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Kommentar : Den Griechen die Schulden erlassen?

  • -Aktualisiert am

Europas Politiker erlassen Griechenland die Schulden nicht. Aber glaubt irgendjemand noch, dass Griechenland seine Schulden je zurückzahlen kann?

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          Glaubt eigentlich irgendjemand noch, dass Griechenland je seine Schulden von inzwischen 300 Milliarden Euro wird zurückzahlen können? Die Wette auf ein Nein ist nicht besonders riskant. Dabei bleibt es unerheblich, ob man die normalen Leute in den sommerlichen Eisdielen befragt oder die Fachleute an ihren akademischen Schreibtischen.

          Die dramatischsten Meldungen kamen zuletzt vom Internationalen Währungsfonds in Washington. Der Fonds kalkuliert längst nicht mehr damit, dass die Verschuldungsquote bis zum Jahr 2020 auf immer noch 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgeht. Er rechnet vielmehr damit, dass der Schuldenstand schon bis 2018 auf sagenhafte 200 Prozent ansteigt. Wohlgemerkt: Darin sind Hilfen von frischen 85 Milliarden Euro und die Wirkungen künftiger Reformen schon eingepreist, über die derzeit zwischen den europäischen Rettern und Griechenland verhandelt wird.

          Was folgt daraus? So einmütig man im Befund ist, so konträr sind die Schlüsse. Ohne einen radikalen Schuldenerlass werde Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen, meint der IWF – und macht ihn zur Bedingung künftiger Kreditvergabe. Man muss freilich genau hinhören: Der IWF verlangt Großmut von den europäischen Gläubigern (der Europäischen Zentralbank und den staatlichen europäischen Rettungsfonds), ist selbst aber keinesfalls zum Verzicht bereit.

          Amerikaner für den Schuldenerlass – Europäer dagegen

          Rückendeckung erhält der Fonds von einer großen Zahl vorwiegend angelsächsisch geprägter Ökonomen, die Griechenland in einer Art Schuldknechtschaft gefangen sehen. Das gebe ihm selbst beim besten Willen keine Chance auf Wachstum und nehme zugleich jede Hoffnung, jemals wieder am Kapitalmarkt Geld zu zumutbaren Konditionen zu erhalten. Die Begründung klingt bei einigen moralisch: der Schuldenerlass als Vertrauensvorschuss. Andere argumentieren pragmatisch: Das Geld sei ohnehin verloren.

          Die Europäer, allen voran die Deutschen, widersprechen. Der Einwand ist klassisch und wird „Moral Hazard“ genannt: Ein Schuldenschnitt macht alles nur noch schlimmer. Er setzt die besten, also schlechtesten Anreize für Griechenland, sich auf der Stelle wieder neu zu verschulden. Die Steuerzahler des Euroraums dürfen diese Schulden dann abermals mit Rettungskrediten ablösen – und die Gesamtverschuldung Griechenlands nimmt weiter zu. Als Weg zur Rückkehr an den Kapitalmarkt taugt der Schuldenschnitt nun wahrlich nicht.

          Die Motive der Europäer sind fraglich

          So triftig die Einwände der europäischen Politiker sind, so fraglich sind ihre Motive. Viel mehr als die Sorge vor ökonomischen Fehlanreizen treibt sie die Angst um, ein Schuldenschnitt könne zu Recht als Eingeständnis gelesen werden, dass ihre Rettungspolitik gescheitert ist. Lieber werden sie nach allen Regeln der politischen Kunst semantisch tricksen, die Zinsen auf null stellen und die Rückzahlung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag terminieren, das Wort Schuldenschnitt aber auch dann noch vermeiden. Dieses Verfahren könnte man als systemisch bedingte politische Verlogenheit bezeichnen.

          Spätestens hier zeigt sich der Preis, den die Retter (also jene Bürger, die für die Rettungsinstitutionen einstehen) für die Vermeidung des Grexits zahlen müssen. Sie werden immer höhere Kreditsummen nachschießen müssen und am Ende nicht viel von ihrem Geld wiedersehen. Als ob nur der Grexit seinen Preis hätte, wie die Politiker uns weismachen wollten!

          Ehrlicher wäre es gewesen, Griechenland seine Schulden zu erlassen, weitere Hilfskredite abzulehnen und damit das Land aus der Gemeinschaftswährung zu entlassen. Auch das hätte man moralisch und pragmatisch begründen können. Verbunden mit den notwendigen Reformen wäre es der aussichtsreichere Weg zurück zur Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands. Wer weiß, wie lange es dauert, bis womöglich doch noch über diese Option beraten wird.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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