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Knappheit am Geldautomaten : Den griechischen Banken gehen die Scheine aus

Wieviel gibt es in naher Zukunft noch am Geldautomaten in Griechenland? Die Gerüchte überschlagen sich. Bild: AFP

Nur noch 60 Euro bekommen die Griechen täglich am Geldautomaten. Damit bezahlen sie ihre Einkäufe, doch die Läden horten das Geld und tragen es nicht zur Bank. Wird die Höchstgrenze bald auf 20 Euro gesenkt? Und kommt danach der Kollaps?

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          Die Lage der griechischen Banken wird von Tag zu Tag kritischer, dennoch ist auch für die nächste Woche keine Besserung in Sicht: „Griechenlands Banken können erst wieder öffnen, wenn es ein neues Abkommen über die finanzielle Zukunft Griechenlands gibt“, sagt einer der wichtigsten Ökonomen Griechenlands, der nicht namentlich zitiert werden kann. Nur wenn sich die Regierung mit den Gläubiger-Institutionen auf ein neues Programm einige, werde das beschädigte Vertrauen in die Banken wiederhergestellt. „Doch Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm können Wochen und Monate dauern, während nun von Tag zu Tag die Wirtschaft schneller zusammenbricht.“ Die Kosten für die griechische Wirtschaft, aber auch die Kosten für die finanziellen Hilfen für Griechenland würden immer höher, warnen Ökonomen.

          Tobias Piller
          (tp.), Wirtschaft
          Philip Plickert
          (ppl.), Wirtschaft

          Auch in Zentralbankkreisen wird es für unwahrscheinlich gehalten, dass die Zwangsschließung der Banken und die Abhebelimits von 60 Euro wie angekündigt am nächsten Dienstag wieder aufgehoben werden. „Es ist schwer vorstellbar, dass die Lage dann so ist, dass man schon wieder alle Schleusen öffnet“, hieß es. „Selbst bei einem Ja-Votum beim Referendum“ sei der Druck zu groß. Weil ein Ansturm verängstigter Kunden befürchtet wurde, haben der Athener Finanzstabilitätsrat und die Regierung am Sonntag sogenannte Bankfeiertage bis zum nächsten Dienstag verhängt. Auslöser war auch, dass die Europäische Zentralbank die Hilfskredite von rund 89 Milliarden Euro nicht mehr erhöhte.

          Das „Ausbluten“ geht weiter

          Die griechischen Banken haben in den vergangenen sechs Monaten etwa ein Viertel aller Einlagen verloren, weil verunsicherte Kunden die Konten räumten. Ende 2014 hatten sie mehr als 160 Milliarden Euro Einlagen, nun sind es nur noch 120 Milliarden Euro. Und selbst mit den nun verhängten Kapitalverkehrskontrollen gehe das „Ausbluten“ der Banken weiter, nur in verlangsamtem Tempo, heißt es in Finanzkreisen. Die Menschen heben Bargeld ab und bezahlen damit in Geschäften, doch kaum ein Laden trage seine Tageseinnahmen wieder zur Bank. „Jeder hortet Bargeld“, erklärt ein Notenbanker. In Athener Regierungskreisen kursierte schon das Gerücht, dass die tägliche Höchstgrenze für Abhebungen von 60 Euro auf 20 Euro gesenkt werden könnte. Dann würde es für die Menschen richtig knapp.

          Noch sind die Bürger in Griechenland erstaunlich ruhig geblieben. „Die Leute bleiben gelassen, auch wenn sie verängstigt und traurig sind“, sagt Nikos Vettas, Direktor des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts Iobe. „Die meisten Leute haben die Kapitalverkehrskontrollen vorausgeahnt und vorher Geld abgehoben, deshalb haben sie jetzt noch genügend“, erklärt er. Allerdings können sie keine größeren Einkäufe machen. Geschäfte, die teurere Waren anbieten, etwa Möbel, Uhren oder Elektronik, machen kaum noch Umsatz. Und Tankstellen akzeptieren selten Kreditkarten, weil sie unsicher sind, ob sie das Geld nachher von den Banken erhalten werden.

          Bis zur vergangenen Woche hatten die Banken dafür gesorgt, dass alle Geldautomaten immer gut gefüllt waren. Schon jetzt ist aber die Ankündigung hinfällig, dass je Bankkonto und Geldkarte täglich 60 Euro abgehoben werden könnten. Den Banken sind die 20-Euro-Scheine ausgegangen, viele Geldautomaten spucken nur noch 50 Euro aus. Die Zahl der griechischen Kredit- und Geldkarten wird auf mehr als 1 Million geschätzt. Falls die Griechen weiter Geld abheben und zugleich niemand Geld in die Banken einzahlt, ist es nach Ansicht von griechischen Fachleuten denkbar, dass noch vor der Volksabstimmung am Sonntag die Geldquellen endgültig versiegen.

          Was ist mit den Juni-Gehältern?

          Dabei sollten in Griechenland die Gehälter für den Monat Juni gerade in diesen Tagen überwiesen werden. Für zahlreiche Unternehmen liegt der Zahltag noch nach dem 5. Juli. Einige Unternehmer berichten, sie hätten die Mittel für die Gehälter auf dem Konto, müssten vielleicht aber die Überweisungen vorziehen, damit das Geld nicht in einem Zusammenbruch der Banken verlorengehe. Offen bleibt, wie die Mitarbeiter dann an ihre Gehälter kämen. Andere Unternehmen haben keine Möglichkeiten, die Gehaltszahlung zu finanzieren, und haben faktisch Kurzarbeit verordnet oder den Betrieb eingestellt. Am Mittwoch öffneten etwa tausend Banken, damit Rentner ihre monatlichen Bezüge dort abholen konnten. Es kam an einigen Bankfilialen in den Morgenstunden zu Gedränge.

          Griechenland hat wie angekündigt am Dienstag fällige Kredite von 1,54 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds nicht zurückgezahlt. „Wir haben den geschäftsführenden Vorstand informiert, dass Griechenland in Verzug ist“, teilte ein IWF-Sprecher in Washington am Mittwoch mit. Die Ratingagenturen werten den Zahlungsverzug Griechenlands noch nicht als Insolvenz (default), dieses Rating würden sie erst vergeben, wenn Griechenland gegenüber privaten Gläubigern ausfällt. Vier Fünftel der Gesamtverschuldung von rund 320 Milliarden Euro liegen bei öffentlichen Gläubigern, vor allem beim Euro-Krisenfonds.

          IWF bestätigt : Griechenland hat fällige Zahlung nicht überwiesen

          Als Damoklesschwert hängt über dem griechischen Bankensystem die Gefahr, dass ohne geltendes Rettungsprogramm die EZB ihre Nothilfe zurückziehen kann. Bisher, so heißt es aus Athen, sei die Unterstützung der EZB für Griechenland nur bis zum nächsten Montag, dem Tag nach der Volksabstimmung, garantiert worden. Im Falle eines „Nein“ der Griechen wird sogar eine Rücknahme der Notkredite der EZB befürchtet. Am Mittwoch entschied der EZB-Rat, die Ela-Notkredite und auch die Risikoabschläge (Haircuts) auf Sicherheiten von den Banken nicht zu verändern. Die griechische Notenbank hatte eine Ausweitung des seit Freitag bei rund 89 Milliarden Euro liegenden Ela-Rahmens verlangt. Einige EZB-Räte, darunter Bundesbankchef Jens Weidmann, fordern dagegen höhere Abschläge auf die Sicherheiten, weil die Risiken gestiegen seien. Das würde die Banken zusätzlich unter Druck setzen.

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