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Wenn der „Grexit“ kommt : Unternehmer wollen die Drachme nicht

Blick auf Piräus, den Hafen von Athen: Wenn die Drachme kommt, kommen auch die Zustände von damals wieder. Bild: AFP

Früher war nicht alles besser: Wenn am Montag die Staatschefs über den „Grexit“ diskutieren, zittern die griechischen Unternehmer. Die Rückkehr zur Drachme wäre ein herber Schlag für sie.

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          Die Perspektive eines Ausscheidens Griechenlands aus der Währungsunion schafft nun immer mehr Unruhe, die nicht nur an den Abhebungen der Griechen an den Bankschaltern abzulesen ist. Der Chefredakteur der konservativen Zeitung „Kathimerini“, Alexis Papachelas, kommentiert, nun bleibe dem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nichts anderes übrig, als sein Land auf unbekanntes Terrain zu leiten.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Immerhin seien 30 Prozent der Griechen für den „Grexit“, und darunter die Mehrheit seiner Partei. Tsipras riskiere den Verlust seiner Parlamentsmehrheit, wenn er zur Abwendung des Ausstiegs einen Kompromiss mit den anderen Europäern eingehe, da zähle wenig, ob Tsipras den Eurogegnern nicht widerstehen wollte oder konnte.

          Nordeuropäische Ökonomen sehen im Grexit ohnehin ein nützliches Instrument, damit Griechenland mit einer neuen, abgewerteten Währung konkurrenzfähiger werde und mehr exportiere. Doch aus Perspektive von Michael Massourakis, Chefökonom des griechischen Unternehmerverbandes Sev, sind solche Kalküle viel zu vordergründig.

          180 Milliarden Euro Schulden

          Massourakis hat eine Standardkalkulation im Kopf: Bei einem Bruttoinlandsprodukt von 185 Milliarden Euro habe Griechenland rund 50 Milliarden Euro an Erlösen in der Leistungsbilanz vorzuweisen. Davon entfallen nur 14 Milliarden Euro auf die Ausfuhr von Gütern, etwa Aluminium, Arzneimittel, Gemüse und Olivenöl.

          Es folgen Einnahmen von 12 Milliarden Euro im Tourismus, 12 Milliarden Euro aus der Schifffahrtsbranche, 9 Milliarden Euro aus dem Raffinieriegeschäft und schließlich annähernd 5 Milliarden Euro für einige weitere Dienstleistungen, in erster Linie Bau und ein wenig Software.

          Selbst eine kräftige Abwertung ließe die Ausfuhren nicht sofort in die Höhe schnellen, sagt Chefökonom Massourakis. Natürlich könnten die Einnahmen aus dem Tourismus wachsen. In Branchen wie Raffinerien oder bei den Reedereien fällt es kaum ins Gewicht, wenn Leistungen in Griechenland billiger werden, weil eingekauftes Öl oder eingekaufte Leistungen in Dollar und Euro durchlaufende Posten in der Bilanz darstellen.

          Baumarkt stagniert

          Entscheidend für Massourakis ist der wirtschaftliche Begriff der „handelbaren Güter“, für den in Griechenland hergestelltes Aluminium oder Arzneimittel ein Paradebeispiel darstellen. Doch Griechenland habe solche Branchen lange Zeit vernachlässigt. Das sei die Hinterlassenschaft der Jahre, in denen das Land über seine Verhältnisse gelebt habe, zuletzt nicht nur mit einem Haushaltsdefizit von 15 Prozent des BIP, sondern auch einem Leistungsbilanzdefizit in der gleichen Höhe.

          Über die Jahre seien mit überhöhten Staatsausgaben und hohem Privatkonsum auf Kredit auch die wirtschaftlichen Strukturen verändert worden: Für handelbare Güter, die im Wettbewerb auf dem globalen Markt produziert und in alle Länder geliefert werden, wirkte sich die erhöhte griechische Nachfrage nicht aus. Der Weltmarkt sorgte für stabile Preise, es wurde einfach mehr importiert.

          Nur für die „nichthandelbaren Güter“, also etwa die Wohnungen, habe die jahrelange Scheinblüte Wirkungen entfaltet. Dort seien die Preise kräftig gestiegen, und daher wurde in Wirtschaftszweigen wie dem Bau kräftig investiert. Doch nun sind in Griechenland die Immobilienpreise gefallen, die Bauaktivitäten liegen bei der Hälfte früherer Jahre.

          Die nicht ganz so guten alten Zeiten

          „Wir hatten einen aufgeblähten Zweig für nicht handelbare Güter und eine anämische Entwicklung für die Exportbranchen mit den handelbaren Gütern“, sagt der Ökonom Massourakis. Dass bei der Sanierung nun das doppelte Defizit im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz beseitigt wurde, sei ein erster Schritt zu einer Neuorientierung. Nachdem jahrelang in Immobilien, Kaffeehäuser und Läden investiert wurde, sei nun gerade in diesen Wirtschaftszweigen Arbeitslosigkeit entstanden. „Doch auch nach einer Abwertung können wir nicht ganz einfach eine Autobranche für mehr Ausfuhren aufbauen“, sagt Massourakis.

          Eine Umorientierung Griechenlands in Richtung von mehr Export werde auf jeden Fall Zeit brauchen: „Wir brauchen eine andere Art von unternehmerischen Fähigkeiten, Glaubwürdigkeit bei ausländischen Kunden und langwierige Strukturreformen.“ Nachdem jahrelange Lohnsenkungen schon bisher eine „interne Abwertung“ darstellten und die Arbeitskosten in Griechenland für die Unternehmen verbilligten, kann der Chefökonom auch unter dieser Perspektive einem „Grexit“ keinen positiven Aspekt abgewinnen.

          „Bis zum Eintritt in die Währungsunion haben wir schließlich unter vielen Problemen gelitten, Zinsen von bis zu 25 Prozent und eine fast genauso hohe Inflation, und alle zwei bis drei Jahre gab es eine Abwertung“, sagt Massourakis. Stabile Zinsen und Wechselkurse waren Errungenschaften erst seit der Einführung des Euro. „Die früheren Zeiten sind nicht so attraktiv, dass wir unbedingt dorthin zurückwollten“.

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