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Griechenland-Krise : Selbst gesunde Unternehmen vor der Existenznot

Wirtschaftlicher Knotenpunkt in Griechenland: Der Hafen von Athen Bild: AFP

Griechenlands Wirtschaft rechnet mit dem Schlimmsten: dem Zusammenbruch, verbunden mit Kapitalverkehrskontrollen. Darauf können sie sich nur begrenzt vorbereiten, wie Gespräche mit betroffenen Unternehmern zeigen.

          Wenn in Griechenland Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, droht dann eine zeitweilige Schließung der Banken wie im März 2013 auf Zypern? Viele griechische Unternehmer rechneten am Freitag mit dem Schlimmsten. Je nach Branche waren die Befürchtungen größer oder kleiner, doch einig waren sich fast alle: Sollte nach Wochen der Ungewissheit nun auch noch der freie Kapitalverkehr eingeschränkt werden, hätte die griechische Krise einen neuen Tiefpunkt erreicht, und selbst manches bisher gesunde Unternehmen geriete wohl in Existenznot.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Giannis Papapanagiotou, Geschäftsführer der Athener Beratungsfirma Systema Consulting, die als Ingenieurbüro auf Verkehrsprojekte und Infrastrukturanalysen spezialisiert und international tätig ist, zeichnet ein düsteres Bild: „Kapitalverkehrskontrollen würden das Ende des Unternehmens bedeuten, und das Ende käme sehr schnell.“

          Schon jetzt habe sein Unternehmen Schwierigkeiten, die nichts mit seinen Leistungen und Angeboten, sondern allein mit dem Standort Athen zu tun haben: „Wir sind vor allem im Ausland tätig und müssen fast täglich unsere Glaubwürdigkeit verteidigen, die Griechenland als Staat und in der Folge auch die griechische Wirtschaft durch die Finanzkrise weitgehend verloren hat“, sagt Papapanagiotou.

          Bewusst Geld in Griechenland belassen

          Obwohl sein Unternehmen finanziell gesund sei und weder Liquiditätsprobleme noch Bankschulden habe, müsse er bei ausländischen Partnern immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, dass man Vereinbarungen und Verpflichtungen einhalten könne. „Leider schlägt griechischen Unternehmen grundsätzlich Misstrauen entgegen, weshalb es für uns schwierig geworden ist zu expandieren.“

          Vorkehrungen für den Fall von Einschränkungen des Bankverkehrs habe er trotz der beunruhigenden Entwicklung der vergangenen Tage abgesehen von Recherchen zu möglichen „Alternativen“ zum Kapitaltransfer ins Ausland noch nicht getroffen, sagt Papapanagiotou. „Aber jetzt sehen wir, dass Kapitalverkehrskontrollen möglich werden können, weshalb wir Bargeld ins Ausland bringen wollen, um uns zu schützen und die Firma am Laufen zu halten.“

          Bisher habe die Firma bewusst ihr Geld im Inland behalten, als Beitrag zur Steigerung des Vertrauens in die griechische Wirtschaft. „Aber derzeit habe ich den Eindruck, dass das ein großes Risiko ist.“ Papapanagiotou verweist auf Zypern, wo die Kontrollen inzwischen wieder vollständig aufgehoben wurden. Doch könne niemand beurteilen, welche Wirkung die mögliche Einführung von Kontrollen auf Griechenlands Wirtschaft haben werde, sagt der Unternehmer. „Wie in jedem Land sind Kapitalverkehrskontrollen die Folge eines Ansturms auf Banken und der Angst von Eigentümern um ihre Einlagen. Kapitalverkehrskontrollen bedeuten, dass das Bankensystem kollabiert ist – und das wiederum ist der Fall, wenn eine Volkswirtschaft zusammengebrochen ist.“

          Rückschlag für die griechische Wirtschaft

          Der Rechtsanwalt Gerasimos Gasparinatos, dessen Kanzlei auf Vertrags- und Immobilienrecht spezialisiert ist, spricht bewusst von „potentiellen Kapitalverkehrskontrollen“, denn noch hofft er, dass sich ihre Einführung abwenden lasse. Kämen sie doch, „hätte das mit Sicherheit einen negativen, kaum kalkulierbaren Einfluss auf eine Kanzlei wie unsere“, sagt der Jurist. Erstens geriete das Tagesgeschäft in Stocken, wenn Geld für Mieten, Gehälter und Dienstreisen nicht mehr umstandslos zur Verfügung stehe.

          „Zweitens fürchte ich, dass Kapitalverkehrskontrollen zu einem Verlust von Kunden führen könnten. Einerseits könnten internationale Gesellschaften aus diesen Grund ihre Tätigkeit in Griechenland einstellen, andererseits könnten die Kontrollen eine Aussetzung von Investitionsplänen zur Folge haben, etwa im Immobilienmarkt, wo in den jüngsten Monaten eine wachsendes internationales Interesse zu verzeichnen war.“ Vorbereiten könne sich eine Kanzlei wie seine auf eine solche Entwicklung kaum, sagt Gasparinatos.

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