man mit 60 Euro Bargeld am Tag auskommen. Und an der Tankstelle oder im Supermarkt die ganze Zeit rechnen, ob das Geld reiche und ob es man es am kommenden Tag wieder zur Bank schaffen werde.

          Jens Bastian

          Bis zum Referendum an diesem Sonntag herrsche aber immerhin mittlerweile Klarheit in dem Sinne, dass die Abstimmung stattfinden werde. Auch wenn er selbst nicht wählen dürfe, weil er kein griechischer Staatsbürger sei, sei es für seine Familie ein wichtiger Tag. Seine Frau habe eigentlich zu einer Tagung nach Amsterdam reisen wollen und die Reise nun umbuchen müssen. „Bei eingeschränkten Zugriff auf die eigenen Konten ist das gar nicht so leicht.“

          In dieser Situation befänden sich momentan viele Griechen. Die Ankündigung des Referendums und die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen sei so überraschend gekommen, dass viele schon am Wochenende verplant gewesen seien. Weil es keine Briefwahl gebe, müsse jeder an seinen Heimatort zurück, wenn er abstimmen wolle. Das stelle viele Griechen vor logistische Probleme.

          Auch seine Tochter, die in diesem Jahr ihr Abitur gemacht hat, wollte eigentlich mit Freunden den Abschluss auf einer Insel feiern. Nun bleibe auch sie in Athen und gehe das erste Mal überhaupt wählen. „Sie stimmt jetzt als Erstwählerin über die Zukunft ihrer eigenen Generation ab“, sagt Bastian.


          Was passiert eigentlich gerade mit Griechenland?

          © dpa

            Kapitel 1: Gemeinsam wird alles besser

            Griechenland tritt 1981 der Europäischen Gemeinschaft bei, der Vorgängerorganisation der Europäischen Union. Als Teil einer immer enger werdenden Zusammenarbeit entscheiden sich zunächst elf Länder, 1999 die gemeinsame Währung Euro als Buchgeld einzuführen. Griechenland gibt ein Jahr später an, die Kriterien ebenfalls zu erfüllen, wozu zum Beispiel eine Staatsverschuldung von höchstens 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehört. 2001 tritt es der Eurozone bei. Gemeinsam mit den anderen Staaten konnte das Land so 2002 den Euro auch in Münzen und Scheinen einführen. Dieser Euroeintritt Griechenlands wird oftmals als Grundübel und Hauptursache der gesamten Griechenlandkrise angesehen, denn schon 2004 stellte die europäische Statistikbehörde Eurostat fest, dass die gemeldeten Zahlen Griechenlands nicht stimmen konnten. Das Land trat also dem Euro bei, obwohl seine Staatsverschuldung schon damals zu hoch war. Einige Jahre schafften die Griechen aber, aus eigener Kraft mit den wirtschaftlichen Problemen und den viel zu hohen Ausgaben umzugehen.


            Kapitel 2: Ende der Euphorie

            Mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 und einer allgemeinen Rezession verschärft sich die Lage in Griechenland. Ende April 2010 beantragt die Regierung offiziell Finanzhilfen. EU, Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) genehmigen Kredite unter strengen Sparauflagen. Die nun folgenden Jahren sind ein ständiges hin und her. Griechenland braucht immer wieder Geld, die Reformen werden zum Teil umgesetzt, für die Kreditgeber aber nicht ausreichend. Schulden werden erlassen. Die wirtschaftliche Lage des Landes wird dennoch immer schlechter, die Arbeitslosigkeit schießt in die Höhe. Ende des vergangenen Jahres ruft die damalige griechische Regierung Neuwahlen aus, weil sie sich mit den Geldgebern nicht über einen neuen Haushalt für das Land einigen kann. Die EU warnt vor solchen Neuwahlen, weil die linksradikale Partei Syriza, die sich gegen die Sparvorschriften von EU, EZB und IWF wehrt, gewinnen könnte.


