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Ökonomen-Streit : Paul Krugman ist ein „alter“ Keynesianer

Paul Krugman Bild: dpa

Paul Krugman beschwert sich über Deutschland und beruft sich dabei auf John Maynard Keynes. Dabei argumentieren moderne Keynesianer ganz anders.

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          In der Debatte um Griechenland gehört der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman zu den lautesten und härtesten Kritikern der deutschen Position. Wie immer man zu Krugman steht – es gibt keinen anderen Ökonomen mit einer vergleichbar großen Leserschaft. Die genauen Zugriffszahlen seines Blogs bei der „New York Times“ sind nicht bekannt, wohl aber eine Zahl von rund 1,4 Millionen Followern, die sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Hinweise auf seine neusten Beiträge schicken lassen.

          Der Blogger Krugman, nicht unbedingt der hochdekorierte Ökonom Krugman, inszeniert sich als Anhänger einer Version der Lehre von John Maynard Keynes, die zwischen 1955 und 1975 populär war und die bis heute häufig im Grundstudium gelehrt wird. Demnach soll in einer Phase schwacher gesamtwirtschaftlicher Nachfrage der Staat durch eine kreditfinanzierte Steigerung seiner Ausgaben das Wirtschaftswachstum anregen.

          Dabei setzt der staatliche Impuls zusätzliches Wachstum in der Privatwirtschaft in Gang; dies ist der sogenannte Multiplikatoreffekt. Die Erholung generiert zusätzliche Steuereinnahmen, die eine Rückzahlung der Staatsschulden gestatten.

          Unzuverlässige Multiplikatoren

          Diese unter Ökonomen lange Zeit sehr populäre Sichtweise erhielt in den frühen siebziger Jahren einen schweren Schlag, als gleichzeitig Inflation und Rezession bei steigender Staatsverschuldung auftraten. Die theoretisch heilsamen Multiplikatoreffekte erwiesen sich als sehr unzuverlässig, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

          Das Vertrauen in expansive Finanzpolitik verschwand nahezu vollständig. Krugmans öffentlicher Erfolg mit der Rückbesinnung auf die alte Lehre in den vergangenen Jahren erklärt sich mit Problemen der neuen Lehre, die jüngste Krise gut zu erklären.

          Lehrstoff für Erstsemester: Die Thesen des John Maynard Keynes

          Krugman, der nahezu alleine steht, fordert unablässig expansive Finanzpolitik; Sorgen vor einer zu hohen Neuverschuldung kennt er nicht. Vor allem aber verweist er auf den seines Erachtens verhängnisvollen Fehler, in einer Situation einer schwachen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die Staatsausgaben reduzieren zu wollen („Austeritätspolitik“), anstatt sie zu erhöhen. Auch im Falle einer Austeritätspolitik sieht er einen, nun aber negativen, Multiplikatoreffekt am Werk, der dafür sorgt, dass eine Volkswirtschaft im Falle unsachgemäßer Kürzungen von Staatsausgaben schwere Einbußen erleidet.

          Alt und neu

          Seit Jahren schon kämpft Krugman verbal heftig gegen alle Vertreter der Ansicht, dass Austeritätspolitik nicht notwendig nachteilig, sondern sogar wirtschaftlich vorteilhaft sein kann. In der zum Teil sehr wüsten Debatte haben alle Beteiligten Federn gelassen, weil die historischen Erfahrungen eine allgemeine Antwort nicht zulassen. Im Kanada der neunziger Jahre ging Austeritätspolitik mit einer rückläufigen Arbeitslosigkeit einher, aber nun verweist Krugman auf eine parallele Abwertung des Kanada-Dollars, die der Wirtschaft geholfen habe.

          Zu harten Kritikern Krugmans gehören unter anderen sogenannte Neo-Keynesianer. Auch sie sehen in einer Konjunkturkrise Handlungsbedarf, aber nicht durch expansive Finanzpolitik, sondern durch expansive Geldpolitik.

          Die Argumentationen zwischen alten und neuen Keynesianern sind sehr verschieden. „Alte“ Keynesianer wie Krugman vertrauen auf direkte Effekte staatlicher Ausgaben über einen Multiplikator. „Neue“ Keynesianer vertrauen auf die Steuerung von Erwartungen von Unternehmen und Konsumenten durch die Politik.

          Umständliche Wirkungskette

          Die Wirkungskette expansiver Finanzpolitik funktioniert bei Neo-Keynesianern in der Theorie so: Zusätzliche staatliche Ausgaben sorgen für eine zusätzliche Nachfrage bei Unternehmen, die mit der Erwartung steigender Preise einhergehen. Wenn danach in der Gesamtwirtschaft die Erwartung auf eine höhere Inflationsrate entsteht, senkt dies den erwarteten langfristigen Realzins, was mehr Investitionen und damit mehr Wirtschaftswachstum zur Folge haben sollte.

          Diese Wirkungskette ist jedoch umständlich und setzt voraus, dass die Zentralbank eine höhere Inflationsrate toleriert. Daher haben Neo-Keynesianer im Unterschied zu Krugman viel weniger Vertrauen in expansive Finanzpolitik; ebenso sehen viele unter ihnen Austeritätspolitik weniger dogmatisch.

          Gegen die Ansichten alter wie neuer Keynesianer lassen sich zwei wesentliche Einwände vorbringen. Erstens spielen Banken und Finanzmärkte in vielen Analysen eine zu untergeordnete Rolle. Zweitens sind viele Wirtschaftskrisen, und dies gilt gerade auch für Griechenland, nicht alleine durch eine schwache gesamtwirtschaftliche Nachfrage, sondern auch durch erhebliche Schwierigkeiten auf der Angebotsseite gekennzeichnet.

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