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Krisendiplomatie : Athen ist nicht Weimar

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Merkel an diesem Mittwoch am Flughafen in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Um Athen machte die Kanzlerin in den vergangenen zwei Jahren einen weiten Bogen Bild: REUTERS

Vor dem Treffen von Angela Merkel und Antonis Samaras in Berlin werden die Erwartungen gedämpft: Als Verkörperung sparwütiger deutscher Hartherzigkeit in der griechischen Öffentlichkeit hat es die Kanzlerin vermieden, zur Krisendiplomatie selbst nach Athen zu reisen.

          Es gibt Witze, über die enge Mitarbeiter Angela Merkels nicht wirklich lachen können. Zum Beispiel diesen: Die Bundeskanzlerin ist zu einem nicht angekündigten Besuch in Griechenland eingetroffen. Aus Sicherheitsgründen flog sie nicht nach Athen, sondern wurde von Ministerpräsident Antonis Samaras auf Korfu empfangen. Sie lobte die Fortschritte des Landes bei der Wiederherstellung der Staatlichkeit. Beide Seiten vereinbarten die Einrichtung regionaler Wiederaufbauteams für die Finanzverwaltung und ein „Partnering“ deutscher und griechischer Finanzbeamter bei der Eintreibung von Steuern. Frau Merkel sicherte zu, Deutschland werde auch über 2014 hinaus in dem Land engagiert bleiben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nein, ob solcher Witze können Vertraute der Kanzlerin nur angespannt das Gesicht verziehen. Handelt es sich um eine groteske Verzerrung? Oder doch nur um eine karikaturenhafte Überzeichnung? Angela Merkel, die an diesem Freitag Samaras im Kanzleramt empfängt, hat in der Krisendiplomatie der vergangenen fast zweieinhalb Jahre nicht ein einziges Mal Griechenland besucht. Das letzte mal, so notieren es die Chronisten, ist sie 2007 in dem Land gewesen. Der Grund liegt auf der Hand: Angela Merkel ist in der griechischen Öffentlichkeit zur Verkörperung sparwütiger deutscher Hartherzigkeit geworden.

          Als die Welt noch in Ordnung schien: Kanzlerin Merkel, der damalige griechische Ministerpräsident Karamanlis, dessen Frau Natassa und Außenministerin Dora Bakoyannis 2007 nahe Athen

          Man muss gar nicht auf Nazi-Karikaturen verweisen, um zu begreifen, dass es für die diversen Regierungen in Athen innenpolitisch nicht opportun war, sich zuhause mit der Deutschen zu zeigen. Und sie selbst soll einen griechischen Gewerkschaftsboss mit Bezug auf mögliche Proteste in den Straßen der Hauptstadt einmal gefragt haben: „Kann ich denn überhaupt nach Athen kommen?“ Aus ihrer Regierung waren seit 2010 lediglich Wirtschaftsminister Philipp Rösler und Außenminister Guido Westerwelle in dem Land, der eine hatte potentielle Investoren im Gepäck, der andere eine Solidaritätsadresse.

          Angela Merkel hat Mario Monti in Rom besucht und sie plant für Anfang September auch einen Besuch in Madrid. Griechenland aber ist auch in dieser Hinsicht ein Sonderfall. Wenn der Sonderfall am Freitag zu Gast im Kanzleramt ist, sollen die Deutschen nicht zu viel erwarten. Regierungssprecher Steffen Seibert und auch Westerwelle waren dieser Tage wieder einmal um Erwartungsmanagement bemüht: Natürlich würden beide den Stand der Dinge - also die Umsetzung der Sparauflagen - bereden, Bewertungen werde es aber nicht geben, dazu müsse der Bericht der Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF vorliegen. Das soll „im September“ sein und, so ist nun in Berlin zu hören, gar nicht mehr solange dauern.

          Freilich ist Samaras vor dem Gespräch mit der Kanzlerin seine Botschaft losgeworden: Alles, was er wolle, sei „ein wenig Luft zum Atmen“, sagte er der „Bild“-Zeitung, „mehr Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Geld“. Das widersprach der Meinung von Teilen der deutschen Regierung, die darauf verweist, dass Athen in der zusätzlichen Zeit ja von irgendetwas leben müsse. Andere Teile der deutschen Regierung sehen das nicht so eng. So hat Westerwelle sehr zum Ärger von Finanzminister Wolfgang Schäuble frühzeitig zu erkennen gegeben, dass durch den doppelten Wahlkampf in Athen wertvolle Zeit verloren gegangen sei.

          Das klang, als habe der Außenminister keine Lust, Dinge zu leugnen, von denen jeder wisse, dass sie am Ende doch kämen, also die Gewährung von etwas mehr Zeit. Wohingegen der Finanzminister wohl fürchtete, wenn er zu früh den kleinen Finger reiche, müsse er am Ende die ganze Hand geben. Während Regierungssprecher Seibert das Interview mit Samaras am Mittwoch nicht kommentieren wollte, sagte Rainer Brüderle, der FDP-Fraktionsvorsitzende: Die „Kernzeitachse“ dürfe nicht verschoben werden.

          Samaras’ Interview endete dramatisch: Ein Austritt seines Landes aus dem Euroraum? „Am Ende wäre es wie in der Weimarer Republik.“ Witze erzählen die Menschen sich, das wissen Anthropologen, damit sie nicht dauernd weinen müssen.

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