            Kapitel 3: Wünsche werden erfüllt

            Die Stimmung in Griechenland ist zu Beginn dieses Jahres so schlecht, dass genau das passiert. Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis werden gewählt und verwirklichen viele ihrer Wahlversprechen sofort. Sie stellen entlassene Beamte wieder ein, erhöhen die Renten und eröffnen den geschlossenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder. Das kostet viel Geld, das Griechenland nicht hat, was aber erst Mitte des Jahres zu ernsthaften Problemen führen wird. An diesem 30. Juni läuft nämlich das zweite Hilfspaket für Griechenland aus. Das Land muss dann einen Kredit des IWF bedienen, wozu es ohne neue Kredite nicht in der Lage ist. Die Griechen beginnen, Geld von ihren Konten abzuheben.

            In den vergangenen Wochen gibt es wegen dieser Frist immer wieder Krisengipfel, mal auf technischer Ebene mit den Finanzministern der Eurozone, mal der Staats- und Regierungschefs. Lange sieht es trotz vieler Verzögerungen so aus, als würde man sich irgendwie einigen. Die Geldgeber und Griechenland streiten zwar darüber, ob das Land die Reformbedingungen der Geldgeber vor allem durch eine Erhöhung der Einnahmen, zum Beispiel durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, oder auch durch Einschnitte, wie eine Kürzung der Renten, erreichen soll. Die Geldgeber fordern diese Einschnitte zwingend, Griechenland sträubt sich. Die meisten Beobachter gehen aber davon aus, dass man sich in langen Nachtsitzungen kurz vor Ende der Frist wieder einmal auf einen Kompromiss einigen wird. Die Europäische Zentralbank überbrückt die Finanzierungsschwierigkeiten Griechenlands in dieser Zeit mit Notkrediten (Ela). Die Griechen heben immer mehr Geld von ihren Konten ab.


            Kapitel 4: Eskalation

            Doch dann eskaliert die Lage Ende der Woche. Alexis Tsipras ruft für viele Beobachter und Beteiligte völlig unerwartet ein Referendum über die Sparvorschläge der Geldgeber aus. Das Volk solle entscheiden, ob es die Bedingungen der Geldgeber akzeptieren wolle oder nicht. Die griechische Regierung positioniert sich eindeutig und ruft die Wähler auf, gegen die Reformvorschläge zu stimmen. Immer wieder wurde in der Vergangenheit über ein solches Referendum nachgedacht, doch so überstürzt rechnete niemand damit.

            Mit diesem Referendum ist nun einerseits klar, dass bis zum 30. Juni keine Einigung erzielt werden kann, denn die Abstimmung wird voraussichtlich erst am kommenden Wochenende stattfinden. Andererseits verprellt die griechische Regierung EU, EZB und IWF derart, dass Griechenland aus den Verhandlungen ausgeschlossen wird. Tsipras beantragt einer Verlängerung des Hilfsprogramm bis zum Referendum, doch die Geldgeber lehnen es ab. Die Fronten sind so verhärtet wie nie. Die Griechen versuchen so viel Geld wie möglich abzuheben, es bilden sich Schlangen an den Geldautomaten.

            Die Ankündigung des Referendums zieht viele Schritte nach sich. Die Europäische Zentralbank erhöht ihre Notfallkredite nicht mehr. Da Griechenland diesen Kreditrahmen schon fast ausgeschöpft hat, kommt das Land nun nicht mehr an neues Geld heran. Die Regierung kündigt Kapitalverkehrskontrollen an und schließt die Banken. Die Griechen dürften seitdem nur noch 60 Euro am Tag an den Bankautomaten abheben und nur innerhalb des Landes Geld überweisen. Am 30. Juni bedient die griechische Regierung ihren Kredit beim IWF nicht und ist nun offiziell in Zahlungsverzug.

            Kapitel 5: Und jetzt?

