https://www.faz.net/-gqu-85rxi

Christine Lagarde : Immer im Krisenmodus

Synchronschwimmerin, Ministerin, IWF-Chefin: Die Karriere von Christine Lagarde ist beeindruckend. Bild: AFP

Christine Lagarde eilt seit 2011 von Krise zu Krise. Doch wie gerne würde die Chefin des IWF mal über etwas anderes reden als über Griechenland.

          3 Min.

          Am 13. Juli begann in Addis Abeba eine der wichtigsten internationalen Konferenzen zur künftigen Finanzierung der Entwicklungshilfe mit einer Entschuldigung. Christine Lagarde, die Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), ließ den anwesenden Spitzenpolitikern aus aller Welt ihr tiefstes Bedauern darüber ausrichten, dass sie beim Auftakt nicht dabei sein konnte.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Sie musste wieder einmal Griechenland retten und ein bisschen auch die gefährdeten Kredite. Das ist das Unangenehme an ihrer Position: Schwere Krisen bestimmen ihre Agenda, seit sie im Juli 2011 Chefin der Institution mit Sitz in Washington geworden ist.

          Sie dürfte das einkalkuliert haben, als sie die Nachfolge des Franzosen Dominique Strauss-Kahn (66) antrat, dessen Karriere endete, als Details seines ausschweifenden Sexuallebens in die Öffentlichkeit gelangten. Der Währungsfonds verdankt seine Existenz schließlich den Finanz- und Währungskrisen.

          Comeback des IWFs

          Und er fühlte sich am allerschlechtesten, als zwischen 2005 und 2008 die Welt in eine so ruhige Phase einzumünden schien, dass die Institution erste Sozialpläne auflegte, um sich von Mitarbeitern, vor allem Krisenspezialisten, zu trennen. Der Insolvenz von Lehman hat der IWF sein grandioses Comeback zu verdanken und seinem damaligen Chef Strauss-Kahn natürlich auch, der die Gunst der Stunde zu nutzen wusste.

          Alles ist eine Frage der Dosis, das gilt auch für Krisen. Und selbst für extrem ambitionierte Persönlichkeiten wie Lagarde kann der Dauerkrisenmodus dann doch mal etwas zehrend werden. Es gab Sitzungen, da haben enge Mitarbeiter doch etwas besorgt auf ihre Chefin geschaut, weil sie so müde aussah. Das ist für die, die sie kennen, besonders beunruhigend, weil ihre schier grenzenlose Belastbarkeit eigentlich ihr hervorstechendes Attribut ist.

          Das Schlimme an der aktuellen Entwicklung ist, dass der Währungsfonds und damit seine Chefin selbst in Rechtfertigungsnot gekommen sind. Um den Kredit an Griechenland möglich zu machen, musste der Währungsfonds vieles von dem über Bord werfen, was ihm zuvor heilig war. Ein europäisches Industrieland hatte einen gewaltigen Kredit bekommen, obwohl von einer Währungskrise im engeren Sinne keine Rede sein konnte.

          Schuldenschnitt für Griechenland

          Und auch, obwohl die Auflage, dass Kredite nur an Länder vergeben werden dürfen, die ihre Schulden tragen und bedienen können, nicht erfüllt war. Das ist gravierend für eine Organisation, die vor ihren insgesamt 188 Mitgliedern, viele davon ärmer als Griechenland, darauf zu pochen pflegt, dass sie festen Regeln folgt in der Kreditgewährung.

          Selbst wenn man sich mit dem Gedanken anfreundet, dass drastische Zeiten drastische Maßnahmen erfordern, ist der Währungsfonds nicht aus dem Schneider. Denn schlimmer für Lagarde ist das Resultat: Selten zuvor in der Geschichte des Währungsfonds ist ein so bedeutendes mit der Kreditvergabe verbundenes Programm so grandios gescheitert. Die Leute, die von der Weltgemeinschaft dafür bezahlt werden, Krisen zu managen, haben ihren Auftrag nicht gut erfüllt.

          Jetzt versucht Lagarde eine Wende, indem sie nun offensiv einen Schuldenschnitt für Griechenland verlangt und verbreitet, dass die Zugeständnisse, die die europäischen Kreditgeber zu geben bereit sind, nicht ausreichten. Man könnte diesen Vorstoß als Ausdruck der Empathie für die geschundenen Griechen deuten und als Versuch, den Ruf der Hartherzigkeit abzulegen.

          Synchronministerin

          Man könnte es aber auch formulieren, wie es der Kollege von der „Washington Post“ getan hat. „Der Währungsfonds möchte Griechenlands Schulden nicht senken aus Mitgefühl für Griechenland. Er möchte die Schulden reduzieren, damit Griechenland den Währungsfondskredit zurückzahlt.“

          Lagarde ist keine Volkswirtin, anders als ihr Vorgänger Strauss-Kahn. Die Programme, die sie jetzt mit Ruhe und Eleganz verteidigt, haben ihre Experten ausgedacht. Sie ist Juristin, hat einige Jahre als Partnerin Baker McKenzie, eine der weltgrößten Rechtsanwaltskanzleien, geführt. Sie war Ministerin in Frankreich und hat eine Vergangenheit als erfolgreiche Synchronschwimmerin, worauf sie gelegentlich humorvoll zu sprechen kommt.

          Gut für die Menschheit

          Sie hat diese einzigartige Karriere vollbracht, obwohl sie nicht zu den inneren Machtzirkeln gehörte, weder in Frankreich noch in den Vereinigten Staaten. Die französische Eliteschmiede ENA hat sie abgewiesen, eine französische Anwaltskanzlei wollte sie nicht Partnerin werden lassen, weil sie eine Frau ist. Sie wechselte zur amerikanischen Konkurrenz und zog schließlich nach Chicago in die Baker-McKenzie-Zentrale.

          Ihr Werdegang enthält viel von dem, worüber sie eigentlich reden möchte. Wie schwer es sein kann, als Frau nach oben zu kommen, wie es trotzdem gelingen kann und warum das gut ist für die ganze Menschheit.

          Weitere Themen

          „Der Weg wird immer steiniger“

          FAZ Plus Artikel: Commerzbank-Chef Zielke : „Der Weg wird immer steiniger“

          Was erwartet der Commerzbank-Chef von Christine Lagarde? Im F.A.Z.-Interview spricht Martin Zielke über die Aufbruchstimmung der neuen EZB-Chefin, den Kampf um Rendite – und die Frage, ob eine Fusion mit der Deutschen Bank ein Selbstzweck sein könnte.

          Topmeldungen

          Die Kommunalwahlen in NRW sind für die SPD von existentieller Bedeutung: Die Partei kann sich nur stabilisieren, wenn ihnen ihre kommunale Basis nicht wegbricht.

          Verschuldete Kommunen : Werden die Altschulden zur tickenden Zeitbombe?

          Die Lösung des Altschulden-Problems hat sich die große Koalition fest vorgenommen. Gerade die von der SPD regierten Großstädte im Ruhrgebiet würden von Bundeshilfe profitieren – bisher verhält sich Nordrhein-Westfalen jedoch merkwürdig passiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.