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Hans-Werner Sinn : „Der Grexit ist die Rettung“

Wie das? Im Augenblick bringen alle Griechen ihr Geld in Sicherheit...

Ja, wir sind ja noch vor dem Ereignis. Nach einem Austritt gibt es sofort drei Effekte: Erstens würden Importe nach Griechenland teurer, das würde einen Anreiz für die Griechen schaffen, mehr heimische Waren zu kaufen. Zurzeit importieren sie 23 Prozent mehr Lebensmittel, als sie exportieren, obwohl sie gute Böden haben. Zweitens würden die Touristen aus der Türkei zurückkommen: gleiches Wasser, gleiche Tempel, gleiches Essen. Da kann man nicht teurer sein. Und drittens würde das Fluchtkapital nach Griechenland zurückkommen, weil Investoren die billiger gewordenen Immobilien kaufen. Das würde zu einem Bauboom führen.

Was passiert mit den Schulden von Staat, Unternehmen und Privatleuten in Griechenland, die auf Euro lauten?

Die muss man dem Staat und den Banken wegen ihres Konkurses ohnehin teilweise erlassen. Ich würde sie alle auf Drachme umstellen. Ich glaube nicht, dass es viele private Institutionen gibt, die Auslandsschulden haben.

Ist das Geld weg?

Nein, denn die Drachme geht ja nicht auf null.

Was würde Deutschland der Grexit kosten?

Der Grexit kostet Deutschland vermutlich nichts. Eher im Gegenteil: Wenn Griechenland im Euro bliebe, müssten wir immer mehr neue Kredite geben, um die alten abzulösen und die fehlende griechische Wettbewerbsfähigkeit zu finanzieren. Die Verluste würden immer größer. Wenn Griechenland seinen Staatsbankrott offiziell zugibt, würde das nur die Verbuchung von Verlusten erzwingen, die heute ohnehin da sind. Das maximale Verlustrisiko für Deutschland bei einem Konkurs von Staat und Banken liegt bei 87 Milliarden Euro; aber nur ein Teil davon wird anfallen. Bei einem Austritt kämen allerdings noch Verluste durch die später zurückfließenden Eurobanknoten hinzu.

Würde Griechenland nach dem Grexit ein neues Hilfsprogramm brauchen – und, wenn ja, in welcher Größenordnung?

Man sollte überlebenswichtige Importe für Griechenland, die durch die Abwertung teurer werden, über ein Hilfsprogramm subventionieren: Medizin und Energie vor allem. Das ist aber weitaus weniger Geld, als man für eine Fortsetzung des jetzigen Kurses brauchen würde.

Könnte es notwendig werden, dass die Europäische Zentralbank die neue griechische Währung durch Devisenmarktinterventionen stützt, damit sie nicht abstürzt, wie es die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht vorgeschlagen hat?

Ja, das würde mir auch sinnvoll erscheinen. Wenn Griechenland die Drachme einführt, könnte die Europäische Zentralbank helfen, den Wechselkurs zu stabilisieren.

Kann es passieren, dass Griechenland nach dem Grexit dann Drachmen ohne Ende druckt und so immer weiter in den Schlamassel hineingerät?

Um die Gefahr zu bannen, wäre es gut, wenn Griechenland nach dem Euroaustritt eine Rückkehroption und den Status eines Landes erhält, das den Euro-beitritt anstrebt, EWS 2 genannt. Dann wäre das Land gehalten, sich an den Maastricht-Kriterien zu orientieren, den Wechselkurs zu stabilisieren und Reformen anzugehen.

Glauben Sie im Ernst, die Griechen würden nach dem ganzen Theater wieder Mitglied im Euro werden wollen, wenn sie einmal draußen sind – und die anderen würden sie wieder aufnehmen?

Ich weiß es nicht. Das müssen die Griechen entscheiden.

Wäre aus Ihrer Sicht der Grexit der letzte Schritt in diesem Drama – oder der erste Schritt in einem Prozess der Entflechtung der Eurozone?

Viele fürchten den Austritt, weil er funktionieren könnte. Das finde ich zynisch. Wenn wir in Europa eine gemeinsame Währung haben, aber keinen gemeinsamen Staat, brauchen wir unbedingt eine Exitoption. Also eine Regel, wie ein Land aus dem Euro austreten kann, wenn es sonst nicht wettbewerbsfähig werden kann. Genauso, wie wir Regeln für die Insolvenz von Staaten brauchen. Anders kann man nur denken, wenn man den Euro selbst als Ziel der Wirtschaftspolitik sieht – und nicht als Instrument, um Frieden und Wohlstand zu erreichen.

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