            Die Griechen haben sich in ihrem Referendum überraschend deutlich gegen die Reformpläne der Geldgeber entschieden und der eigenen Regierung zunächst den Rücken gestärkt. Was in den kommenden Wochen passieren wird, ist nun die große Frage. Wird Griechenland innerhalb des Euro pleite gehen oder läuft es auf einen Grexit hinaus? Kommt es zu einem Schuldenschnitt? Wie bekommt das Land neues Geld und wie geht es langfristig mit der griechischen Regierung weiter? Bei der sich ständig ändernden Lage will sich kaum jemand mehr auf die eine sichere Lösung festlegen. Nur eines scheint sicher: Nichts mehr ist ausgeschlossen.



          Geld wird alphabetisch ausgegeben

          Seit fünfeinhalb Jahren lebe Griechenland jetzt mit der Krise, er versuche sie so gut wie möglich aus dem Alltag herauszuhalten. Doch genau das sei nun durch die geschlossenen Banken nicht mehr möglich. Die große ökonomisch Frage sei, wie lange das Land diesen Zustand aushalten könne.

          Die Banken öffneten momentan nur für Rentner und Pensionäre, die keine elektronischen Konten hätten. Alphabetisch würde das Geld ausgegeben, viele Rentner, deren Nachname mit einem Buchstaben am Ende des Alphabets beginne, müssten oft am nächsten Tag wieder kommen. Wenn dann ab kommenden Dienstag die Banken wieder für alle Bürger geöffnet hätten, wie es momentan geplant ist, könnte es gut möglich sein, dass sie nach einigen Tagen schon wieder schließen müssen, weil ihnen das Geld ausginge.

          Die Banken hätten schon jetzt nur noch wenige 20- und 50-Euro-Scheine zur Verfügung. „Die Europäische Zentralbank hat das Wohl und Weh des griechischen Bankensektors in der Hand“, sagt er.

          Dieser Punkt sei ökonomisch besonders wichtig, weil die nächste Frist nach dem 30. Juni und dem Referendum am Sonntag der 20 Juli sei. Dann muss das Land an die Europäische Zentralbank 3,4 Milliarden Euro zahlen, weil eine griechische Staatsanleihe fällig wird, die die EZB hält. Es solle daher auf jeden Fall verhindert werden, dass Griechenland innerhalb weniger Wochen die Schulden eines zweiten internationalen Gläubigers (nach dem IWF) nicht mehr bedienen könne.

          Zudem brauche das Land die Liquidität der EZB mehr denn je. Zu lange keinen Zugriff auf das eigene Geld zu haben hätte katastrophale Folgen für das Land. Rentner kämen nicht an ihr Geld, Kranke fehlten ihre teuren Medikamente, Unternehmen können nicht mehr ihre Bestellungen bezahlen.

          Griechenland sei schon jetzt mehr oder weniger eine Volkswirtschaft ohne Banken. In den kommenden 18 Tagen müsse daher eine Lösung her. „Es droht der soziale Kollaps mit katastrophalen Folgen für die Demokratie. Der soziale Kitt kann dauerhaft verloren gehen“, sagt er. Angenehm überrascht sei er hingegen davon, wie resigniert gelassen die Griechen seien, wie sie versuchen in der Hitze in Schlangen zu stehen, wie sie sich trotz ihres Ärgers diszipliniert verhalten. „Sie grenzen sich damit sehr wohltuend von der Hysterie griechischer und europäischer Politiker ab.“

          Zur Person: Jens Bastian (55) wurde in Nürnberg geboren, studierte in Deutschland politische Ökonomie und wurde darin in Florenz promoviert. Er lebt seit 17 Jahren in Griechenland, die meiste Zeit davon in Athen. 10 Jahre lang arbeitete er bei einer griechischen Privatbank. Von 2011 bis Ende 2013 war er Mitglied der „Task Force for Greece“ der Europäischen Kommission. Seit eineinhalb Jahren ist er freier Wirtschaftsberater bei der Denkfabrik MacroPolis.

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