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Kommentar : Die Freude am „Grexit“

Zurück zur Drachme? Bild: Reuters

Wenn Griechenland an diesem Freitagabend Geld ohne Auflagen bekäme, wäre das genau das Falsche. Es wäre die Hoffnung auf eine gute Zukunft, die ohne Reformen doch nicht kommen kann.

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          Was haben Griechenland und Estland gemeinsam? Sie beide kamen im Jahr 2009 in eine schwere Krise. Und was ist der Unterschied zwischen beiden? Die Krise in Estland war damals deutlich schwerer. Und: Die Esten sind heute viel zuversichtlicher - zumindest gilt die Finanzkrise dort schon längst als überwunden.

          Das ist kein Widerspruch, das hat System.

          Am Freitagnachmittag wird Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis seinen Kollegen aus den anderen Euro-Staaten wieder erklären, was für harte Zeiten Griechenland hinter sich hat. Und er hat ja Recht. Das liegt daran, dass viele nötige Reformen in Griechenland gar nicht beschlossen oder nur halbherzig verwirklicht worden sind. In Irland oder Spanien ist die Stimmung schon lange wieder besser. Griechenland aber hat mit dem Geld der Kreditgeber seine Krise verschleppt. Auf diese Weise haben die Griechen fünf Jahre lang nichts gehört als Verzicht, Minderung und schwere Zeiten.

          Animation : Was bedeutet eigentlich "Grexit"?

          Den Haushalt einmal richtig sanieren? So läuft das in Griechenland schon während der ganzen Krise nicht. Jedes Jahr nähen die Politiker ihren Haushalt auf Kante, und jedes Jahr stellen sie am Ende überrascht fest, dass das Geld doch nicht reicht. Also müssen sie wieder ein bisschen mehr sparen. Und die Bürger müssen wieder verzichten. Griechenland verzagt - und das allein drückt die Wirtschaft immer weiter.

          Die „Prospect Theory“ erklärt die schlechte Stimmung

          Nichts zermürbt mehr als ein jahrelanger Abwärtstrend. Dieser Satz ist nicht nur dahingesagte Küchenpsychologie. Für diese psychologische Erkenntnis gab es vor einigen Jahren den Wirtschaftsnobelpreis. „Prospect Theory“ heißt sie im Englischen, „Erwartungstheorie“ im Deutschen. Und sie sagt: Das schlimme ist, wenn es überhaupt abwärts geht. Fünf Jahre mäßiger Rezession machen Menschen deutlich depressiver als ein Jahr, in dem die Wirtschaft um das Fünffache schrumpft.

          Deshalb sind die Esten so zuversichtlich. Ihre Krise war heftig, aber schnell wieder vorbei. Die Esten haben kräftig gespart. Sie haben genau das konsequent gemacht, was Griechenland verschleppt hat. Das waren zwei harte Jahre, aber danach ging es wieder aufwärts. Estland trat dem Euro bei. Wenn es aufwärts geht, schöpft das Land Mut und Zuversicht.

          Wer das im Kopf hat, versteht: Wenn Griechenland jetzt Geld ohne Auflagen bekäme, wäre das genau das Falsche. Es wäre eine Hoffnung auf eine gute Zukunft, die ohne Reformen doch nicht kommen kann - und die dann wieder enttäuscht wird.

          Und wer das im Kopf hat, versteht auch: Wenn am Ende der Verhandlungen steht, dass Griechenland den Euro verlässt, dann muss das kein Drama sein. Die Preissenkung, die das Land selbst nicht geschafft hat, kommt dann über die Währung. Vielleicht ist es nur Griechenlands erster Schritt auf dem estnischen Weg in die Zuversicht.

          In einer früheren Version des Artikels stand, in Estland habe während der Krise die Währung abgewertet. Das war falsch, die Währung war auch zu dieser Zeit an den Euro gebunden. Wir danken Heiner Flassbeck für den Hinweis.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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