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Kritik an Griechenland-Politik : Was soll am Sparen falsch sein?

Darin zitierte er den deutsch-amerikanischen Ökonomen Rudi Dornbusch, der gerne sagte: „In der Ökonomie gibt es auf alle schwierige Fragen eine einfache Antwort. Nur dumm, dass die immer falsch ist.“ Das gilt auch für die Kritik an der Sparpolitik in Europa, findet Alesina.

Paul Krugman und seine Anhänger sehen es anders: Austerität ist falsch, so lautet ihre einfache Antwort. Ihr Argument: Der Euroraum als Ganzes ist gar nicht überschuldet. Deshalb hätten die anderen Länder Griechenland einfach helfen können, indem sie selbst mehr Kredite aufgenommen und mit dem Geld die griechische Wirtschaft angeschoben hätten.

Griechenland – das Karstadt Europas

Dabei verkennt Krugman, wie Alesina findet, dass der Euroraum kein Nationalstaat ist: „Wenn Länder wie Deutschland aus Europa keine Transferunion machen wollen, dann funktioniert diese Idee nicht.“ Schließlich wäre das ungefähr so, als würde die Welt beim Staatsbankrott Argentiniens sagen: Macht nichts, schließlich ist die Welt als Ganzes nicht überschuldet – wir zahlen einfach alle für ein großes argentinisches Ausgabenprogramm.

Dann kommt das Land schon wieder in Schwung und aus den Schulden heraus. Oder als würden alle deutschen Unternehmen zum überschuldeten Karstadt-Konzern sagen: Macht nichts, schließlich sind wir zusammengenommen nicht überschuldet – wir geben Karstadt einfach eine Menge Geld, dann kommt die Firma schon wieder auf die Beine und kann uns zurückzahlen.

Und selbst wenn das funktionieren würde: Es gibt einen Grund dafür, dass man es sich nicht so leichtgemacht hat. Der Grund hat einen ökonomischen Namen: „Moral Hazard“. Wenn es zum Prinzip würde, dass man jeden überschuldeten Staat und jede überschuldete Firma mit Geld überschüttet, dann gäbe es bald viele Nachahmer – Disziplinlosigkeit wäre erlaubt.

Wachstum durch weniger Staat

So gibt es für Alesina auch zum Thema Austerität keine einfache Antwort nach dem Muster: Austerität ist schlecht, oder Austerität ist gut. „In Wirklichkeit“, sagt Alesina, „brauchen wir beides: weniger Verschuldung des Staates und mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage.“ Übersetzt für Nichtökonomen bedeutet das: Es ist richtig, dass überschuldete Staaten sparen. Aber Sparen ist nicht alles.

Es kommt darauf an, wie und wo man spart. Man muss es auf eine Weise tun, dass es die Wirtschaft nicht abwürgt, sondern beflügelt. Alesina hat anhand verschiedener Länder erforscht, welche Sparanstrengungen einem Land guttun und welche nicht.

Seine Erkenntnis: Wenn ein Land sich aus der Krise sparen will, dann sollte es das besser nicht tun, indem es die Steuern erhöht. Vielmehr führt das Gegenteil zu schnellerem Erfolg: gleichzeitig Ausgaben kürzen und Steuern senken – und zwar in gleicher Höhe-, also im Wesentlichen den Staatssektor schrumpfen.

Sparen oder nicht sparen?

An dieser Stelle kommen die interessanten Punkte für Griechenland. In Wirklichkeit geht es, wenn man die Probleme des Landes anschaut, gar nicht darum, dass Austerität an sich falsch war. Alesina ärgert sich darüber, dass das Sparen neuerdings als Ursache der Misere in den Krisenländern gesehen wird. „Wenn du krank bist und ein Medikament dagegen nimmst, das dir nicht hilft – dann ist das Medikament doch nicht schuld daran, dass du krank bist“, sagt er.

In Wirklichkeit geht es nicht um die Grundsatzfrage: Sparen oder nicht sparen? Es geht um die Frage: Hat Griechenland auf die falsche Weise gespart? Oder war die Lage von Anfang an so schlecht, dass man ihm mehr Schulden hätte erlassen sollen?

Es gibt Experten, die beide Fragen mit Nein beantworten. Sie finden, dass eine Staatsinsolvenz gar nicht anders laufen kann als mit kontinuierlichen Verhandlungen und vielen kleinen Schuldenschnitten, so unbefriedigend das erscheint. Der Zürcher Ökonom Fabrizio Zilibotti vertritt mit seinen Osloer Kollegen Kjetil Storesletten und Andreas Müller diese Position. Das Vorgehen der Staaten in der Euro-Krise betrachten sie als beinahe ideal.

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